Aachen - Mit Schwung und Lyrik Europa eine Seele geben

Mit Schwung und Lyrik Europa eine Seele geben

Von: Jenny Schmetz
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Gilt als einer der besten Kenner europäischer Geschichte: Timothy Garton Ash. Foto: Kai Bienert

Aachen. Einen englischen Europäer? Einen leidenschaftlichen englischen Europäer? Ja, es gibt ihn noch! Auch in Krisenzeiten wie diesen. Timothy Garton Ash ist einer. Und der brillante Wissenschaftler preist seine Leidenschaft nicht etwa verschwurbelt oder staubtrocken, sondern glasklar – und sogar unterhaltsam.

Für sein engagiertes Werben für ein vereintes Europa wird der 57-Jährige in Aachen mit dem Europäischen Medienpreis Karlsmedaille (für flinke Zungen: Médaille Charlemagne pour les Médias Européens) ausgezeichnet. Der britische Historiker gilt als Star unter den populären Wissenschaftlern, als einer der besten Kenner europäischer Geschichte und Politik. „Und er zögert nicht, auch Haltung zu zeigen“, betont die Kuratoriumsvorsitzende Frauke Gerlach.

Der gebürtige Londoner forscht als Professor und Direktor des European Studies Centre am St. Antony's College der Universität Oxford – aber nicht nur im stillen Kämmerlein. In aller Welt ist der Historiker unterwegs, als Augenzeuge politischer Umbrüche, als Grenzgänger zwischen Gelehrtem und Journalist. So veröffentlichte er bisher neun Bücher, zu seinen bekanntesten zählen „Ein Jahrhundert wird abgewählt“ und „Freie Welt“. Zudem schreibt er Reiseberichte, politische Analysen und Kommentare für renommierte Zeitungen und Magazine wie „Der Spiegel“, „The Guardian“, „The Washington Post“ oder „The Wall Street Journal“ und ist auch in Deutschland ein gefragter Gesprächspartner – ob bei der Münchner Sicherheitskonferenz oder der Frankfurter Buchmesse, wo der polyglotte Gentleman gerne in geschliffenem Deutsch parliert.

Thomas Mann ist schuld, sagt er. Schuld an seinem Interesse für Deutschland: Timothy Garton Ash lebte jahrelang in Berlin, schrieb seine Doktorarbeit über die Nazis und studierte die SED-Diktatur. Und der Lübecker Dichter hat sie vielleicht auch zum Pochen gebracht, seine literarische Ader. Gerühmt wird sein unverwechselbarer Stil, die Mischung aus Impressionen und Reflexionen – mit deutlich kürzeren Sätzen als bei Thomas Mann.

Zuwider ist dem Historiker dagegen die „Kleinprosa“ der Brüsseler Institutionen. „Schwung“ und „Lyrik“ will er in die europäische Politik bekommen. „Mein Europa sind die Menschen auf den Straßen Warschaus, Berlins, Prags, Barcelonas, Vilnius'“, betont der Autor. Sie will er wohl auch erreichen, wenn er Kampagnen wie „Europa eine Seele geben“ oder „Ich will Europa“ Gesicht und Stimme leiht.

„Er hat besonders jüngere Menschen im Blick“, betont Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp. Zwar müssten die 20-Jährigen ihr eigenes Verhältnis zu Europa entwickeln, meint Garton Ash, aber er verdeutlicht seinen Studenten: „Wir leben im besten Europa, das es je gegeben hat!“ Freiheit, Wohlstand, soziale Gerechtigkeit und relative Sicherheit im Alltag – das bezeichnet der Professor als „Easyjet-Europa“, ein Begriff, den die jüngere Billigflieger-Generation wohl versteht. „Wenn euch das etwas wert ist, dann tut etwas dafür!“ Twitternd, bloggend und mit seiner „Free Speech Debate“-Webseite über freie Meinungsäußerung tut er selbst etwas dafür, junge Leute zur Politik zu ködern. Praktisch, dass einer seiner beiden Söhne Web-Entwickler ist.

Aber auch die hohen Politiker knöpft sich Timothy Garton Ash vor. Apropos Haltung. Ob er die Europakritik seines Premiers zerpflückt oder von der Bundeskanzlerin mehr Überzeugungskraft in der Schuldenkrise verlangt. Genug Diskussionsstoff also im Vorfeld der großen Karlspreisverleihung.

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