Museum Abteiberg zeigt 80 Werke des Aachener Sammlers Schürmann

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
schürmannbild
„Mouth Open, Teeth Showing” (Mund offen, Zähne zeigen): So nennt die amerikanische Künstlerin Zoe Leonard diese Rauminstallation aus Puppen, die sie bei Ebay ersteigert hat. Das Werk gehört zur Sammlung zeitgenössischer Kunst des Aachener Sammlers Wilhelm Schürmann, die das Museum Abteiberg in Mönchengladbach in einer Ausstellung mit 80 Exponaten ab Sonntag bis zum 15. November vorstellt. Die Sammlung mit über 1000 Objekten genießt Weltrang. Foto: Museum

Mönchengladbach. Das erste Kunstwerk, das Wilhelm Schürmann zusammen mit seiner Frau Gaby gekauft hat, war das Foto einer Frau, die sich ein Auge zuhält. „Das war in irgendeiner Galerie in Köln, 1972.” 37 Jahre später ist daraus eine Sammlung zeitgenössischer Kunst geworden, die ihresgleichen sucht - und das weltweit.

Damit spielt der Aachener Fotografie-Professor - zwei Jahre noch lehrt er bis zur Pensionierung an der FH Aachen - in einer Liga mit, die sich der ehemalige Chemiestudent selbst nicht erträumt hat. „Ich rätsel heute noch darüber, wie das kam”, sagt er. „Es ist das Gefühl: Das will ich haben. Und dann wird es Bestandteil meines Lebens.”

Einmal in Fahrt, redet Schürmann ohne Punkt und Komma - von wahrer Kunst und ihrer Bedeutung, was sie bewirkt und was sie unterscheidet von nur gut gemeinten kreativen Versuchen. Gestenreich gerät sein Vortrag zur Vorlesung während des Pressegesprächs im Mönchengladbacher Museum Abteiberg. Das präsentiert ab Sonntag bis zum 15. November gut 80 Objekte aus seiner überaus umfangreichen Kollektion. Wie viel Werke die umfasst? Schürmann zuckt mit den Schultern: „Über tausend?!”

„Auf einer Wellenlänge”

Susanne Titz ist seit fünf Jahren die Hausherrin auf dem Abteiberg. Die Gunst des Aachener Sammlers gilt ihr nicht von ungefähr (Schürmann: „Wir liegen auf einer Wellenlänge”) - sie war zuvor Ausstellungsleiterin beim Neuen Aachener Kunstverein (NAK), als Schürmann dort im Beirat saß. Ihr Museum und die Sammlung des 63-Jährigen passen zusammen wie Topf und Deckel: So vielgestaltig und disparat sich die Architektur des Hauses mit seiner labyrinthischen Raumfülle präsentiert, in der Kunst weitgehend ungeordnet als „Erlebnis inszeniert wird”, so - sagen wir - „andersartig” ist diese Sammlung strukturiert.

Titz und Schürmann entschieden sich, dass „Gespinst” der treffende Ausdruck dafür sei. „Das Gespinst” - so heißt die Ausstellung denn auch. Weder Stile noch Kategorien wie Schönheit leiten des Sammlers Leidenschaft - seine Philosophie ist denkbar einfach: „Kunst ist entweder interessant oder uninteressant. Sie muss meinen Blickwinkel aufbrechen.” „Überraschen” heißt das Zauberwort.

Überrascht gelangt der Besucher in der Tat zum Beispiel in einen Raum mit acht (!) riesengroßen Gemälden von Gerhard Richter aus dem Jahr 1975 - nichts als graue Flächen. So grau, grauer geht´s nicht. Mittendrin: ein Beistelltisch aus einem Hotel mit eben einem solchen Gemälde als Tischplatte, ein Werk des früh gestorbenen Martin Kippenberger. Wilhelm Schürmann kennt den Zusammenhang genau - wie im übrigen bei allen „seinen” Schätzchen: Um jedes einzelne kann er endlos Anekdoten, Details und Beziehungen ranken.

Mit dem zerstörerischen Erfindungsreichtum eines Attentäters und dem Humor eines Clowns attackierte Kippenberger in den Achtzigern den Kunstbetrieb, etwa die bedenkenlose Bereitschaft, einem Jeff Koons für seinen Kitsch Millionen hinterherzuschmeißen.

Kippenberger tat das Gegenteil: Er kaufte für 12.500 Mark ein graues Bild von Richter, baute es in das Tischchen ein und: Plötzlich war das Werk von Richter ein Original von Kippenberger und schlagartig nur noch 4000 Mark wert! Treffender ließen sich derlei Absurditäten im Kunstbetrieb nicht mehr auf die Spitze treiben. So etwas macht Schürmann Spaß - wenn ein autonomes graues Bild buchstäblich so beiläufig wie hier von der Wirklichkeit eingerahmt wird.

Überraschender Raum

Und noch ein überraschender Raum - einer von sehr, sehr vie-len: 61 Puppen hat Zoe Leonard bei Ebay ersteigert und truppweise aufgestellt. Hier fehlt ein Ärmchen, dort klafft ein Loch im Bauch - all die ehemals geliebten Wesen sind in Auflösung begriffen, Symbole einer schwindenden Erinnerung, Relikte einer Lebenszeit, unscheinbar, und doch so bedeutend.

Wahrscheinlich ist es die besondere Sensibilität, mit der dieser Aachener Sammler jenseits aller Stil- und Geschmacksfragen Skulpturen, Objekte, Gemälde und Installationen von Rachel Harrison, Thomas Locher, Richard Hawkins, Peter Saul, und wie sie alle heißen, in Europa und den USA zusammenträgt, und die gesamte Kollektion so bedeutend macht. Der Mönchengladbacher Museumsdirektorin verspricht er bereits das Angebot, ihrem Haus Teile der Sammlung zu schenken. Womöglich noch mehr: „Bei Susanne Titz ist alles möglich!”

Und Schürmann wäre nicht Schürmann, wenn er seine Überzeugung auslassen würde, dass „vieles, was sonst als Kunst durch die Museen segelt, gar nicht bewahrenswert ist”. Weil „manch privat Gesammeltes schon anderntags im Museum hing”. Dabei blickt er dem Gast aus Aachen tief in die Augen. Zufällig.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert