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Melanie Raabe mit ihrem zweiten Roman auf Lesetour

Von: Annika Kasties
Letzte Aktualisierung:
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Wahrheit und Lüge: Spannung erzeugt Melanie Raabe in ihren Thrillern nicht durch eine blutige Handlung, sondern durch ihr Spiel mit unterschiedlichen Perspektiven. Foto: Christian Faustus

Aachen. Wenn Melanie Raabe sich an die Arbeit setzt, dann folgt sie am liebsten einer ganz bestimmten Routine: früh morgens aufstehen, duschen, Zähne putzen und mit einer Tasse Kaffee oder Tee an den Schreibtisch. Kein E-Mails, keine Sozialen Medien, keine Ablenkung – nur schreiben.

Auf diese feste Struktur muss die Schriftstellerin derzeit öfters verzichten. Die 35-jährige Wahl-Kölnerin befindet sich für ihren zweiten Roman „Die Wahrheit“ auf Lesereise. Am 15. Mai führt sie diese auch nach Aachen. Im Interview spricht Melanie Raabe über die Grenzen objektiver Wahrheit und warum sie angesichts der Hollywood-Verfilmung ihres Debütromans „Die Falle“ ganz entspannt bleibt.

In Ihrem aktuellen Roman geht es um Wahrheit und Lüge, um subjektive Wahrnehmung und die Frage, wie verlässlich diese ist. Was reizt Sie an diesem Thema?

Melanie Raabe: Ich finde es ein spannendes Thema, das jeder von uns durch seine eigene Brille blickt und es manchmal gar nicht so einfach ist zu entscheiden, ob es eine objektive Wahrheit gibt oder ob alles subjektiv ist. Ich spiele sehr gerne mit diesen unterschiedlichen Perspektiven und Erinnerungen. Wie blicken verschiedene Menschen auf die gleiche Erfahrung zurück und wie verändert sich unsere Erinnerung, je weiter wir uns von ihr entfernen? Das ist etwas, womit ich in meinem Buch sehr viel arbeite und das ich nutze, um Spannung zu erzeugen. Ich will den Leser in einer permanenten Unsicherheit darüber lassen, was wirklich passiert ist.

Gibt es die objektive Wahrheit Ihrer Meinung nach überhaupt?

Raabe: Das ist eine sehr philosophische Frage. In meinen Romanen ist Wahrheit letztlich subjektiv und jede Figur blickt aus einem ganz anderen Blickwinkel auf die Geschehnisse. Natürlich könnte man feststellen, was objektiv die Wahrheit ist, aber das ist wohl eher die Aufgabe von Juristen und nicht von Schriftstellern.

In Ihrem Roman entsteht ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel zwischen der Protagonistin und dem Fremden in ihrem Haus, der sich als ihr verschollener Ehemann ausgibt. Wie ist die Idee für diesen Plot entstanden?

Raabe: Das Erste, was mir in den Kopf kam, als ich nach Ideen für meinem zweiten Roman gesucht habe, war ein Bild. Und zwar das zentrale Bild von einem Flughafen, an dem eine Frau auf jemanden wartet, den sie lange nicht gesehen hat – und dann taucht da plötzlich jemand ganz anderes auf. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass ich derzeit viel reise. Ich habe festgestellt, dass Flughäfen und Bahnhöfe sehr emotionale Orte sind, an denen Leute sich wiederbegegnen und sich voneinander verabschieden.

Ihr Debütroman „Die Falle“ wurde blitzschnell zum Bestseller. Inzwischen hat sich sogar Hollywood die Filmrechte gesichert. Wie groß war der Druck, mit „Die Wahrheit“ an diesen Erfolg anzuknüpfen?

Raabe: Interessanterweise habe ich den Druck nicht mit an den Schreibtisch genommen. Das lag auch daran, dass ich mit dem Buch früh begonnen habe; viele Dinge – wie der Verkauf der Filmrechte – waren also noch gar nicht geschehen. Ich glaube, ich konnte auch dadurch relativ frei schreiben, weil ich einfach eine gewisse Routine habe. Ich war jahrelang als Journalistin tätig. Beim Schreiben grübele ich also nicht, ich mache meine Arbeit. Außerdem hatte ich, bevor „Die Falle“ erschienen ist, bereits vier Romane geschrieben, aber leider keinen Verlag gefunden.

