Michael Helle inszeniert „Alle meine Söhne“: Wer sagt die Wahrheit?

Von: Sabine Rother
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Ein gutes Team: Dramaturgin Inge Zeppenfeld und Regisseur Michael Helle bringen Arthur Millers „Alle meine Söhne“ auf die Bühne der Kammerspiele im Theater Aachen. Bis zur Premiere am 27. Januar, 20 Uhr, ist noch viel zu tun. Foto: Harald Krömer

Aachen. „Ich rede nicht so gern über meine Inszenierungen“, sagt Michael Helle zurückhaltend. „Ich arbeite daran, dass die Stücke für sich sprechen, jeder Charakter, jede Wendung der Handlung. Das ist mein Ziel.“ In Aachen will er das umsetzen – wieder einmal. Dort, wo er jetzt Gast ist, prägte er von 2000 bis 2005 als Schauspieldirektor einen wesentlichen Teil des Bühnengeschehens – hin und wieder auch im Bereich der Oper.

Wenn er jetzt bei Arthur Millers Frühwerk „Alle meine Söhne“ (1947 uraufgeführt) Regie führt, ist das selbst bei ihm eine „Premiere“. „Ich habe das Stück noch nie inszeniert“, sagt er. „Ich habe es noch nicht einmal in einem anderen Theater gesehen.“

Was ihn am Werk interessiert, sind die von Miller sehr komplex und tiefgründig gezeichneten Charaktere – Menschen in all ihrer Widersprüchlichkeit. „Nicht gut, nicht schlecht, nicht moralisch, nicht unmoralisch“, sagt er. „Es sind eben Menschen. Der Umgang miteinander spiegelt ihr Wesen.“

Die Geschichte um die Tragödie einer Familie, in der Täter zugleich Opfer sind und Lebenslügen ein nahezu undurchdringliches Geflecht bilden, stellt für Helle nicht nur die Frage nach Verantwortung. „Die ,Happy American Family‘ ist in diesem Stück nur eine Sehnsucht. Die Realität der Lebenslüge hat alle eingeholt“, sagt Helle.

Was ist passiert? Maschinenfabrikant Joe Keller steht unter Verdacht: Was hat er tatsächlich mit der Lieferung defekter Maschinenteile an die Luftstreitkräfte der US Army zu tun? 21 Piloten sind abgestürzt, unter den Vermissten ist sein Sohn Larry. Die Verantwortung hatte seinerzeit Mitarbeiter George Deever übernommen – gleichfalls die Gefängnisstrafe. Aber die Sache bleibt diffus. Deevers Tochter Ann war mit Larry verlobt, in die sich nun Chris, der zweite Keller-Sohn, verliebt hat. Eine Heirat? Wäre das nicht Verrat an Larry und der von Mutter Kate hartnäckig gepflegten Hoffnung, dass er eines Tages heimkehrt?

So vielschichtig wie diese Situation mit Krimipotenzial ist das gesamte Stück, bei dem bereits der Titel zu Deutungen verlockt – „Alle meine Söhne“, die Landessöhne, die ihr Leben lassen mussten? Oder die zweite Generation der Familie Keller, die Mühen, sich als Sohn von Familienbanden zu befreien?

Was sich wie eine breite Spur durch das Millers Werk zieht: „Das Streben nach Glück, Wahrheit und Harmonie bewegt alle“, beschreibt es Helle. Umso stärker treten die Konflikte hervor.

Gemeinsam mit Dramaturgin Inge Zeppenfeld hat Helle für eine gestraffte Fassung des Werkes gesorgt, dabei jedoch keinen Aspekt vernachlässigt oder Fremdtexte eingebaut. „Der übersetzte Miller klingt etwas umständlich“, meint Helle und hat einen Vergleich: „Wir wollen das Konzentrat, quasi den Espresso aus dem Kaffee filtern.“ Es gelte, die Konflikte in der Sprache zuzuspitzen.

In der Zeitspanne zwischen 2017 und dem Entstehungsdatum 1947 sieht er kein Problem, denn zutiefst menschliche Verhaltensweisen lösen aus, was geschieht. Die Suche nach einem glücklichen Zusammenleben, aber auch Schweigen, Lügen und Verdrängungsmechanismen sind gegenwärtig. „Lügen oder Schwindeleien sind alltäglich“, meint Inge Zeppenfeld. „Die Menschen würden es gar nicht ertragen, einander immer nur die Wahrheit zu sagen.“

Faszinierend in der Regiearbeit ist für Helle das „Phänomen Familie“, die Tatsache, dass die Personen der Handlung einander sehr nahestehen, einander kennen und manipulieren. „Der Grundkonflikt, dass sich Kinder von ihren Eltern lösen wollen und dass es zudem um das Erwachsenwerden geht, verstärkt das alles“, meint Helle, der gemeinsam mit dem Ensemble Präzisionsarbeit leistet. „Ich habe großen Respekt vor den Schauspielern“, betont der Regisseur. „Da hat jeder einen komplexen Charakter zu verkörpern.“ Die Aktionen zwischen diesen Figuren können sehr unterschiedlich sein – mal wortkarg, mal geschwätzig. „Jemand, der viel redet, will unter Umständen etwas verbergen, die Wahrheit vertuschen“, erläutert Dramaturgin Inge Zeppenfeld. „Das ist im Leben so – und auch im Stück.“

Was ihr bei den Frauen der Familie auffällt: „Sie durchleben häufig mehrere Emotionen gleichzeitig, sie wissen etwas und müssen ihr Wissen doch verbergen. Sie haben Gefühle, die mit der augenblicklichen Situation überhaupt nicht in Einklang zu bringen sind. Sie handeln in permanenter Zerrissenheit.“

Lösungen in diesen komplizierten Verstrickungen sind kaum möglich, Opfer unausweichlich. „Millers Beschreibung einer Lösung am Ende des Stücks teile ich allerdings nicht“, betont Helle. „Was das ist, wird der Zuschauer herausfinden.“ Für ihn „haben alle recht“, geht es in „Alle meine Söhne“ nicht darum, eine soziale Klasse oder bestimmte Figuren an den Pranger zu stellen.

Was Helle bei seinen Zuschauern erzeugen will, ist Nähe durch wahrhaftiges Agieren, einen Zustand, in dem psychische Prozesse nicht nur erkennbar, sondern nachvollziehbar werden. „Man kann sich fragen, ob man selbst die Wahrheit gesagt hätte, etwa als Verantwortlicher für ein Unternehmen“, sagt Helle. „Solche Fragen bleiben eine aktuelle Herausforderung.“

Keine bequemen Antworten

Seine Aufgabe als Regisseur sieht Helle darin, Raum zu schaffen für all das, was Arthur Miller zu denken gibt. „Man muss sich generell zwischen Federzeichnung und Malerei mit breitem Pinselstrich entscheiden“, sagt der Regisseur. „Das ist harte Arbeit.“

Wenn schließlich die mühsam aufgebauten Lebens-Fassaden der Personen Risse zeigen, nimmt das Drama seinen Verlauf. Helle: „Aber ich werte auch dann nicht. Besserwisserei lehne ich ab. Theater soll schließlich möglichst intelligente Fragen stellen, keine bequemen Antworten liefern.“

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