Aachen - Medienschelte, Systemkritik und die Frage nach der Wahrheit

Medienschelte, Systemkritik und die Frage nach der Wahrheit

Von: Jan Mönch
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Nur fünf Monate alt ist das erste Kind von Donna McAuliffe, als es stirbt. Ein tragischer Unglücksfall?

Daran hegt die Justiz Zweifel, als einige Zeit später auch das zweite Kind, acht Monate alt, stirbt. In den Verdacht der Kindstötung gerät rasch die Mutter. Doch ist sie tatsächlich die Täterin? Das erfahren die Theaterbesucher, die am Freitag die Premiere von „Taking Care of Baby” in der Kammer des Aachener Stadttheaters besuchen.

Oder auch nicht. Denn das Stück des englischen Autors Dennis Kelly hat mit üblichen Kriminalgeschichten wenig gemein und lässt sich dementsprechend schlecht mit Klappentextphrasen beschreiben. Dafür, das versprechen Christian Hockenbrink (Regie) und Ralph Blase (Dramaturgie), ist die Erzählweise zu vielschichtig.

Weil das auch für die mit den Todesfällen verbundenen Interessen gilt, gerät die Wahrheit ins Hintertreffen. Stattdessen untersucht das Stück, wer eigentlich wie die Wahrheit macht.

Die mächtigen Instanzen

In Frage kommen mächtige Instanzen. Ein Boulevardreporter (Joey Zimmermann) jagt seiner Story hinterher. Der Arzt Dr. Millard (Torsten Borm) will sich profilieren. Und dass der Fall sich in dieser oder jener Weise auf die Karriere der Kommunalpolitikerin Lynn Barrie (Elisabeth Ebeling) auswirken wird, steht außer Frage - denn die Mutter (Elke Borkenstein) der toten Kinder ist wiederum ihre Tochter.

Dass es in der Realität wiederholt Fälle wie den von Donna McAuliffe gab, spielte bei der Auswahl des Stoffs keine Rolle. Ausschlaggebend war für das Theater allein die literarische Qualität der Vorlage.

Allerdings erkannte Ralph Blase das Stück im Verlauf der Probephase auch beim Verfolgen aktueller Themen wieder - etwa dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche: „Da kann man sehr gut erkennen, wie all die Mechanismen funktionieren.” Und ebenso wie Hockenbrink, zum ersten Mal in Aachen tätig, zeigt sich vor der Premiere auch Ralph Blase als erklärter Fan von Dennis Kelly: „Die Vielschichtigkeit hält wunderbar die Waage zwischen den Elementen. Der Zuschauer gerät mit in die Zentrifuge der Handlung.”

Kein „Zeigefingerstück”

Medienschelte, Systemkritik, Politikerrüge - ein „Zeigefingerstück” ist die preisgekrönte Vorlage (in Deutschland unter dem Titel „Kindersorgen” erschienen) laut Ralph Blase aber trotzdem nicht. Christian Hockenbrink pflichtet dem bei: „Man kann bei jedem nur nicken, irgendwie kann man jeden verstehen.” Einschließlich des Verfassers des Stücks, der sich selbst gleich mit in das Schauspiel einbaute. Mitsamt seiner Interessen daran, wie die Wahrheit schlussendlich aussieht.

Die Premiere von „Taking Care of Baby” findet an diesem Freitag, 19. März, in der Kammer des Stadttheaters statt. Weitere Vorstellungen sind angesetzt für Dienstag, 23. März, Freitag, 26. März, Mittwoch, 7. April, Samstag, 10. April, Samstag, 17. April, Mittwoch, 21. April, Samstag, 8. Mai, Dienstag, 25. Mai, Freitag, 4. Juni, Freitag, 11. Juni, Freitag, 19. Juni, Freitag, 9. Juli sowie Donnerstag, 15. Juli. Alle Aufführungen beginnen um 20 Uhr.
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