Was hat sich für Sie persönlich seitdem geändert?

Raabe: Ich bin sehr viel unterwegs, werde aber selten erkannt. Wenn ich gerade zufällig im Fernsehen war, dann werde ich mal angesprochen. Doch abgesehen davon kann ich völlig unbehelligt leben.

Sind Sie in die Verfilmung von „Die Falle“ eingebunden oder wollen Sie die Geschichte lieber komplett loswerden?

Raabe: Letzteres. Bevor ich die Rechte verkauft habe, bin ich natürlich gefragt worden, ob ich daran beteiligt sein will und ob ich das Drehbuch schreiben möchte. Und ich habe direkt gesagt: auf gar keinen Fall!

Wieso das?

Raabe: Ich habe so lange gebraucht, bis ich einen Verlag gefunden habe. Dann kam das erste Buch heraus und ich wollte mich mit voller Kraft auf das zweite konzentrieren und mich nicht ablenken lassen von einem Hollywood-Film. Das klingt natürlich glamourös und ist auch wahnsinnig toll, aber was mich wirklich interessiert, ist, dauerhaft Bücher schreiben zu dürfen. Ich bin natürlich gut darüber informiert, was passiert. Ich habe die erste Drehbuchfassung gelesen und finde sie toll. Die Drehbuchautorin (Phyllis Nagy, Anm. der Redaktion) ist großartig, da hatten wir wirklich großes Glück.

Haben Sie keine Sorge vor dem Moment, wenn Sie sich den Film ansehen und denken: „Das habe ich mir aber anders vorgestellt“?

Raabe: Nein, ich glaube, ich habe da eine sehr realistische Vorstellung. Dieses Problem besteht natürlich immer bei Literaturverfilmungen. Ich bin ja auch eine Leserin, die womöglich enttäuscht ist, wenn die Figur im Film ganz anders dargestellt wird, als man es sich selbst vorgestellt hatte. Das liegt in der Natur der Sache. Jedes Buch gibt es so oft, wie es gelesen wird. Jeder liest es anders, jeder liest die Figuren anders. Und gerade ich halte als Autorin in meinen Büchern viele Stellen sehr offen und lasse dem Leser viel Freiraum. Was die Verfilmung von „Die Falle“ angeht, bin ich einfach neugierig, wie ein anderer kreativer Kopf, der aus einem anderen Medium kommt, den Kern der Geschichte neu denkt. Selbst wenn der Film mir überhaupt nicht gefällt, kann er anderen sehr gut gefallen. Letztlich nimmt es vom Buch auch nichts weg. Das Buch wird nachher noch genauso sein, wie ich es geschrieben habe.

Schreiben Sie schon an Ihrem nächsten Buch? Was können Sie uns darüber verraten?

Raabe: Ja, ich bin mittendrin. Es wird wieder ein psychologischer Thriller, wieder mit einer ganz unblutigen Spannung. Er funktioniert allerdings ein bisschen anders als meine ersten beiden Bücher, aber viel mehr darf ich noch nicht verraten. Erscheinen wird das Buch im nächsten Jahr.

Der US-amerikanische Schriftsteller John Irving sagte einmal, dass er erst dann anfangen kann, ein Buch zu schreiben, wenn er den letzten Satz kennt. Wie ist das denn bei Ihnen?

Raabe: Ich brauche eine Grundidee, ein Bild oder eine Figur, die mich packt. Den letzten Satz muss ich zwar nicht kennen, doch das Ende kenne ich immer, bevor ich anfange zu schreiben. Das verändere ich auch nicht mehr. Den Weg dahin erfinde ich jedoch immer wieder neu. Ich schreibe viele verschiedene Fassungen, bis ich fertig bin. Ich glaube, bei der „Wahrheit“ waren es fünf bis sieben Fassungen, bis es sich richtig angefühlt hat.

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