Mit besonderem Kniff: Molières „Tartuffe” im Theater Aachen

Von: Eckhard Hoog
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Sie schlüpfen in „Tartuffe”
Sie schlüpfen in „Tartuffe” im Theater Aachen munter in die Rolle des anderen Geschlechts: (von links) Felix Strüven spielt die Zofe Dorine, Bettina Scheuritzel den Patriarchen Orgon und Joey Zimmermann dessen Mutter, Madame Pernelle. Die Inszenierung von Christina Rast (Bühne und Kostüme: Franziska Rast) hat an diesem Samstag Premiere. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Madame Pernelle fliegt, besonders wenn ihr Mann sie gerade im Schwitzkasten hat, gelegentlich gerne die Perücke vom Kopf. In den Blick gerät dann ein bis dahin sorgsam verborgenes, gebohnertes Oberstübchen, das in einen gewissen Kontrast gerät zu einem hüftgepolsterten Prunkkleid eine Etage tiefer, bei dem selbst Madame Pompadour vor Neid erblassen würde.

Dass Madame Pernelles Mund auch noch von einem pfleglich gestutzten Bärtchen umrahmt wird, stört den Gesamteindruck in dem Moment eigentlich nicht mehr wirklich. Im Gegenteil: Es darf gelacht werden - und das tüchtig. Zumindest verspricht das die Art, wie das schwesterliche Regieteam Christina (Inszenierung) und Franziska Rast (Bühne und Kostüme) Molières Komödie „Tartuffe” angeht, die an diesem Samstag im Theater Aachen Premiere hat.

Drei der insgesamt neun Rollen haben sie geschlechtlich gegenbesetzt. Die der Madame Pernelle, da braucht man in diesem Fall nicht lange zu rätseln, hat Joey Zimmermann übernommen, seit 2006 festes Mitglied des Ensembles.

Lachpotenzial steigern

Den alten Patriarchen Orgon, der sich wie seine ganze Familie in dem Klassikerstück bekanntermaßen von dem so skrupellosen wie geschickten Betrüger Tartuffe über alle Maßen übers Ohr hauen lässt, spielt Bettina Scheuritzel. Und die Zofe Dorine, die das Herz auf der Zunge trägt, verkörpert der junge Felix Strüven. Das kann nur lustig werden - und darauf zielt Regisseurin Christina Rast, die mit ihrer Schwester vor einem Jahr mit Shakespeares „Viel Lärm um nichts” im Theater Aachen für Furore gesorgt hat, auch ab.

„Drei Faktoren spielen bei der Gegenbesetzung eine Rolle”, sagt sie. Und das sind, kurz zusammengefasst: Erstens die zu Molières Zeiten ohnehin gängige Praxis, in einer Wandertruppe „aus einem Pool an Leuten” die gerade zur Verfügung stehenden Darsteller auszuwählen; zweitens die historische Tradition, das Lachpotenzial von Komödien mit männlichen Frauen und umgekehrt noch zu steigern; drittens das alles aufzugreifen, einmal zu sehen, welche Rolle aus dem „Pool” an Aachener Schauspielern am besten gegenzubesetzen wäre, um schließlich die Eigenschaften und Facetten der jeweiligen Figuren noch von einer anderen Seite ganz neu zu beleuchten.

Für die Dorine, ein Ausbund an Aufmüpfigkeit, bot sich einfach - das findet auch Dramaturgin Inge Zeppenfeld - Felix Strüven an, seit 2010 festengagiert in Aachen. „Eine Herausforderung”, bekennt der 28-Jährige, und das in zweierlei Hinsicht. „An das Freche der Figur musste ich mich erst herantasten”, erzählt er, der persönlich eigentlich nicht den Eindruck macht, als könnte er kein Wässerchen trüben. Die zweite Herausforderung lag ihm dagegen eher: die Darstellung des Weiblichen - eines hübsch beschwingten Gangs zum Beispiel, der gewisse körperliche Attribute anmutig zu betonen in der Lage ist. „Ich habe früher viel getanzt”, erklärt der gebürtige Hamburger seine angelernte feminine Affinität.

Aus der Beschäftigung mit der Figur der Dorine konnte Felix Strüven jedenfalls schon Kapital schlagen, und das durchaus im buchstäblichen Sinne, wie seine Anekdote beweist. „Ich frage mich seit Wochen in bestimmten Situationen: Wie würde wohl Dorine jetzt handeln?” Genau das kam ihm in der Auseinandersetzung mit einem Angestellten der Bahn zugute, der ihm eine Preiserstattung nicht genehmigen wollte. Strüven besann sich einen Moment - und reagierte genauso, wie er sich die Dorine in dem Moment vorstellte: „Ich krakeelte ein bisschen herum...” Siehe da: Der Mensch von der Bahn gab klein bei. Die Schauspielrolle als Lebenshilfe!

„Lustvoll das andere Geschlecht spielen”, nennt das Regisseurin Christina Rast, die betont, dass es in dem Stück wie in ihrer Inszenierung nicht um eine fein ziselierte Psychologie geht, sondern um handfeste Typen - und um allgemeinmenschliche Themen wie Habgier, Geiz, Liebe, Neid. Gleichwohl in einer gesellschaftlichen Ausprägung, die Molières Stück unsterblich aktuell macht. Silvio Berlusconi und Christian Wulff nennt Inge Zeppenfeld in dieser Hinsicht als Protagonisten einer Gesellschaft, in der Erscheinungen der Doppelmoral allgegenwärtig sind. Joey Zimmermann: „Erst wenn es fast zu spät wird, dann gerät alles in Hysterie.”

Keine aktuellen Anspielungen

Aktuelle Anspielungen, da ist sich das Team aber einig, die hat das Stück nicht nötig, es spricht für sich selbst. Und so soll der Zuschauer während der zweieinviertelstündigen Aufführung (inklusive Pause) ein munteres Spiel mit allen Mitteln erleben, die das Theater nur zu bieten hat - und das ganz in der Tradition des guten, alten Molière.

Molières „Tartuffe” im Theater Aachen; Premiere am Samstag, 14. Januar, 19.30 Uhr.

Weitere Aufführungen: 21., 28. Januar; 4., 22., 24., 26. Februar; 2., 15., 31. März; 29. April; 6., 22. Mai; 2. Juni.

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