Meister der hymnenartigen Pop-Perlen: Richard Ashcroft

Von: Michael Loesl
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In England ist er so etwas wie ein Nationalheld - der Musik wegen: Richard Ashcroft präsentiert mit seinen Kollegen sein neues Album „RPA & The United Nations Of Sound”. Foto: Agentur

London. Die Frage danach, warum manche Songs einen enormen Nachhall erzeugen und viele nicht, ist ungefähr so leicht zu beantworten wie die Frage nach dem Sinn des Lebens. Jeder verknüpft schließlich seine eigenen lebenslangen Erfahrungen mit dem Gehörten. Trotzdem lässt sich nachhaltig wirkendes Songwriting relativ leicht von kurz wirkendem Blendwerk unterscheiden.

Wer in seinen Texten Fragen aufwirft, statt allgemeingültige Antworten zu liefern, fördert die Langzeitauseinandersetzung mit seiner Person, seinem Gesamtwerk und seinen formulierten Gedanken.

Suche nach Verständigung

Richard Ashcroft wird geradezu kultartig verehrt. In seiner englischen Heimat ist er spätestens seit „Bittersweet Symphony”, dem Klassiker seiner ehemaligen Band The Verve, so etwas wie ein Nationalheld. Vermutlich weil seine Persönlichkeit das Herzstück der englischen Nation perfekt spiegelt - die Suche nach Verständigung und Verständnis einer gebrochenen, geschundenen Seele.

Beweise lieferten nicht nur die vielen hymnenartigen Popperlen aus dem Hause Ashcroft, die immer ein bisschen danach klangen, als ob ein Ausgestoßener mit dem unbedingten Willen nach Verbindung die Welt umarmen wollte. Unter der grantigen, kratzstimmigen Oberfläche scheute dabei konstant eine Spiritualität ihre Sichtbarkeit, die auf seinem neuen Album, „RPA & The United Nations Of Sound” zur offenbarten Projektionsfläche für gospelartige Song-Großtaten wird.

„Unglücklicherweise entführen bestimmte Institutionen die Essenz dessen, wonach wir alle suchen, bereits seit Jahrtausenden. Die Suche nach Verknüpfung meiner Seele mit anderen Seelen ist ein wichtiger Teil meines Lebens und meiner Arbeit.” Ashcroft plaudert überraschend strukturiert, aufgeräumt und geradezu unerhört fit und gut gelaunt, während er auf dem Sofa seines Kölner Hotelzimmers herumlungert.

Mentholzigaretten ohne Ende scheinen momentan das einzige Narkotikum seiner Wahl zu sein, und er macht nicht den Eindruck, dass er sein früheres dauerbekifftes Ego liebgewonnen hat. Er flucht über die Geldgier, mit der viele seiner Kollegen die Rockmusik verraten haben, und nennt diese Abteilung seiner Branche „korporativen Nihilismus”.

Dem begegnet er mit einer unmissverständlichen Geste im Gespräch und mit einer noch deutlicheren Aufforderung in seinen neuen Songs. „Let´s do this thing called life, let´s try, let´s try”, röchelt und fleht er die selbst ernannte Kernaussage seiner neuen Platte - lasst uns dieses Ding namens Leben angehen, lasst es uns versuchen.

Auf der Suche nach den Quellen

Er hat vieles destilliert in seinem musikalischen und persönlichen Kosmos, ging nach Amerika, arbeitete dort mit Streicherarrangeur Benjamin Wright, der schon den Himmel über Michael Jacksons „Off The Wall” voller delikater Geigen hing. Reggie Dozier, der Stevie Wonders und Marvin Gayes frühe Songs geschmeidig machte, war ein weiterer Ashcroft-Reisebegleiter auf dessen Suche nach seinen musikalischen Quellen im amerikanischen Old-School-Soul.

Mit der gespaltenen Seele Marvin Gaye, die aus der Zerrissenheit zwischen Spiritualität und Selbstzerstörung zeitlose Soul-Monumente formte, verbindet ihn - wie sollte es anders sein - eine Seelenverwandtschaft, sagt Ashcroft ehrfurchtsvoll. „Um dessen Klassiker What´s Going On nahekommen zu können, brauche ich vermutlich ein ganzes Lebenswerk.” Das sind erstaunliche Worte eines Egomanen, der früher keine Gelegenheit ausließ, allen mitzuteilen, dass er der größte Pop-Frontmann aller Zeiten sei.

Ein bisschen unsterblicher

„Heute fürchte ich mich nicht vor der Zerstörung meines Egos, um Mitgefühl Platz machen zu können, weil ich wiedergeboren bin”, singt er im Refrain seiner neuen Single „Born Again”. Im Brustton der Überzeugung spricht er von seiner Faszination für Jesus, die Bibel und Mystiker wie William Blake und meint damit nicht etwa eine religiöse Erleuchtung. Vielmehr hat er mehr zu sich selbst gefunden. Mit Fragestellungen, die seine Songs vor allem im Bekenntnis zum Soul noch ein bisschen unsterblicher machen.
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