Mit Donald Duck zur Traumkarriere

Von: Eckhard Hoog
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Er konnte sich einen Traum erfüllen und Comiczeichner bei Disney werden: der Aachener Ulrich Schröder. Auf der Comiciade in Aachen kann man ihm am Wochenende beim Zeichnen über die Schulter schauen. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Mit sieben, acht Jahren, da wollte er Postbote werden. „Ich dachte, da ist man immer an der frischen Luft und muss nur den halben Tag arbeiten.“ Mit zwölf war dann Koch der Favorit: „Im Quellenhof wollte ich später eine Lehre machen. Aber als ich erfuhr, wie lange Köche so arbeiten...“ Ausgerechnet sein dritter Traumberuf, der utopischste von allen, mindestens so unerreichbar wie Astronaut oder Rennfahrer, der wurde für Ulrich Schröder dann wahr: Comiczeichner.

Und nicht etwa irgendeiner! Der berühmteste Comic-Held der Welt fließt ihm seit mittlerweile über 30 Jahren aus der Feder: Donald Duck. Ein Aachener in den Schuhen von Walt Disney – mit 20 startete der frischgebackene Abiturient der Viktoriaschule eine Traumkarriere, die er selbst heute im Nachhinein kaum für möglich hält. Der 50-jährige Ulrich Schröder – am 4. April feiert er den runden Geburtstag – gehört jetzt zu den Stars der Comiciade in Aachen. Am Donnerstagabend, 18 Uhr, wird im Ludwig Forum seine Ausstellung eröffnet, eine Präsentation von Comiczeichnungen, die in Kooperation mit dem niederländischen Disney-Zeichner Daan Jippes entstanden sind.

Bei dem ersten Aachener Comic-Fest geben sich am 4. und 5. April internationale Comiczeichner ein Stelldichein, sie lassen sich beim Arbeiten über die Schulter schauen, geben Geschichten aus der Szene zum Besten oder signieren ihre Alben. Aus Belgien werden die weltberühmten Größen Hermann und Walthéry erwartet, außerdem Philippe Delzenne und Gerd van Loock. Aus England kommt Popeye-Zeichner Roger Langridge, aus der Schweiz Spider-Man-Zeichner David Boller.

Zahlreiche Comic-Verlage präsentieren ihre Neuerscheinungen, darunter der Panini Verlag und Salleck Publications. Erwartet werden auch viele sogenannte „Cosplayer“, die mit fantasievollen Kostümen berühmte Comic-Figuren darstellen. Ein buntes Rahmenprogramm mit Diskussionen, Wettbewerben, Filmvorführungen, Vorträgen, Künstler-Comic-Biografien, Parties und einem Comic-Café runden das Fest ab. Schauplätze sind das Ludwig Forum, die Kirche St. Elisabeth und das Atelier Lake (Jülicher Straße 114). Und der Familiensonntag, 6. April, steht von 11 bis 18 Uhr gleichfalls ganz im Zeichen der Comiciade.

„70 Jahre alt ist dieser Stift“, sagt Ulrich Schröder und zieht die Hülle von seinem Allerheiligsten ab: einem braunen, holzgemaserten Füller des amerikanischen Herstellers Waterman. „Das Modell heißt ‚Pink‘. Ein legendäres Stück, heute unmöglich zu bekommen.“ Mit ein paar Schwüngen zieht Schröder den Füllfederhalter über das Papier und demonstriert damit die erstaunlichen Fähigkeiten der alten Pink-Feder: Wie von selbst entstehen im Auf- und Abschwung Linien von kalligrafischer Schönheit. Man könnte auch sehr kunstvoll schreiben mit dem Waterman-Wunderstift. Für Ulrich Schröder ist es das wichtigste Werkzeug, um Donald zeichnerisch Leben einzuhauchen.

