Musikhochschule Aachen lädt zur „Zeitreise in Liedern“

Von: Jenny Schmetz
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Drei von mehr als 40 Mitwirkenden: Pianist Toni Ming Geiger (v. l.), Professor Ulrich Eisenlohr und Tenor Tobias Glagau. Foto: Kurt Bauer

Aachen. Frack und Lackschuh, Abendrobe und Glitzergeschmeide – müssen nicht sein. Wer beim klassischen Liederabend nur an steife Sitztorturen denkt, der sollte am kommenden Mittwoch eine Tour durch die Aachener Musikhochschule wagen. Da kann er die Gattung Kunstlied ungezwungener kennenlernen.

„Ich trage bunte Socken“, sagt zum Beispiel der Pianist Toni Ming Geiger (26) mit einem Grinsen. Nicht nur klamottentechnisch soll die „Zeitreise in Liedern“ etwas lockerer angegangen werden. Geiger, der in Köln bei Professor Ulrich Eisenlohr Liedgestaltung studiert, ist einer von 48 Mitwirkenden, die musikalisch in die Nacht führen. Ja, die Reise ist nicht gerade ein Kurztrip.

Wer mag, kann satte sechseinhalb Stunden von Ort zu Ort flanieren und in verschiedenste Klangwelten abtauchen. Nicht nur ein Konzert, sondern gleich 18 werden geboten – mit Studierenden aus Aachen und Köln, Lehrenden wie dem Mezzosopran Dalia Schaechter oder dem Countertenor Kai Wessel und Gästen. Da wird der Liederabend zum Event. Für den nötigen Reiseproviant soll auch gesorgt sein.

Pianist Eisenlohr hat mit seinem Kollegen Stefan Irmer dieses ungewöhnliche Format entwickelt, um auch (jüngere) Menschen jenseits des klassischen Konzertpublikums zum Genre Lied zu verführen. „Jeder darf sich aussuchen, was ihm gefällt“, betont Eisenlohr. Und das Programm von 1600 bis heute ist äußerst vielfältig: ob Lautenlieder der Renaissance, Klassisches von Mozart, Romantisches von Schubert, Brahms oder Schumann, neuere Töne von Berg und Schönberg oder Zeitgenössisches von Wolfgang Rihm bis hin zu Improvisationen. Auch über die Entstehungszeit der jeweiligen Klangkunstgebilde sei viel zu erfahren. „Aber wir wollen nicht belehren, sondern Freude bereiten!“, schiebt Eisenlohr hinterher.

In den Beteuerungen klingt es schon an: Liederabende gelten als eher „schwer verkäuflich“. Eisenlohr hält das zwar für ein Gerücht, aber der Professor weiß natürlich, dass diese Kunstgattung durchaus anspruchsvoll ist – für Interpreten und Zuhörer. Das kann er sogar biologisch erklären: Da das Lied Musik und komplexe Lyrik verbinde, seien beide Hirnhälften gleichzeitig aktiv. Dass in seinem Kopf beim Liedgesang seine ganz persönliche Inszenierung abläuft, findet Gesangsstudent Tobias Glagau (27) so toll. „Da bin ich mein eigener Regisseur!“

Der Tenor und sein Klavier-Kommilitone Geiger sind sich ziemlich einig: Ein Lied ist wie ein guter Popsong. Verdichtete Seelenzustände. „Liebe, Verlust, Schmerz, Eifersucht – emotional ist das das Gleiche wie heute, nur in einer anderen Sprache“, findet Geiger. Und Glagau ergänzt: „In nur drei Minuten wird man in eine andere Welt entführt.“ So fühle er sich bei manchem Schubert-Lied in seine Pubertät zurückversetzt: „Da ist ein Mädchen, das du anhimmelst – und sie lässt dich abblitzen.“ Doch nicht nur Herzschmerz und Lyrisch-Romantisches wird dargeboten, betont Geiger. „Mit Eisler und Brecht wirde_SSRqs richtig bissig-politisch.“

Nicht zuletzt ist die „exponierter Intimität“ des Lieds ganz wichtig für die künstlerische und stimmliche Entwicklung, weiß ihr Lehrer. „Das ist eine ganz andere Baustelle, als Opernarien zu schmettern.“ Da seien besonders Differenziertheit und Textverständlichkeit, Persönlichkeit und Ausstrahlung gefragt. Als Liedgestalter am Klavier gefallen Geiger besonders die Teamarbeit und der Blick über den musikalischen Tellerrand hin zur Literatur.

Allerdings hört man da auch jeden schiefen Ton, jeden spieltechnischen Patzer. Dass die Liedinterpreten sich ohne Kostüm oder Ensemble, hinter dem sie sich verstecken könnten, wie „nackt“ präsentieren, setzt den Nachwuchs aber nicht unter Druck. Im Gegenteil, sie freuen sich – und bleiben locker. „Als Sänger habe ich sonst gar nicht so oft die Möglichkeit, mich im Liedgesang zu erproben“, sagt Glagau. Eisenlohr ist sich daher schon sicher: „Wir werden die Liednacht wiederholen!“

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