Menschen im Käfig, die das Böse nähren

Von: Sabine Rother
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Menschen in Käfighaltung: George Taboris „Mein Kampf” im Theater Aachen mit (unten links) Torsten Borm, Joey Zimmermann und Felix Strüven (oben) als Hitler. Foto: Carl Brunn

Aachen. Käfighaltung auf der Bühne im Großen Haus. Gestapelte Gitterkisten, vollgestopft mit allerlei Kram, Kissen und Decken prägen das Umfeld für George Taboris Farce „Mein Kampf”, die Ewa Teilmans im Rahmen einer engagierten Themenwoche unter dem ambivalenten Motto „Sch(m)erz” in Szene setzte.

Elisabeth Pedross, die auch für die gut gewählten Kostüme sorgte, hatte mit ihrer bedrückenden und surrealen Ausstattung des Männer- asyls in der Wiener Blutgasse jene Räume vorbereitet, die sich im Laufe des Stücks mit Grauen füllen werden.

1987 in Wien uraufgeführt

„Mein Kampf”, der Titel des 1987 im Burgtheater Wien in der Regie des Autors uraufgeführten Stücks, ist unmissverständlich. Der junge Hitler kommt von Braunau am Inn nach Wien, um sich dort an der Kunstakademie zu bewerben. Das misslingt, denn sein Talent ist mittelmäßig - was er persönlich allerdings überhaupt nicht einsieht. Im Asyl kümmern sich zwei Juden um den jungen Mann aus der Provinz - der gutherzige Buchhändler Herzl und der skurrile Koch Lobkowitz. Herzl ist Hitler ein nachsichtiger Freund, was ihm nicht gedankt wird. Der Kurzinhalt sagt, das Stück erzählt „wie aus Adolf Hitler das Monster Hitler wird”. Doch das ist nicht alles.

Ewa Teilmans zieht den Zuschauer hinein in ein engmaschiges Netzwerk, psychologischer, religionsphilosophischer wie nationalistischer Prägung. Bei einer straffen und bis zur kleinsten Handbewegung ausgefeilten Regie erliegt sie dabei jedoch immer wieder der Versuchung, tatsächlich alles hineinzupacken, was Tabori ausbreitet wie ein großes, tragisches Tableau der Menschheitsgeschichte. Wehe, der Zuschauer ist nicht vorbereitet. Er findet sich phasenweise nicht mehr zurecht.

Dem leistungsstarken und spielfreudigen Ensemble wird allerhand abverlangt. Felix Strüven als Adolf Hitler zeigt, wie naive Arroganz in Kombination mit psychischer und physischer (besonders sexueller) Verklemmung, Angst und Verunsicherung perverse und das Maß bisher denkbarer Grausamkeiten übersteigende Hybris auslösen kann. Immer wieder blitzen Impressionen aus Charlie Chaplins Film „The Great Imperator” auf, setzt er selbst die unappetitlichen Details seines verstörten Verdaungsapparats in beunruhigende Bilder um. Ja, dieser Hitler verkündet irgendwann ganz eindeutig, was er plant - aber vom Dach des Abtritts - wer nimmt das schon ernst? Schauspielerisch eine große Leistung.

Sensibel und in bewegender Körpersprache zeigt sich Torsten Borm der Rolle des jüdischen Buchhändlers Herzl gewachsen. Mitleidig, freundlich, in Zweifel an Gott und Glaube verstrickt, übt er doch eine alle Glaubenssätze überschreitende Tugend aus: Nächstenliebe. Er begreift zu spät, dass er das Böse nährt, dass alle guten Taten jene Untaten vorbereiten, die niemand für möglich hielt - eine Farce eben. Gemütlich und amüsiert hat er diesem Hitler seinen Mantel umgehängt, gebeugt und fassungslos wird er zum Schluss von dessen Schergen geprügelt. Rainer Krause gibt dem Koch Lobkowitz mit jüdischem Gebetsschal und Herzchen-T-Shirt den bitteren Witz, der bei allem wuseligen Aktionismus tiefe Weisheit versprüht - immerhin hat Tabori diese Rolle bei der Uraufführung selbst übernommen.

Ewa Teilmans bleibt konsequent surreal: Oleg Zhukov ist lasziv und später blond bezopft das eigentümliche „Gretchen”, Elke Borkenstein eine elegante, zielstrebige „Frau Tod” mit spitzer Amazonenkorsage und Blinden-stock, die blasiert und im wahrsten Sinne des Wortes mit „blinder Sicherheit” zum Schluss ihr Mördertalent Hitler wie in einem Brautzug mit sich führt.

Als schriller Entertainer wird der wandelbare Joey Zimmermann im weißen Seidenanzug (Gegenbild zum finsteren Charakter) als „Himmlischst” auf die Bühne geschickt, ein Himmler, der in diesem letzten Teil des Stücks Hitler die Schau stiehlt, Bücher herumschmeißt (Anspielung auf die Verbrennungen?) und das hübsche Huhn Mizzi, Symbol für die Unschuld, vergnügt meuchelt, mit ihm einen furchtbaren Walzer tanzt und es ins Bratrohr steckt.

Ewa Teilmans Inszenierung zeigt viele bewegende Aspekte, zu viele. Eine Verschlankung hätte der Farce wohlgetan, der zudem die Vorstellungsdauer (zwei Stunden, 40 Minuten) mit eine Sekt- oder Saftpause nicht bekommt.

Eine Szene, die tatsächlich atemberaubende Wirkung hatte, bietet ein Beispiel für klare Bilder: Als sich fünf dunkle Gestalten im Publikum von den Sitzen erheben und auf der Bühne die Prügeltrupps der Nazis repräsentieren, ist die Farce plötzlich als mahnende Botschaft mitten in unserer mit rechtsradikalen Elementen noch immer belasteten Gegenwart angekommen. Beifall für alle, dennoch bei vielen Premierenbesuchern zurückhaltende, eher ratlose Reaktionen.
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