Bereits mit neun verblüffte er seine Mitschüler, als er mit wenigen Strichen Donald Duck aufs Papier zauberte. Carl Barks, der große Disney-Zeichner, war von Anfang an sein Vorbild; dessen Stil ging ihm in Fleisch und Blut über. „Das ist der Stil, der in den vierziger Jahren entstand“, erzählt Schröder. „Die Geschichten werden immer noch auf diese Art erzählt, wenn auch unter heutigen Vorzeichen.“

Als in Frankfurt am Main in der deutschen Disney-Vertretung die Stelle des Hauszeichners frei wurde, bewarb sich der 20-Jährige – und wurde vom Fleck weg engagiert. „Die hatten keine Ahnung“, sagt Schröder lachend heute. „Die sahen nur: ‚Oh, der kann Donald zeichnen.‘ Dabei war die Qualität meiner Zeichnungen alles andere als ausreichend.“ Ein sympathisches Understatement des 50-Jährigen. Tatsächlich zeichnete Ulrich Schröder drei Jahre lang für Disney Deutschland, ehe er für Höheres berufen wurde.

Was sagten die Eltern dazu? Die Mutter, Architektin, Malerin und Pianistin: „Sie meinte: Mach‘ das, womit Du am besten Geld verdienst!“ Der Vater, Architekt: „Mach‘ das, was Dir den meisten Spaß macht!“

Am Ende sollten beide mit ihrem Rat Recht behalten: 1990 bekam ihr Sohn in Paris eine einzigartige Chance, als der Posten des Art Directors frei wurde. „Meine Freundin war Französisch-Lehrerin. Ich fragte sie einfach, ob sie nicht Lust hätte, an die Seine zu ziehen.“

Gesagt, getan: 20 Jahre lang wachte Schröder in der Folgezeit darüber, dass Tassen, Kannen, Schals und alle nur erdenklichen Merchandising- und Disney-Lizenz-Produkte die Helden aus Entenhausen authentisch abbildeten. Ulrich Schröder wurde zum Bewahrer und Garanten des traditionellen Disney-Stils.

Seit fünf Jahren arbeitet der Aachener nun freiberuflich für Disney und zeichnet die Titelseiten von Micky-Maus-Heften in Frankreich, Finnland, Dänemark und Holland. Viele Zeichnungen entstehen in Zusammenarbeit mit dem Niederländer Daan Jippes. „Er ist ein Genie“, erklärt Schröder voller Überzeugung. Jippes, trickfilmerfahrener „Character Designer“ bei Disney, weiß oftmals, den Zeichnungen des deutschen Kollegen den letzten dynamischen Schliff zu verleihen, um die erzählerische Wirkung der Bilder noch zu steigern und verständlicher zu machen.

Die Gegenüberstellung von Schröders Entwurfs-Zeichnungen mit den Endfassungen und Jippes „Verbesserungen“ in verdeutlichen in der Aachener Ausstellung den kunstvollen Arbeitsprozess der Disney-Zeichner. Dabei wehrt sich Ulrich Schröder vehement dagegen, als Künstler bezeichnet zu werden. „Ich bin Handwerker“, sagt er, „weil doch so vieles vorgegeben ist – die Figur, der Stil...“

Mit Schwung im Handgelenk demonstriert der Meisterzeichner, wie Donald auf dem Papier entsteht: aus einfachen Grundformen, Kreisen und Schläuchen. „Das stammt aus dem Trickfilmbereich“, erklärt er. „Mit diesen Grundformen lässt sich die Figur am einfachsten in Bewegung bringen.“ Vorgezeichnet wird in Hellblau, das später in der Nachbearbeitung am Computer zum Verschwinden gebracht wird. Die eigentliche Zeichnung der Konturen entsteht mit Tusche und Feder – eben doch zumindest als kleines Kunstwerk, und das beinahe im Handumdrehen. . . .

Ulrich Schröder ist über Donald Duck zum Weltbürger geworden, er lebt abwechselnd in Paris und Barcelona. Er hofft, dass die Comiciade in Aachen zur festen Einrichtung wird – als Comic-Biennale.

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