Mozarts „Figaro” stemmt sich in Köln gegen abenteuerliche Bedingungen

Von: Pedro Obiera
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Da tanzen die Puppen und Wänd
Da tanzen die Puppen und Wände: Der Kölner „Figaro” nimmt durch seinen Werkstattcharakter für sich ein. Foto: Paul Leclaire

Köln. Das Tollhaus, das die Kölner Oper zuletzt geboten hat, passt gar nicht so schlecht zum „Tollen Tag”, Beaumarchaise_SSRq ebenso aufrührerischer wie genialer Vorlage zu Mozarts „rabenschwarzer Komödie” „Le nozze di Figaro”, wie Regisseur Benjamin Schad das Werk nennt.

Innerhalb von zwei Monaten musste die Inszenierung des schwierigen Stücks gestemmt werden, nachdem Ex-Intendant Uwe Eric Laufenberg geschasst wurde und somit auch als Regisseur ausfallen musste. Konzept und Bühnenbilder konnte Schad nicht übernehmen. Der kennt zwar als Spielleiter in Laufenbergs Amtszeit die Handschrift seines ehemaligen Chefs gut, musste sich aber eigene Wege bahnen.

Nach seinem triumphalen Erfolg mit Brittens „Turn of the Screw” hat sich der 29-jährige Newcomer als herausragendes Talent empfohlen. Allerdings erfordert der „Figaro” mit seinen komplexen Beziehungsgeflechten erheblich mehr Probenzeit und Detailgenauigkeit. Eine ganz runde Sache konnte es also nicht werden. Zumal auch die eher dürftigen Bühnenbilder im noch nüchterneren Palladium in den Probenzeiten erstellt werden mussten.

Tobias Flemming begnügt sich mit einer schlichten Holzhütte, die sich im Laufe des mehr als dreistündigen Abends vollständig (und leider polternd) auflöst. Zum brüchigen „Happy End” blicken alle, ob verheiratet, verlobt oder verliebt, irritiert und isoliert in eine ungewisse Zukunft. Den einzigen Hoffnungsschimmer liefert ein schlichter Lichtstrahl. Keine schlechte Lösung, die Mozarts psychologischem Feingefühl durchaus entgegenkommt.

Schad tat gut daran, sich angesichts der abenteuerlichen Arbeitsbedingungen auf einen Aspekt des Werks zu konzentrieren: die Macht der sexuellen Begierde, die die muntere Gesellschaft in halsbrecherische Affären und Konflikte stürzt. Dass im Hintergrund die Trommeln der Französischen Revolution die Auflösung der gesellschaftlichen Strukturen ankündigen, vernachlässigt Schad. Die menschlichen Konflikte arbeitet er jedoch konsequent aus, auch wenn viele Details nur angedeutet bleiben müssen.

Dabei kann sich Schad auf ein junges, äußerst spielfreudiges Ensemble stützen, das gesanglich allerdings gemischte Eindrücke hinterlässt. Eindeutige Sieger des Premieren-Abends sind die Damen mit Claudia Rohrbach als Susanna, Maria Bengtsson als Gräfin und Hi-Hyon An als Barbarina. Matias Tosi als Figaro wirkt stimmlich farbloser als bei seinen Auftritten im Essener „Don Giovanni”. Auch dem Grafen von Mark Stone fehlt es an baritonaler Strahlkraft. Der Rest des Ensembles bewegt sich auf durchschnittlichem Niveau.

Konrad Junghänel dirigiert mit gemäßigt historisierendem Touch im Wesentlichen straff und zügig, aber auch kühl, bisweilen unterkühlt. Überzogene Tempodehnungen wirken aufgesetzt. Zusammen mit dem nicht übermäßig präzis spielenden Gürzenich-Orchester eine zwiespältige Leistung. Insgesamt aber ein interessantes Projekt, das vor allem durch seinen Werkstattcharakter und seine Spontaneität für sich einnimmt.

Die nächsten Termine im Palladium, Köln-Mülheim, Schanzenstraße 40: 18., 20., 24., 26., 28. und 31. Oktober sowie 4. November.
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