Aachen - Mephisto als Fledermaus im Schwefeldunst

Mephisto als Fledermaus im Schwefeldunst

Von: Armin Kaumanns
Letzte Aktualisierung:
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Eine Oper, bei der herzhaft gelacht werden darf: Gounods „Faust” im Theater Aachen - mit Yikun Chung (links), Andreas Macco als „gehörnter” Mephistopheles und Irina Popova - lebt nicht nur von den schönen Stimmen, sondern auch von den lustigen Einfällen der Regie. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Wir verstehen doch Spaß, Miesepeter haben im Theater eh nichts verloren. Warum nicht also auch eine Ikone der Weltliteratur mal so nach Herzenslust zum Kichern finden...

Wer am späten Sonntagnachmittag, statt in der Sonne zu sitzen, der Premiere von Charles Gounods Oper „Margarethe” beiwohnte (in Aachen heißt sie „Faust”), der kam ganz ausgiebig ins Schmunzeln bei dem, was da auf der Bühne zu sehen war.

Am Schluss gab es viel Beifall für die zweite Regiearbeit von Michael Talke im Theater Aachen, ein einziges sonores Buh sei ebenfalls nicht verschwiegen.

Weißer Rauschebart

Schauen wir mal rein. Schon beim Platznehmen liegt vorm roten Vorhang ein Greis mit weißem Rauschebart auf den Bühnenboden hingegossen: Das weise Haupt auf einen Stapel alter Folianten gebettet, schlummert Faust wie auf der Kischpostkarte und erwartet in Armer-Poet-Stellung (nur ohne Regenschirm), was da kommen mag.

Musik! Daniel Jakobi entfacht einen süffigen, sonoren Sound im Graben, auf der Bühne erscheint mit Schwefeldampf ganz schwarz der Leibhaftige: mit Fledermausflügeln, Drachenschwanz und kecken Hörnchen. Weil der Bösewicht auch noch ein paar Spruchtafeln mit sich herumschleppen muss, gehen versehentlich kurz die Flügel fliegen, ein Hörnchen muss dran glauben, dann aber schwebt schon ein weißer Rauschgoldengel in einer Wolke von Rauschgoldlametta vom Himmel herab, Füße zuerst, ebenfalls mit Spruchbändern bewaffnet: Gut und Böse wetten um des Dichters Seele.

Nun ja, das ist mal eine Ouvertüre zum Weglachen. Was aber kriecht da hinterm Greis heraus? Es ist ein junger Tenor, der mit einem Seil an seinem Alter(!) Ego hängt und, nachdem Mephisto ihn abgeknotet hat, als juveniler Dichter Margarethen an die Röcke will. Margarethe kennen wir übrigens schon: Sie hatte einen kurzen Auftritt als dralle Krankenschwester, die dem alten Faust kurz mal den Puls fühlt. Nun aber sitzt sie als Bild von Frau im weißen Unschuldskleid über dem Kamin im Studierzimmer, das Spinnrad griffbereit, und beflügelt den Alten, Blut und Seele für die Jugend zu geben. Der Greis liegt lange noch im Vordergrund auf seinen Büchern, und wird auch ganz zum Schluss noch schnell die alles erklärende Herzattacke erleiden. Längst aber ist in feiner Sperrholz-optik das Zuckerbäckerdörfchen erschienen, Soldaten ziehen in den Krieg, singen dabei, mit Bierdosen bewaffnet, ganz vorzüglich. Mephisto, ohne Schwanz und Flügel, vollbringt Dämonisches: Ein Schnipp, und die Zeit steht still, das Licht wird leidenschaftlich höllisch rot oder dämonisch nachtblau. Ganz schön verrückt das Ganze.

Wir könnten noch viele Details berichten, Taschen voller Geld, dem Teufel gereicht von zwei entzückenden Assistentinnen beim Lied vom Goldenen Kalb; ein bei der Ballade vom König von Thule sich Nägel lackierendes Gretchen; Luftballons, massenweise weitere Spruchbänder und ein großes rotes Kitschherz, das für Faust und Gretchen vom Himmel schwebt. Aber es bleibt zu resümieren: Regisseur Talke nebst Bühnenbildnerin Barbara Steiner und Kostümbildner Stephan Prattes gehen gegen Ende des dreistündigen Abends merklich die Gags aus. Was bleibt, ist das Drama um Margarethe, die von Irina Popova mit hinreißend schönen Tönen ausgestattet wird. Ihren Seelenqualen widmet Gounod den ganzen zweiten Teil, was dem Regieteam nicht sehr in den Kram zu passen scheint. Talke hatte wohl mehr an eine Faust-Oper gedacht, weshalb zum Schluss noch schnell eine Pointe her muss, die das Geschehen als Traum des Alten erklärt. Doof ist das nicht, nur ein bisschen daneben.

Die Opernfans werden viele schöne Töne mit nach Hause nehmen

Die Opernfans werden viele schöne Töne von Irina Popova mit nach Hause nehmen, die als Margarethe glühte.

Yikun Chung als Faust leistete sich zwei, drei Höhenkatastrophen, was der Intendant in der Pause mit einer Erkältung erklärte. Danach war Höhenangst kein Thema mehr. Chung zeigte beste lyrische Qualitäten mit heldischen Anflügen.

Andreas Macco wird als Bassbariton nun fest ins Ensemble rücken. Seiner Bühnenpräsenz als Mephistopheles verdankt er die große Sympathie des Publikums, seine Stimme wirkte sehr offen, bisweilen angestrengt.

Martin Berner überzeugte als Valentin, profund besetzt die weiteren Partien, mit Sonderapplaus für Iva Danova als Siebel.

Ganz auf der Höhe präsentierte sich wieder einmal der Chor. Daniel Jakobi (Bild) am Pult des Sinfonieorchesters Aachen gelang ein wunderbar sängerdienlicher romantischer Klang.

Weitere Aufführungen: 28. Mai, 7., 13., 23. Juni, 19.30 Uhr; 28. Juni, 15 Uhr; 1. Juli, 20 Uhr; 3. Juli, 19.30 Uhr; 5. Juli, 18 Uhr.
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