Martin Walser bezaubert das Aachener Publikum

Von: Grit Schorn
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Gut aufgelegt: Der Schriftstel
Gut aufgelegt: Der Schriftsteller Martin Walser las im voll besetzten Forum der Mayerschen Buchhandlung in Aachen. Foto: Stock/PPfotodesign

Aachen. Dem 85-Jährigen hätte es wohl niemand übel genommen, wenn er die Lesung in der Mayerschen Buchhandlung bequem sitzend vorgenommen hätte. Auch jüngere Autoren sitzen ja meist während ihres Vortrags.

Anders Martin Walser, streitbarer Geist und wortmächtiger Literat vom Bodensee: Gebräunt, gut aufgelegt und ohne Brille stand Walser am Dienstagabend in Aachen souverän am Pult, um aus seinem neuesten Werk vorzulesen.

Im Briefroman „Das dreizehnte Kapitel” geht es um ein platonisches Liebesabenteuer zwischen einem katholischen Schriftsteller und einer evangelischen Theologin. Beide sind verheiratet, und das sogar recht zufriedenstellend. Doch als der Autor Basil Schlupp die Professorin Maja Schneilin auf einem Empfang des Bundespräsidenten kennenlernt, scheint es um ihn geschehen zu sein. Ihre „zierlichen Lachexplosionen”, die ihr ein Tischnachbar entlockt hat, haben es ihm angetan. Bei diesem Ausdruck scheinen sich übrigens bereits die Geister zu scheiden: Manche Kritiker finden ihn entzückend, andere winden sich . . .

Leichthändig und humorvoll

Im voll besetzten Forum der Buchhandlung kommt der mehrfach preisgekrönte Dichter glänzend an. Die Vorliebe Walsers für den evangelischen Theologen Karl Barth (1886-1968) spiegelt sich bereits im Titel wider: Es geht um das 13. Kapitel im Römerbrief des Apostels Paulus. „Der Römerbrief” ist Barths Hauptwerk.

Anders als der eher verschwurbelte Glaubensroman „Muttersohn” wirkt Walsers neues Werk leichthändiger, humorvoller und eleganter. Die beiden Protagonisten im neuen Buch sind wie „zwei Seiten einer Medaille” (Walser).

Was den Briefwechsel zwischen Basil und Maja tatsächlich reizvoll macht, ist der Reiz der Vergeblichkeit. Beide fühlen sich sicher vor großen Verwerfungen und tatsächlichen Leidenschaften. Schon aus Altersgründen, wie sich Basil eingesteht, und aus beider Gebundenheit an gute Partner. Basil klingt oft selbstverliebt, die Theologin Maja eher kopfgesteuert und doch sensibel. Als sie erfährt, dass ihr Brieffreund in einem Interview eingestanden hat, dass fast alles, was sich jemals zwischen ihm und dem weiblichen Geschlecht zutrug, nur „aus Höflichkeit geschah”, ist die evangelische Maja stocksauer: „Sie sind eben doch ein Katholik! Durch und durch! Das haben Sie intus, das Sich-nieder-Werfen der ganzen Länge nach mit ausgestreckten Armen!”

Als Korbinian, Majas Ehemann, schwer erkrankt, löst sich die briefliche Liaison langsam auf, ebenso hat die einstündige Lesung ihr Ende gefunden. Der Beifall des Auditoriums will kein Ende nehmen, und Martin Walser sieht gestrafft der Signierstunde entgegen.
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