„Mazeppa”: Ukrainisches Freiheitskriegs-Drama neu erzählt

Von: Armin Kaumanns
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Die Geschichte endet ziemlich böse: Tschaikowskis selten gspielte Oper „Mazeppa” hatte im Theater Aachen Premiere mit Irina Popova als wahnsinnig gewordene Marie und Yikun Chung in der Rolle ihres gemeuchtelten Verehrers Andrej. Foto: Carl Brunn

Aachen. Marie ist auch mal klein gewesen. Da hat sie brav mit Puppen gespielt und sich im folkloristischen Baby-Doll-Kleidchen vor Freude im Kreis gedreht, wenn Patenonkel Mazeppa zu Besuch kam. Dann ist sie dem grauhaarigen Mann auch an den Hals geflogen und mit ihm ins Nachbarzimmer verschwunden. Diese Geschichte erzählt Regisseurin Ewa Teilmans zur Ouvertüre der Oper „Mazeppa” auf der kargen Bühne von Oliver Brendel im Theater Aachen.

Im Graben wühlen Marcus R. Bosch und sein Sinfonieorchester Aachen klangmächtig in Tschaikowskis martialischer Partitur, über ihnen kragt blutrot der Boden des vorn aufgeklappten Würfel-Hauses wie ein Pfeil ins Parkett. Drei Puppen liegen als Leichen übereinander getürmt überm Kontrabass, drei Stunden später singt hier die erwachsene Marie, dem Wahnsinn verfallen, als Entehrte, Verratene ihrem gemeuchelten Verehrer Andrej ein sinnlos rührendes Wiegenlied.

In „Mazeppa” erzählt Tschaikowski ein ukrainisches Befreiungskriegs-Drama des großen Alexander Puschkin nach, das natürlich böse endet. Für die Oper ist der politische Konflikt auf Mazeppa, den nach Unabhängigkeit trachtenden Feldherrn und Intriganten fokussiert, der einerseits den Aufstand gegen den russischen Zaren anzettelt, andererseits ehrlich und verzweifelt in Liebe zu der viel jüngeren Marie entbrannt ist. Die ist aber Tochter des zarentreuen Kotschubej, der sie nicht hergeben will.

Marie, vor die Wahl zwischen Vater und Liebhaber gestellt, entscheidet sich für die Liebe, für Mazeppa. Als dieser Jahre später den alten Widersacher foltern und erschießen lässt, wird Marie wahnsinnig. Am Schluss begegnen sich die Protagonisten auf dem Schlachtfeld, Mazeppa geschlagen, die Welt in Trümmern. Liebe, Freiheit, alles hin.

Viel Schlagwerk und Blech

Leider hatte Tschaikowski zu „Mazeppa” nicht seine kreativste Phase. Zwar rasselt er lautstark mit den Säbeln, veranstaltet immer wieder fulminante Schlachtenmusiken, die Schlagwerk und Blech heftigst fordern; auch sanfte Töne zu Liebesszenen sind durchaus ergreifend, der Schluss der Oper sehr rührend. Aber zwischendurch ist doch vieles Routine, wenngleich vom Orchester wieder einmal sehr klangmächtig realisiert und von Bosch souverän dosiert.

Hitverdächtige Arien sind Mangelware. Tschaikowski gelingt es nicht überzeugend, das psychologische Drama der Oper klar herauszuarbeiten. Denn Mazeppas typisch männlicher Konflikt im Spannungsfeld von Freiheitsstreben mit Gewalt und besitzergreifender Liebe steht Maries Drama in nichts nach, die sich als Opfer ihrer Gefühle zu Ehemann und Vater erfahren muss.

Regisseurin Ewa Teilmans will nun offensichtlich eine Frauengeschichte erzählen, so etwas wie: Junges Mädchen, von Vater und Patenonkel missbraucht, flieht in den Wahnsinn. Deshalb bemüht sie Puppen-Psychologie bis hin zur Familienaufstellung im Schlachtfeld-Pulverdampf.

Mazeppa, die ungleich vielschichtigere Figur, gleitet ihr bei diesem Ansatz durch die Finger. Daran ändert auch nichts, dass Wieland Satter den Titelhelden mit kostbarsten baritonalen Farben ausstattet und jederzeit das Bühnengeschehen mit hoher Präsenz bestimmt. Selbst Irina Popo-va, die der Marie ihr volles, glutvolles Tremolo leiht, entwickelt nicht die Komplexität, die die Regie im Sinn haben mochte.

Leichter hat es da schon Randall Jakobsh, dessen schwarzer Bass die Figur des Kotschubej jederzeit nachvollziehbar kleidet - ein Wohlklang noch in wimmernden Höhen unter der Folter. Ein wenig steif und hochdruckverliebt fasst der höhensichere Tenor Yikun Chung die Rolle des Andrej auf, Leila Pfister hat in der Alt-Partie der Marie-Mutter Ljuboff klangschöne Tiefen.

Die Oper „Mazeppa” ist ziemlich lang, an diesem Eindruck ändern auch Wodka und Piroggen nichts, die in den beiden Pausen gereicht werden. Man sieht die leicht abstrahierten Folklore-Kostüme gern (Britta Leonhardt), besonders beim sehr gut eingestellten Chor. Die sehr reduzierte Bühne überzeugt, wenngleich sie, je nach Standort der Sänger, manchmal nach Turnhalle klingt. Eine Folterkeller-Szene bleibt reichlich blutleer im Dustern; sehr stimmungsvoll das Schlachtfeld im Schnee.

Alles in allem ein durchschnittlicher Opernabend mit teils hörenswerten musikalischen Leistungen.

Das Publikum reagierte ausgesprochen positiv; die Zuschauer klatschten, offensichtlich sehr zufrieden, reichlich Beifall.

Tschaikowskis Oper „Mazeppa” im Theater Aachen. Dreieinhalb Stunden, zwei Pausen. Weitere Vorstellungen: am 10., 18. Dezember; 14., 30. Januar; 10., 27. Februar; 2. März; 3. und 16. April.
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