Aachen - Mehr Platz für eigene Gefühle: Cassandra Steen

Mehr Platz für eigene Gefühle: Cassandra Steen

Von: Michael Loesl
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Steht ihr gut zu Gesicht: Cass
Steht ihr gut zu Gesicht: Cassandra Steen hat ihr neues Album „Mir so nah” genannt. Es erscheint am Freitag. Foto: Alexander Gnädinger

Aachen. Man nennt keine Platte „Mir so nah”, wenn sie nicht genau das spiegeln würde, was der Titel vorgibt. Cassandra Steen ist sich mit ihrem neuen Album, das am kommenden Freitag erscheint, tatsächlich ein Stück näher gekommen. Als Mensch und Künstlerin.

Erklärte sie in ihrer vorigen Songsammlung noch gefühlig-melancholisch, warum wir leben, gibt jetzt eine durchweg positive Atmosphäre den Ton an. Ganz so, als ob aus dem alten, großen Soul-Thema Hoffnung inzwischen die Gewissheit erwachsen wäre, dass sich Wünsche und Sehnsüchte wirklich realisieren lassen.

Für die 31-Jährige hat sich seit „Darum leben wir” viel getan. Ihre Songs fußen nicht mehr auf Vers-Refrain-Vers-Strukturen, sondern lassen mittlerweile Platz für neue Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Stimme. Die klingt zwar immer noch so berührend wie damals, als Cassandra Steen dem Glashaus-Projekt eine Stimme gab. Aber sie klingt offener für neue Gangarten, die ihre Musik auf ungewohnte Nährböden führen.

Sie selbst nennt das „nach vorne gehen”, was ein bisschen überrascht, weil die Stuttgarterin bis jetzt immer vor allem als stimmliche Dienerin ihrer Songs anmutete. Trotz aller Ausdrucksstärke wahrte sie als Person kontinuierlich Distanz zu den ganz großen emotionalen Gesten. Vielleicht steht ihr „Mir so nah” auch deshalb besonders gut zu Gesicht. Das Überemotionalisierte hat dem Tatsächlichen Platz gemacht.

Cassandra Steen schöpft direkter, weniger blumig-metaphernreich aus ihrer Seele. Inzwischen darf sie das wohl auch, weil sie auf ihrem vorigen Album mit Adel Tawil eine „Stadt” baute, die sich vor zwei Jahren das Prädikat des meistgespielten Radio-Hits 2009 eroberte.

Erfolg schafft größere Freiräume. Zwar setzt sie auch diesmal auf ein Team von Co-Songwritern, mit denen sie seit Ewigkeiten befreundet ist. Aber ihr eigener Anteil in der Zusammenarbeit mit Xavier Naidoo, Moses Pelham und Adel Tawil ist größer geworden. „Ich gehöre zu den Leuten, die viel Zeit zum Songschreiben brauchen. Deshalb brauche ich immer Freunde, denen ich vertraue und die mich neu fordern. Diesmal ließen sie sich aber alle mehr Zeit, um mein Wachstum als Künstlerin in den neuen Songs spürbar werden zu lassen”, sagt Cassandra Steen.

Wie sehr sie Künstlerin ist, macht die musikalische Vielfalt von „Mir so nah” deutlich. Die Moll-Töne, an denen man sich mittels Cassandra-Steen-Musiktherapeutikum bisher durch Lebenskrisen hangeln konnte, wurden durch ein breiteres Spektrum an Beats und Harmonien ersetzt. Die erste Single, „Gebt alles”, ist mit seiner klassischen Songstruktur die Steigerung von „Wenn das Liebe ist” und „Stadt”. Eine neue Hürde, die sie sich selbst setzte, um ihre bisherigen Hits für einen Moment „alt” aussehen zu lassen.

Der Schlüssel

„Meine alten Hits werden immer zu mir gehören, aber ich halte es für eine Form der Selbstbeschneidung, wenn man immer wieder die gleiche Liedform bemüht und sich am Ende selbst zitiert. Ich wollte diesmal vieles anders und einiges besser machen. Die zwei Jahre seit dem letzten Album vergingen deshalb wie im Flug. Danach war ich erstmal urlaubsreif”, lacht sie.

Vier Wochen mit der Familie in Atlanta und Florida erdeten Cassandra Steen wieder. Jetzt freut sie sich vor allem auf die Live-Präsentation ihrer neuen Songs (etwa am 3.10. im Kölner Gloria). Denn um diesen Moment ginge es beim Musikmachen, sagt sie. Direkt zu erleben, wie sich Leute von ihrer Musik mitnehmen ließen, sei der größte Erfolg, den sie verbuchen könne. Musik einfach leben zu lassen, Platz für Interpretationen zu lassen, statt Vorgaben zu geben, die ihre Zuhörer dazu zwängen, etwas Ähnliches zu fühlen wie sie, sei der Schlüssel zur Verständlichkeit ihrer Kunst.

„Wir leben in einer Zeit, in der vieles effizient erklärbar sein muss”, sagt die Sängerin. „Für eigene Gefühle bleibt wenig Platz. Den will ich mit meiner neuen Platte schaffen. Deshalb verstehe ich sie auch als allgemeine Aufforderung zur Kreativität. Die bereichert mein Leben ungemein, und ich wünsche mir, damit auch von anderen Menschen bereichert zu werden.”
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