Mönchengladbach - Michael Gehrt inszeniert Sophokles’ „Antigone“ am Theater Mönchengladbach

Michael Gehrt inszeniert Sophokles’ „Antigone“ am Theater Mönchengladbach

Von: Armin Kaumanns
Letzte Aktualisierung:
15795721.jpg
Erste große Rolle im Ensemble: Vera Maria Schmidt als Antigone, hier mit Kreon (Joachim Henschke). Foto: Matthias Stutte

Mönchengladbach. Den „Oedipus“ hat Michael Gehrt vor sieben Jahren gleich zu Beginn seiner Zeit als Schauspieldirektor am Theater Krefeld-Mönchengladbach inszeniert. Mit der „Antigone“, Sophokles’ anderem epochalen, prototypischen Drama, schlägt Gehrt jetzt einen Bogen.

Joachim Henschke spielte auch 2010 den König Kreon, Eva Spott den blinden Seher Teiresias. Beide sind Säulen des Ensembles. Zumindest Henschke ist in der Rolle des Autokraten, dessen Verfügung den Zorn seiner Nichte Antigone heraufbeschwört, groß: Die Art, in der er die Worte aus dem widerständigen Munde ringt, der ewige Kampf mit seinem Körper, die weisen Grimassen des inzwischen haarlosen Kopfes – sie kennzeichnen den Mann, dem die Herrschaft über Theben nach schwerem Kampf zufiel. Das fällt auf die Habenseite dieses mit gut 90 Minuten „Tatort“-mäßig kurzen Theaterabends.

Es ist eine Fülle starker Bilder zu erleben in Gehrts „Antigone“. Gabriele Trinczek setzt eine Gitterrost-Treppe mittig auf die leere, schwarze Bühne vor eine Galerie. Eine zweite Antigone führt im Fortgang des Dramas eine Art Bestattungszeremonie aus: Der leere Bühnengrund füllt sich Stück für Stück mit brennenden Kerzen, die im Black des trostlosen Endes in trüber Hoffnung glimmen. Auch die zum Protest gereckte Faust der Antigone gehört ins Arsenal der Bilder, mit der Gehrt arbeitet. Diese Faust wiederholt sich, geht auf die übrigen Antagonisten Kreons über. Und nutzt sich ab, wie so vieles in dieser Regiearbeit. Die Sprache gehört auch dazu, sie entstammt der Übersetzung von Peter Krumme, der der Spagat zwischen Poesie und Umgangston des Öfteren misslingt.

Sophokles’ „Antigone“ ist ein Versuch über den bürgerlichen Ungehorsam. Die Heldin widersetzt sich ihrem Onkel Kreon, indem sie sich seinem Verbot nicht beugt und ihren Bruder Polyneikes nach alter Götter Sitte bestattet. Zur Strafe wird sie lebendig begraben. Gehrt versucht durch vehemente Körperlichkeit den Charakteren Profil zu geben. Sprechen, Sprache, Rhythmus, Melodie, Timing sind im Ensemble weniger gebildet als Oberarme und Waden. Sprache ist oft Krächzen, Schreien, Bellen und geht einher mit großen körperlichen Anstrengungen. Da werden Menschen die Treppe heraufgeschleppt, einmal muss Antigone in Zeitlupe die vielen Stahlstufen herunterkullern. Gehrt sucht diese Grenzen auf, zeigt, welche Fähigkeiten im Ensemble stecken. Am eindringlichsten letztlich wirkt Paul Steinbach als Bote, der vollkommen unverstellt in seinem Körper ruht und in seinem Sprechen jenen feinen ironischen Ton kultiviert, der den antiken Text ins Heute schleudert.

Vera Maria Schmidt hat als Antigone ihre erste große Rolle im Ensemble. Sie wirft sich hinein mit allem, was sie hat, und erntet viel Applaus. Ebenfalls neu ist Henning Kallweit – als Haimon darf er im Parkett in großer Emphase und mit Berliner Dialekt eine Lanze für die Geliebte brechen. Besonderer Einfall der Inszenierung ist der Einmannchor. Er spielt im Wechsel zu seinem Text Saxophon zur atmosphärischen Musik von Jörg Ostermayer. Auch er sitzt viel im Parkett, das mit seinen Seitentüren diversen Auftritten dient. Gehrt zeigt: seine „Antigone“ will nah ans Publikum.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert