Aachen - Martin Walser: „Ich habe mich aus der Erreichbarkeit entfernt“

Martin Walser: „Ich habe mich aus der Erreichbarkeit entfernt“

Von: Bernd Mathieu
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Ein Musikstück aus Worten: Martin Walsers neues Buch ist von größter Intensität und Kraft der Empfindung, ein verwobenes Gebilde. Foto: dpa
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Martin Walser in seinem Arbeitszimmer: Der bald 90-jährige große deutsche Schriftsteller schreibt unermüdlich. Am 18. März kommt er als Gast unserer Zeitung zur Lesung ins Theater Aachen. Foto: dpa

Aachen. Sein neuer Roman? „Der ist, glaube ich, etwas Besonderes.“ Martin Walsers eigene Beurteilung seines jüngsten Buches stimmt. Kein Widerspruch. Dieses Werk ist tatsächlich besonders in den Facetten, die Literatur dieser Güteklasse und ihre Wahrnehmung zu bieten haben.

„Ich bin gespannt, was Sie dann sagen werden“, hat er mir im Oktober erklärt. Und bei unserem Treffen nach seiner Lit.Eifel-Lesung in Heimbach sprachen wir bei einem Abendessen über diesen Roman, diesen besonderen, nur kurz. Viel verrät Walser nie. Diesmal den ersten Satz. Weil erste Sätze für ihn wesentlich sind. „Es geht mir ein bisschen zu gut“, heißt dieser erste Satz. Der mehrfach wieder auftaucht.

Für den Autor, den bald 90-jährigen, ist dieses Werk, das spürte man schon vor Wochen an einer gewissen zurückhaltenden Vorfreude, eine Ausnahme. Eine Ausnahme? Seine Romane sind immer Ausnahmen.

Nein, eher etwas Außergewöhnliches. Eine außergewöhnliche Ausnahme. „Der unterscheidet sich von allen Romanen, die ich habe schreiben können“, sagt er in unserem Gespräch.

Das Buch ist das Werk eines unermüdlich Schreibenden. „Mir geht es ein bisschen zu gut.“ Den Satz schreibe man nicht ohne persönlichen Anteil daran. Ihm geht es gut.

171 erlesene Seiten

„Statt etwas“. Statt Handlung. Statt Dialog. Statt formaler direkter Rede. Kein Held. Keine Anführungszeichen. Wortgewaltig in fast jedem Satz. Eine wunderbare Sprache. Ihr Gerüst: Gedanken, zu Papier gebracht. Erfahrungen, Erlebnisse, Begegnungen, Enttäuschungen. Wundersames. Träume. Verletzungen. Glück. Illusion. Desillusion. Ein Roman: nicht nur. Autobiografisches: gewiss. Er will von solchen Mutmaßungen nichts wissen. Reagiert darauf nicht. Überlässt es ganz und gar der Phantasie des Lesenden, der betört ist von der Schönheit der literarischen Komposition.

Geschichten. Sätze. Anekdoten. Den Inhalt des Romans beschreiben? Unmöglich. Statt etwas! Lesen muss man es. Selber. Dazu gibt es diesmal keine Alternative. Keine Kurzfassung. Keinen Schnelldurchgang. 171 erlesene Seiten.

Walsers Verlag Rowohlt stürzt sich kopfüber in die Alphabete der Euphorie: „Der Höhepunkt in Walsers Alterswerk“.

Wahr ist: Sprachgewalt und Vitalität dieses Buches krönen das Gesamtkunstwerk des großen Schriftstellers in der Perfektion der Formulierung, der Intensität der Hauptfigur und ihrer Gedanken, Aphorismen, Lügen, Wahrheiten, Relationen, Gefühle, Begierden – zuweilen pathetisch. Wir begegnen Adorno, der Kafka-Schwester und – auf dem Bahnhof in Utrecht – Sartre. Im Traum.

Nein, kein Alterswerk!

Und unser Hauptdarsteller ist uns so fremd gar nicht: Er hadert mit dem Leben, mit sich selber, jedoch steckt er voller Energie, gelegentlich auch voller Gram, Selbstzweifel, dann übernehmen Angriffslust, Altersweisheit, Nachgeben, Verzeihen, Versöhnen die Alltagsdramaturgie. Eine Bilanz. Eines Menschen. Des Menschen. Ein Blick auf die anderen und auf sich selbst. Auf seine Existenz.

Dieses Selbstporträt des Protagonisten bewegt sich am Rand der Formlosigkeit, ist in keine Schablone zu zwängen, keine Schublade öffnet sich für eine übliche Einordnung. Statt etwas.

Für Martin Walser ist dies kein Alterswerk. Er mag diesen Begriff ohnehin nicht besonders und sagt: „Wenn ich vor 20 Jahren so hätte schreiben können, hätte ich es vor 20 Jahren geschrieben, aber ich konnte es damals nicht.“

Das Werk fasziniert durch seinen Grundton der Rätselhaftigkeit. Der Überraschung. Des nicht Vermuteten. Des schwer zu Verstehenden. Des Szenenwechsels. Der Perspektive. Der Wendungen. Der Drehungen: „Der letzte Rank“.

Lassen wir das Buch sprechen. In Zitaten. In Auszügen. In Stichworten.

Die Theorie. „Theorie ist eine zweite Sprache für eine erste. In der ersten Sprache gibt es alles von selbst. Die zweite Sprache ist die Lebenseinschränkung durch das Für-wahr-halten-Müssen. Das Wahrheitsgewerbe! Der Inbegriff dieses Gewerbes: die Theorien.“

Die Fehler. „Das war immer das Überraschende: Wenn er sich vorbereitete, den Fehler, den er das letzte Mal gemacht hat, zu vermeiden, passierte ihm ein ganz neuer Fehler ... Er schien einfach einen unerschöpflichen Vorrat von höchst persönlichen Fehlern zu haben. Wie viele noch, hatte er sich jedes Mal gefragt ... Ein Fehler: dass er unsympathische Leute nicht liebte bzw. dass er Leute unsympathisch fand.“

Der Schein. „An dem du hingst, den Faden ließen sie dich nicht durchbeißen. Sie klebten dich mit Sinn ans Leben. Den Schrei kultivieren, dass er sich anhört wie Gelächter, das lehrten sie dich. Belehrbar scheinen, das lohnte sich! Überhaupt scheinen! Dass aus deinem Mund Perlen strömten, wenn du kotzen wolltest.“

Die Freunde. „Auch die wirklichen Freunde blieben hinter dem zurück, was ich von Freunden erwartete ... Freunde sind Phantasie. Mit den Gegnern war das einfach. An wirklichen Gegnern kein Mangel. Sie zeigten, was sie von mir dachten, deutlich genug.“

Die Feinde. „Noch ein Unterschied: Gegner und Feinde. Gegner waren die, die nicht für mich waren, ohne dass sie gegen mich handelten. Ich war ihnen egal ... Die Feinde waren deutlicher. Sie ließen keine Gelegenheit aus, mich herunterzumachen. Und wenn es keine Gelegenheit gab, schafften sie eine ... Mein Feind war ausgezeichnet durch ein hochlebendiges Verantwortungsgefühl. Ich war natürlich nur ein kleiner Posten in seiner Verantwortungsagenda. Ohne dass er das langwierig begründen musste, erlebte er mich als eine wenn auch unwichtige Störung dessen, was sein soll ... Wer immer sich einbildet, mein Feind sein zu müssen, er darf zur Kenntnis nehmen, dass ich nicht mehr einholbar bin. Ich habe mich in jahrzehntelanger Anstrengung aus der Erreichbarkeit entfernt.“

Der Dank. „Zur Undankbarkeit war ich zu feige. Anstatt mich über das mir Angetane zu erheben, duldete ich, was mir zugefügt wurde, widerspruchslos. Der, der es mir getan hatte, musste glauben, ich sei der Ansicht, dass mir recht geschehen sei.“

Thomas Mann. „Er lag – grob gesagt – immer richtig: bis 1918 erzkonservativ, alles Demokratische verhöhnend, nach 1918 demokratisch leuchtend, inklusive SPD. Der Bruder Heinrich lag immer falsch. Gewissensbisse erscheinen denen, die immer richtigliegen, falsch.“

Der Sieg. „Sieger können einander nicht heftig genug berühren. Besiegte wollen mit einander nichts zu tun haben. Sieger sind EIN Jubel. Besiegte sind lauter Einzelne, jeder ist besiegt worden, jeder für sich, egal, auf wen er das verlorene Spiel zurückführt, ER hat es verloren.“

Die Wahrheit. „Was man einem anderen sagt, ist immer das, was man ihm sagen will: meine Wahrheit für ihn. Ich habe zwei oder drei oder viele Wahrheiten, und nur eine lässt die alles vernichtende Moral als Wahrheit gelten. Sie sind aber alle gleich wahr. Ich wählte für den anderen die Wahrheit aus, die ich für die zumutbarste hielt.“

Die Unwahrheit. „Ich wusste, ich kann nur denen glauben, die mich belügen. Das heißt, die mir zuliebe die Unwahrheit sagten. Durch Lügen kommt so viel Wahrheit in die Welt wie durch Wahrheit ... Die Unwahrheit ist die Kunst der Fuge als Sprache ... Wenn du nicht mehr fähig bist, mit der Unwahrheit zu leben, dann fehlt dir die Kraft, ohne die nicht gelebt werden kann. Wenn du selber nur noch die Wahrheit sagen kannst, bist du unter Menschen nicht mehr möglich.“

Die Erwartung. „Von Kind an lernten wir, so zu denken, wie gedacht werden sollte.“

Die Sprache. „Ich kochte den Schmerz, die irdische Suppe! Wenn du nicht gewesen wärst, Sprache, hätte es mich nicht gegeben ... Es wird doch wohl auf dem Papier etwas anderes passieren dürfen als in der Wirklichkeit.“

Das Richtige. „Sobald ich etwas nicht für richtig hielt, fiel mir auf, dass ich nicht wusste, wie man es besser machen könnte. Ich wollte nie mehr jemandem widersprechen.“

Der Kritiker. „Er tadelte, kritisierte oder beschimpfte immer im Namen und Interesse des Großenganzen bzw. der Gerechtigkeit oder der Humanität oder der Demokratie ... Er hat immer gehandelt im Namen des Richtigen. Ohne es so auszudrücken, war er immer tätig im Namen einer unanzweifelbaren Weltvernunft. Wen auch immer er tadelte, angriff oder gar geißelte, der war gerichtet.“

Die Kritikerin. „Ihre Urteile waren immer auch von der Sonne des Gefühls beschienen. Selbst wenn sie strikt kritisch sein musste, ließ sie dem, den sie kritisierte, noch ein Quäntchen Daseinsrecht. Von ihr kritisiert, musste man sich nicht das Leben nehmen.“

Der Traum. „Jeden Morgen die Enttäuschung: Wie unbedeutend ist die Tageswirklichkeit, verglichen mit dem, was ich geträumt habe ... Ich bin nicht so naiv, Träume auf ihre Bedeutung hin zu verhören. Jede so genannte Traumtheorie ist, als wollte man mit einem Schaufelbagger einen Schmetterling fangen.“

Der Stolz. „Fühl dich so unwichtig, wie du bist. Wenn dir das gelingt, darfst du bersten vor Stolz.“

Die Gedanken. „Wir haben viel mitgemacht mit einander, meine Gedanken und ich. Wenn ich zum Beispiel geglaubt habe, ich müsse mich umbringen, waren meine Gedanken dagegen. Meine Gedanken haben mir beigebracht, dass man unter allen Umständen leben kann oder muss.“

Ein bemerkenswertes Buch. Ein einzigartiges. Ein sprachgewaltiges. Ein walsersches. Es soll nicht sein letztes sein. Das soll ein anderes werden. Das schon einen Titel hat: „Ross und Reiter“. Das hat er schon festgelegt. Und Martin Walser sagt mir: „Das muss dann wirklich mein letztes sein.“ Seine Wünsche zum 90. Geburtstag am 24. März? „Schönes Wetter“, antwortet er dann. Ein paar Tage vorher treffen wir uns in Aachen. Schön.

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