Aachen - Nah und doch so fern

Nah und doch so fern

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
„Gut gegen Nordwind” von Danie
„Gut gegen Nordwind” von Daniel Glattauer im Aachener Grenzlandtheater: mit Solveig August und Leo Leike. Foto: Kerstin Brandt-Heinrichs

Aachen. Und dann wird es doch noch spannend. Happyend oder nicht? In Daniel Glattauers Zweipersonenstück „Gut gegen Nordwind”, das in der Regie von Intendant Uwe Brandt und Anja Junski im Grenzlandtheater Aachen Premiere hatte, wird eine moderne Liebesgeschichte erzählt.

Der Österreicher Glattauer, Jahrgang 1960, widmet sich einem modernen Medium - dem Internet, genauer gesagt der Möglichkeit, per E-Mail und Chat mit anderen eine fiktive Vertrautheit aufzubauen und dabei zugleich in Deckung zu bleiben.

Wie das so geht: Eine junge Frau versendet versehentlich eine Mail an einen jungen Mann. Nach anfänglichem „Oh, sorry, wird nicht wieder vorkommen” finden beide Gefallen am Geplänkel, der Ton wandelt sich vom lustig-bissigen Schlagabtausch zum empfindsamen Eingeständnis zunächst zaghafter, dann tiefer Gefühle, begleitet von Zweifeln, Hoffnungen, Zorn, Geständnissen, Enttäuschung und Versöhnung.

Was zunächst in Buchform als moderne Version des Briefromans funktioniert hat, wird hier auf die Bühne transferiert. Solveig August und Timo Hübsch tragen als Emmi Rothmer und Leo Leike die Verantwortung, den beiden Parallel-Leben, die sich stark annähern und doch so fern voneinander bleiben, Gestalt zu geben. Sie schaffen das mit Bühnenpräsenz, Wandlungsfähigkeit und bewundernswerter Textsicherheit.

Vollgekramtes Bühnenbild

Im etwas zu vollgekramten Bühnenbild von Nicole Royé und Willy Zitzen stehen Emmis Bett und Leos Lederliege ganz nah beieinander. Selbst die blauen Desktops der Computer leuchten gemeinschaftlich. Eine reizvolle Situation, die das Regieteam zu durchaus geschickter Personenführung nutzt. Die Darsteller meistern diese schwierige Situation charmant und souverän.

Sicherlich soll der permanente Kleiderwechsel die Privatsphären der beiden betonen, aber das ist gar nicht so nötig. Irgendwann spielt es eine Rolle, dass Emmi und Leo nach ein paar Drinks den Gefühlen besonders locker ihren Lauf lassen - aber muss man tatsächlich während des ganzen Stücks ein Glas nach dem anderen leeren, Whisky- und Weinflaschen schwenken? Und wer würde als Besitzer eines Laptops seine Dartscheibe genau über das Gerät hängen und fleißig Pfeile in diese Richtung werfen? Oder war das als Gag gedacht? Computerbesitzer bekommen da Gänsehaut.

Trotz rascher Szenenwechsel, die häufig vom „Pling” der neuen Mails bestimmt und von dröhnend-rhythmischen Musikelementen begleitet werden, ist das Stück zu langatmig. Gestrafft und ohne Pause wäre die gesamte Story griffiger, zumal man als Zuschauer nach und nach tatsächlich neugierig wird. Werden sich die beiden nach einem Fast-Rendezvous doch finden? Stimmen ihre jeweiligen Geschichten? Ist die Familie von Emmi erschwindelt? Nutzt Leo Emmi als Studienobjekt aus?

Im undefinierbaren Raum

All das bleibt irgendwo im undefinierbaren Raum des „www”, des World Wide Web, hängen wie eine E-Mail, die mit fehlerhafter Adresse losgeschickt wurde. Applaus zum Abschluss, ganz besonders herzlich für die Hauptdarsteller Solveig August und Timo Hübsch, die hart arbeiten mussten.
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