Aachen - Molière hätte seine helle Freude gehabt

Molière hätte seine helle Freude gehabt

Von: Eckhard Hoog
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Aachen. Bevor Lena und ihre Konkurrenten in Oslo beim Song Contest loslegten, erklang im Fernsehen wieder einmal jene markige Fanfare, die seit 1954 TV-Ereignisse von europäischer Tragweite ankündigt: die Eurovisionshymne.

Die klingt zwar irgendwie nach Beethoven, ist aber tatsächlich das Präludium des Te Deum von Marc-Antoine Charpentier, einem französischen Komponisten zur Zeit Ludwigs XIV. - was vermutlich kaum ein Mensch weiß.

Ebenso wenig bekannt dürfte sein, dass dieser Mensch auch die Musik zum beliebtesten Stück Molières geschrieben hat: dem „Eingebildeten Kranken”. 300 Jahre lang war die Partitur verschollen, erst vor 20 Jahren tauchte die Handschrift wieder auf. In Deutschland ist die Komödie noch niemals mit der Originalmusik aufgeführt worden. Das Theater Aachen bringt die „Ausgrabung” jetzt in einer neuen Version erstmals heraus, mit Schauspielern, Opernsängern, Chor und Sinfonieorchester.

Mit viel Herzblut

Mit viel Herzblut arbeiten alle Beteiligten hinter den Kulissen seit Wochen an dem Projekt. „Es ist ein richtiges barockes Musical”, erklärt Musikdramaturg Kai Weßler, „mit vielen Songs und einem hohen Sprechanteil.” Er vergleicht es mit Brechts „Dreigroschenoper”.

Damit die barocke Atmosphäre auch auf Anhieb spürbar wird, sind diesmal Schneiderei und Kostümabteilung des Theaters ganz besonders gefragt.

Auf ihren Hüften wird Opernsängerin Michaela Maria Mayer als Argans Frau Béline gut und gerne ein Tablett abstellen können, derart weit laden die weiblichen Attribute ihres schmucken Kleides an dieser Stelle aus. Aber das war zur Zeit des Sonnenkönigs halt der letzte Schrei. Sechs Wochen lang haben die Schneiderinnen vom Entwurf bis zum letzten Schnitt an dem guten Stück gearbeitet, erzählt Sigrid Brüninghoff, die Kostümbildnerin. Von ihr stammen alle Entwürfe.

Für manchen Sänger wird es womöglich eine längst vergessene Erfahrung sein, plötzlich wieder verkleidet auf der Bühne zu stehen, meint Weßler nicht ohne Amüsement. Er hat ja Recht: wo doch heutzutage selbst der Fliegende Holländer im adretten Straßenanzug zu versinken pflegt.

Ganz anders im „Eingebildeten Kranken”: Barocke Rubens-Figuren hat Sigrid Brüninghoff als Vorbild genommen für die Kostüme der geldgierigen Ärzte und Krankenschwestern. In wochenlanger Arbeit sind die wulstigen Garderoben der Chorherren entstanden, die auf den ersten Blick sagen: Hier ist doch jemand durch die Dauerbehandlung des Hypochonders Argan reichlich fett geworden.

Dazu musste aber erst einmal der originale Körperbau der Sänger mit Puppen maßstabsgetreu nachgebaut werden, beschreibt Renate Schwietert, die Leiterin der Kostümabteilung, den Beginn der Herstellungsprozedur. Erst dann konnte Schicht um Schicht Wattematerial auf einem passgenauen Trikot aufgebracht werden, bis das Endprodukt, der sogenannte „Watton”, der zur „Aufpolsterung” unter den Kostümen getragen wird, fertig war.

Richtig schön barock-feist werden die Damen und Herren Weißkittel aussehen, wenn sie im Chor singen. Weßler: „Ein Ausdruck von Bedrohlichkeit und Künstlichkeit.” Vor allem vergnüglich fürs Publikum. „Die Musik ist sehr sinnlich und tänzerisch”, findet der Dramaturg, der demnächst ans Staatstheater Nürnberg wechselt und damit GMD Marcus R. Bosch vorausgeht.

Rosa Schleifchen zieren die goldbestickten Brokat-Beinkleider des Argan, dargestellt von einem der drei Schauspieler in der musikalischen Produktion, Karsten Meyer. Offensichtlich genau die richtige Hose für einen Menschen, dem das eigene Ego über alles geht. Mit sehr viel Sinn für Hintersinn hat Sigrid Brüninghoff ihre Kostüm-Aufgabe gelöst.

Die Aachener Fassung des „Eingebildeten Kranken” wird in einer entscheidenden Hinsicht von der originalen Molière-Charpentier-Version abweichen: Während die Musik ursprünglich nur zwischen den Akten gespielt wurde, ist sie nun ins Stück selbst integriert worden.

Geholfen hat dabei ein Musikwissenschaftler und Charpentier-Experte, den das Theater in Oklahoma, in den USA, ausmachen konnte: John Paul. Er wird zur Premiere nach Aachen kommen.

Den Prolog des Originalstücks, in dem Ludwig XIV. geschlagene 25 Minuten lang verherrlicht wird, lässt man weg. Der fiel schon bei der Uraufführung am 10. Februar 1673 weg - der Sonnenkönig war nicht gekommen. Und am 26. Juni ist er vermutlich auch nicht zu erwarten.


Der eingebildete Kranke, musikalische Komödie von Molière und Marc-Antoine Charpentier im Theater Aachen, Premiere ist
am Samstag, 26. Juni, um 19.30 Uhr. Weitere Aufführungen am 3., 4., 7., 11., 14., 16., 18. Juli; 25. September, 17. Oktober und 19. Dezember.

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