Martin Walser: Große Literatur, gepaart mit Selbstironie

Von: Anke Holgersson
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Literatur vor imposanter Kulisse: Martin Walser zog zahlreiche Zuhörer ins Heimbacher Jugendstilkraftwerk. Foto: Peter Stollenwerk
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Martin Walser (Mitte) und seine Ko-Autorin Thekla Chabbi im Gespräch mit dem Journalisten David Eisermann.

Heimbach. „Dieses Gebäude macht mich sprachlos. Mich beeindruckt es zu sehen, dass es einmal eine Zeit gegeben hat, in der Industrie und Ästhetik ein selbstverständliches Miteinander bildeten.“ Martin Walser war sichtlich angetan vom Ambiente des Heimbacher Jugendstilkraftwerks, wo er am Montagabend im Rahmen des Literaturfestivals Lit.Eifel vor ausverkauftem Haus aus seinem neuen Roman las.

Der 89-jährige Schriftsteller hat Entertainerqualitäten und weiß seine Zuhörer zu unterhalten. Und das, obwohl die Hauptfigur aus seinem Roman „Ein sterbender Mann“, der 72-jährige Unternehmer Theo Schadt, wahrlich wenig zu lachen hat. Schadt verliert durch den Verrat seines besten Freundes seine Firma und seinen Lebensmut.

Er liebäugelt mit Selbstmord und tauscht sich in einem Internet-Suizidforum mit der Leidensgenossin Aster aus. Und ihm begegnet die „lichtumglänzte“ Sina Baldauf, für die er seine Frau verlässt und mit der sich eine virtuelle Liebesgeschichte entwickelt.

Walser las aus dem Anfang seines Romans, die Ko-Autorin des Buches, Thekla Chabbi, aus einem Brief von Sina an Theo, den sie verfasst hat. Die schickt darin nach wochenlangem Schweigen einen bewegenden Bericht über ihre Reise nach Algerien, der die passionierte Tango-Tänzerin eigentlich zu den Wurzeln des Tangos führen sollte, sie aber unerwartet zu ihren eigenen Wurzeln führte.

Im Gespräch nach der Lesung nahm der Kulturjournalist David Eisermann das Tangomotiv des Romans auf. Ob dieses etwas mit Thekla Chabbi zu tun habe? „Man muss nicht besonders schlau sein, um den Tango nicht mit mir in Verbindung zu bringen“, antwortete Walser und schlug damit den Ton für einen zweiten Teil des Abends an, bei dem die Zuschauer ihn als einen Mann erlebten, der die Dinge auf den Punkt bringt und dabei nicht mit amüsanten Geschichten und Selbstironie spart.

Walser erzählte zum Beispiel, wie am Ende der Aufnahme des Textes als Hörbuch ein Redakteur auf ihn zugekommen sei und freudestrahlend berichtet habe, dass ihm am Roman der Reisebericht aus Algerien am besten gefallen habe. Eben jener Teil, den Chabbi geschrieben hatte. „Das Gesicht, das ich da gemacht habe, musste ich erst lernen“, bemerkte Walser – eine von vielen Pointen, die er zur Freude seiner Zuhörer treffsicher setzte.

Die Ko-Autorschaft mit Chabbi habe sich zufällig entwickelt, ohne Planung, sagte Walser. Sie sei aus einer Plauderei bei einem Abendessen nach einer Veranstaltung der Universität Heidelberg entstanden. Chabbi schickte ihm damals einen Link zu einem Suizidforum. Walser loggte sich ein und sendete ihr in der Rolle des suizidalen Theos einen Probe-Post. Chabbi reagierte darauf, indem sie ihm als Aster antwortete, die Theos Selbstmord-Motive anzweifelt.

Chabbi habe darin eine „ernst zu nehmende Stilistik“ an den Tag gelegt, lobte Walser. „Sie hat sich auf meinen Ton eingelassen, aber einen völlig eigenen Ton in den Roman hineingebracht.“ Denn: „Als Autor muss man so viele Personen stilistisch imitieren. Aber ich habe es immer abgelehnt, Frauen anders denken und sprechen zu lassen als Männer.“ Dass genau dies nun mit der Ko-Autorschaft in seinem Roman passiert ist, nimmt er als „Reichtumsangebot“ an, Wiederholung ausgeschlossen: „Einmal reicht!“

Walser schließt mit seinem um E-Mails und Posts erweiterten Briefroman an seinen Liebesbriefroman „Das dreizehnte Kapitel“ an. Ihn habe der Erfolg dieses Buches getröstet, sagte er in Heimbach. Denn: „In jeder Saison erscheint eine junge Autorin und erzählt einem etwas über den Geschlechtsverkehr, was man noch nicht wusste.“ Da tröste es, wenn Bücher, die nicht im Bett endeten, sondern in der Sprache verweilten, auch ihre Leser fänden.

Sein neues Buch, so verriet Walser, wird „Statt etwas“ heißen und voraussichtlich im Januar 2017 herauskommen. Und schmunzelnd fügte der Schriftsteller hinzu: „Meine Leser haben alles schon gelesen. Die brauchen das nicht mehr. Stattdessen kriegen Sie von mir etwas Anderes.“

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