Aachen - Mörgens: Poppige Talkshow mit Gymnastik

Mörgens: Poppige Talkshow mit Gymnastik

Von: Christina Merkelbach
Letzte Aktualisierung:
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„Der große Marsch“ von Wolfram Lotz im Mörgens: mit (vorn) Katja Zinsmeister als Moderatorin und (auf der Videoleinwand, von links) Dorothee Köhn, Markus Weickert und Christian Kall. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Hamlet im grauen Hausmeisterkittel schiebt einen Einkaufswagen. Shakespeares bekanntester tragischer Held, gespielt von Thomas Hamm, ist zu Gast im Mörgens. Sprechen soll er „über die RAF oder irgendwas anderes“.

Als Hilfsmittel dienen Overhead-Projektor, Megafon und ein kleiner Handventilator. Absurd? Sicher. Aber auch sehr lustig. Das Aachener Theater zeigt „Der große Marsch“ von Wolfram Lotz – ein Theaterstück über Theater, eine Einladung, darüber nachzudenken, was Theater kann und will.

Lotz, 34 Jahre alt, erhielt dafür 2011 den Kleist-Förderpreis, und ist derzeit auf deutschsprachigen Bühnen extrem angesagt. Das liegt auch daran, dass er selbstbewusst feststellt, das Theater könne und müsse „Unmögliches möglich machen“. Zum Beispiel „Der große Marsch“ aufführen, obwohl die Vorlage das eigentlich ausschließt. Denn sie verlangt nicht nur, dass Mutter Lotz, Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und der ehemalige Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt in Person auftreten. Das Stück fordert auch eine echte Rolltreppe als Kulisse, vor Trauer weinende Tiere und 21 mongoloide Kinder, die die Bühne zerlegen und das Publikum aus dem Raum jagen.

Stück beginnt schon im Foyer

Mit seiner ersten Arbeit am Theater Aachen gelingt Regisseur Thorsten Bihegue eine unterhaltsame Inszenierung, weil er die Vorgaben mit viel Fantasie und Gespür für Überraschungen umsetzt. So beginnt das Stück schon im Foyer, wo Schauspieler sich unter die wartenden Zuschauer mischen und zum Beispiel mit einem angeblichen Kinderfoto von Wolfram Lotz darauf vorbereiten, dass es unkonventionell zugehen wird.

Das Café Mörgens heißt jetzt Café Lotz, wo zehn freiwilligen Zuschauern ein „Einblick in die Wirklichkeit“ versprochen wird. Aus dem Café gibt es eine Live-Schaltung in den Bühnenraum, dort zu sehen auf einer großen Leinwand. Die ist ebenso verschiebbar wie der braune Vorhang, der zu Beginn als Raumteiler dient (Bühne und Kostüme: Theresa Mielich). In der rechten Ecke flackern Zitate und Regieanweisungen in Rot über ein digitales Spruchband.

„Der große Marsch“ im Mörgens ist eine poppige Talkshow, moderiert von einer Schauspielerin als Schauspielerin. Katja Zinsmeister läuft in dieser Rolle zur Hochform auf. Mit inquisitorischer Strenge befragt sie ihre Gäste, springt und hetzt durch die Zuschauerreihen, hampelt, strampelt und brüllt, macht Gymnastikübungen, während sie interviewt und schiebt auch mal das Talkshowsofa samt Gast quer durch den Raum. Ein rastloses Programm, das Katja Zinsmeister in adretter Bluse, blau-weißen Turnschuhen und mit strenger Hochsteckfrisur absolviert.

Nele Swanton, Markus Weickert und Thomas Hamm wechseln dagegen mehrfach Kostüme und Rollen, darunter eine Anarchisten-Ikone, ein gescheiterter Attentäter und ein wegen Inzest verurteilter Familienvater. Markus Weickert referiert als Prometheus in silbernen Paillettenleggings beeindruckend aufgebracht über Sterblichkeit, während aus seiner Toga die geschundene Leber bläulich tropft. Nele Swanton ist dank Jackett und Schlips Banker Josef Ackermann und gesteht, unter der Dusche gerne „La Traviata“ zu singen, das Theater aber „als Mensch“ nicht zu besuchen. Thomas Hamm treibt die moderierende Schauspielerin als selbstverliebter Regisseur genussvoll an die Leistungsgrenze. Vier starke Statisten unterstützen die Darsteller.

Wer das Stück besucht, darf keine Berührungsängste haben. Die Zuschauer werden direkt angesprochen und angefasst, müssen sich die Augen zuhalten und wissen nicht, wann sie wieder schauen sollen.

Dem Premierenpublikum gefällt es. Es dankt mit kräftigem, lang anhaltendem Applaus und anerkennenden Pfiffen.

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