„Nathan” in Köln: Regisseur lässt Stück auseinanderfliegen

Von: Guido Rademachers
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„Lessings „Nathan der Weise” am Kölner Schauspiel: mit Maja Schöne und Philipp Hochmair. Foto: Armin Smailovic

Köln. Nathan der Allgegenwärtige. Lessings Toleranz-Drama hat Konjunktur. Von Aachen bis Berlin, von Lübeck bis Graz beglückt derzeit auf deutschsprachigen Bühnen die Ringparabel aufgeklärte Zuschauergemüter. Christentum, Islam oder Judentum: Alle Religionen sind gleich.

Drei Ringe, die, ob Original oder Kopie, nicht zu unterscheiden sind. Wir müssen Freunde werden. Wer mag da widersprechen?

Am Schauspiel Köln mag man. Zunächst allerdings ist auf Punkt und Komma genau Original-Lessing zu hören. Als perfekt imitierte Sprachkunstakrobatik des guten alten Vor-Regietheaters - übertragen von einem einsam auf schwarzer Bühne angeleuchteten Megafon. Später hebt sich im Hintergrund ein Vorhang, und hinter Stehpulten sind live in Mikros sprechenden Schauspieler zu sehen. Langsam lockert sich die Tonstudio-Atmosphäre auf.

Die Schauspieler treten mit ihren Mikrofonen nach vorne, wenden sich für Momente zueinander, die kleinen Gesten werden größer. Zwei Musiker spielen Orgelmusik oder Techno per Laptop ein. Papst Benedikt, Bin Laden und Alan Greenspan als Riesenpappköpfe machen sich über einen Stapel Goldbarren her.

Nach einer Stunde scheint Schauspiel-Normallevel in Reichweite. Sebastian Rudolph tritt als Nathan im schwarzen Anzug an die Rampe, um sein „Geschichtchen” im Stile einer wohlgesetzten Sonntagsrede vorzutragen: „Vor grauen Jahren lebt´ ein Mann in Osten, der einen Ring von unschätzbarem Wert aus lieber Hand besaß.” Ein Städtl-Jude wie aus dem Bilderbuch geschnitten (Christoph Bantzer) marschiert vorbei. „Vor grauen Jahren”, grummelt dieser Nathan Nummer zwei in seinen grauen Rauschebart, „lebten Menschen im Osten, die nichts von unschätzbarem Wert aus lieber Hand besaßen. Sie kriegen Krieg.” Der Text stammt aus Elfriede Jelineks „Abraumhalde”.

Ausgerechnet mit der Ringparabel fliegt das Stück endgültig auseinander. Ab jetzt liefert Jelineks „Sekundärdrama” den bitter-heutigen Dauerkommentar zu Lessings über 200 Jahre alten Versöhnungsutopie. Wo Nathan nach dem Brand im Haus davon spricht, ein neues, schöneres zu bauen, heißt es bei Jelinek, auf Fritzl anspielend: „Vielleicht ist ja im Garten noch Platz für einen Keller.” Und Regisseur Nicolas Stemann springt vom Hörspiel, das nicht mehr zum Theater finden kann, unmittelbar zur Bilderflut einer trashigen Videoperformance, in der die Schauspieler vor einer Kamera als Religionsfanatiker posieren.

Einfach so spielen lässt sich für ihn der „Nathan” nicht mehr. Das ist das Desillusionierende und wohl auch das Weise an diesem genau durchkomponierten, intelligenten und radikalen Abend.

Die weiteren Aufführungen

Weitere Aufführungen im Schauspiel Köln: 7., 16., 19., 21., 25., 29 Mai, 19.30 Uhr; am 30. Mai um 16 Uhr.
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