Mit 133 Jahren mitten im Leben

Von: Bernd Mathieu
Letzte Aktualisierung:
Kraft der Musik, Kraft der Wor
Kraft der Musik, Kraft der Worte: Hannes Wader (rechts) und Konstantin Wecker auf Burg Monschau. Foto: Peter Stollenwerk

Monschau. Mal ehrlich: Du gehst dahin und schaust dich um. Wer ist sonst noch da? Und du siehst unaufgesetzte, unaufgeregte, jedoch keine unauffälligen Leute. Es sind mehr oder weniger grau gewordene Wader-Fans. Oder Lachfalten-Zuversicht ausstrahlende Wecker-Fans. Oder beides.

Und du denkst: Diese Interessengemeinschaft ist erfahren, dabei höchst wachsam, wahrscheinlich nicht so furchtbar angepasst. Sie hat sich wie ihre Liedermacher ein bisschen bewahrt von dem Trotz der frühen Jahre und dem ständigen Trotzdem. Dem Widerspruch. Für das neoliberale Wischi-Waschi der ach so innovativen Community ist heute Abend kein Platz reserviert. Der gegelte Mainstream würde nur fremdeln. Diesen Chefstrategen ist in Abwesenheit das Lied „Traumtänzer” gewidmet: „Die Durchblicker kommen und gehen.”

Ja: So siehst du das Publikum, das zum Auftakt der Monschau Klassik dem 133 Jahre alten Duo Wader-Wecker einen Nostalgie-Besuch abstattet. Mehr, denkst du, ist das ja nicht. Erinnerung. An Live-Konzerte im Audimax und kratzende Langspielplatten im Jugendheim. Und du hast das Gefühl, dass Hannes und Konstantin Jahrzehnte danach auf Anhieb noch nicht so richtig in die Gänge kommen.

Obwohl: Das Auftakt-Lied „Leben im Leben” klingt viel versprechend, weil Wecker ein außergewöhnlicher Texter und Musiker ist. Und so etwas hörst du anderswo heute nicht mehr. Mal ehrlich: Wer singt denn 2011 für die „Leisen, die man meistens überhört”, für „alle, die noch auf der Suche sind” - möglicherweise nach einer besseren Welt, für Menschen, die „nicht frei sind von Fehlern”, für die „niemals Angepassten”. Für Leute, die „leben im Leben”?

Von Liebe und Kampf

Keine Sorge: Das entwickelt sich mit den beiden, und nach der Pause hast du das Gefühl, nun sind Wader und Wecker angekommen, richtig da, feuerwerksartig. Die, ehrlich gesagt, mäßig inszenierte Koketterie übers Alter haben sie über Bord geworfen, es sind mächtige Lieder von Liebe und Kampf, wunderbar poetische Gedichte, neue und alte, und es sind forsche Ansagen gegen Kapital, Gier, Profit und gegen jede geistlose Form stupiden Funktionierens. Und du denkst: So altmodisch ist das nicht. Das trägt topaktuelle Züge. Diese beiden älteren Herren fassen sie in Worte.

Was für ein Gefühl! Welche Handschriften! Und plötzlich entwickelt sich ein anmutiges Wader-Lied zu einer mitreißenden musikalischen Wecker-Session. Das ist nur möglich mit Könnern wie dem Pianisten und Keyborder Jo Barnickel, dem dänischen Komponisten und Gitarristen Nils Tuxen, einem der weltbesten Musiker an der Pedal-Steel-Guitar. Und mit Hakim Ludin, einem sensationellen Percussionisten aus Afghanistan.

Wader und Wecker intonieren eigene Lieder und die anderer: zum Beispiel von Kevin Stephen Johnson („Rock and Roll I gave you the best years of my life”) oder ein politisches Lied von Mercedes Sosa, einer Ikone im Kampf der Argentinier gegen die Militärdiktatur. Sie singen „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist” und „Schon so lang”. Altes und Neues. Bekanntes und noch Unbekanntes.

„Kein Ende in Sicht” heißt diese Tournee mit einem Monschauer Abend auffallend vieler Zugaben. Der Mann neben dir ist so gerührt, dass er sich die Tränen aus seinem markanten Gesicht wischen muss. Er lässt sich von dieser Kraft der Musik und der Worte, vom Zorn und der Reife des Alters anstecken. Leben im Leben. Was für ein bewegendes Konzert! Ganz ehrlich.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert