Aachen - Marionetten, Masken und Mord: „Der tollste Tag” im Das Da Theater

Marionetten, Masken und Mord: „Der tollste Tag” im Das Da Theater

Von: Sabine Rother
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Blankes Entsetzen: Figaro (Christian Backhaus) im Stück „Der tollste Tag” von Peter Turrini, das zurzeit vom Das Da Theater Aachen im Hof von Burg Frankenberg zu sehen ist. Foto: Wilfried Schumacher

Aachen. Das Unheil lauert in düsterer Pracht hoch oben in einem Baum vor der Burg - blutrote Handschuhe mit schwarzen Fingernägeln, Rabenfedern am Hut, der tief ins weiße Maskengesicht gedrückt ist.

Jetzt gleitet der magische Schatten zu den Menschen, stellt die Personen der Handlung als Pappfigurinen auf und signalisiert den Zuschauern, dass mit einem bösen Lächeln, einem klirrenden Schwung seines kostbaren Mantels die Komödie zerbricht und die hauchdünn übertünchte Tragödie, die Geschichte von Schlagfertigkeit und schlagender Gewalt, hervorbricht.

Mit Peter Turrinis Stück „Der tollste Tag”, frei nach Beaumarchais „Figaros Hochzeit”, holt das Aachener Das Da Theater in seiner Open-Air-Produktion ein explosives Werk unserer Tage in den Hof der Burg Frankenberg.

Theaterleiter und Regisseur Thomas Hirtz hält von Anfang an die Zügel fest in der Hand, lenkt die rasante Handlung geschickt durch burleske, temporeiche Untiefen, um dann wieder die Stille zu suchen, das Nachdenken zu fordern.

Faszinierende Drehbühne

1972 im Landestheater Darmstadt uraufgeführt, verlangt Turrinis Stück über das Verhältnis von Witz und Macht mit der zutiefst bitteren Wahrheit „Gewalt ist stärker als der Witz” eine Inszenierung, bei der blühende Fantasien die finstere Realität grell demaskieren. Hierzu schuf Bühnen- und Kostümbildner Frank Rommerskirchen eine faszinierende, multifunktionale Drehbühne.

Das blanke Holz der sauber verarbeiteten Rundungen, Türen und Nischen wird zur Projektionsfläche eines gefährlichen Spiels, die sich schwindelnd als Karussell drehen kann, die Gestalten in Schaufensternischen positioniert oder den Raum zur Szene öffnet.

Diener Figaro und Zofe Susanna freuen sich auf die Heirat, doch der Graf, vor dem in krankhafter Geilheit kein Rock sicher ist, will bei der Braut das „Recht der ersten Nacht” aufleben lassen und auskosten. Eine üble Situation - auch für die in ihrer Ehe vereinsamte Gräfin. Ein abstruses Gerichtsurteil soll Figaro in eine andere Ehe zwingen, doch es kommt zum mörderischen Eklat...

Mit Masken und opulenten Kostümen entlarvt Rommerskirchen die Charaktere durch einen genialen Reigen der Monstrositäten. Er zieht ihnen optisch die Kleider über den Kopf, ohne sie zu entkleiden, und schon brechen nackter Neid, Raffgier, Wollust und Bosheit hervor.

Rosige Farbtöne und helles Blau tragen die Liebenden - üppig zerzaustes, steifes Rokoko schillert in morbiden Quasten, Spitzen und Seidenstoffen der Herrschenden. Immer wieder wechseln die Darsteller zwischen Pantomime und Bewegungen der von Turrini so geliebten Comedia dell´arte (Choreographie Marga Render), sorgt als „rote Faden” ein im rasselnden Stil des berühmten Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki schnarrender und Intrigen spinnender „Bazillus” für frischen Biss. Schneller, textsicherer Schlagabtausch wechselt mit gedämpften Szenen.

Mal glaubt man, die von Motten angegriffenen Puppen eines Marionettentheaters zu sehen, dann wieder Gestalten aus dem „Tanz der Vamipre. Ausgewählte Lieder (Christoph Eisenburger, Instrumentalmusik Pascal Comelade) erzählen von Traurigkeit und Resignation, von Sehnsucht, Schmerz und Angst. Die gefährliche Mischung aus Machtmissbrauch und Aufbegehren einer gequälten Unterschicht eskaliert.

Hirtz schiebt in diesem Moment alle Spielerei beiseite. Die Szene ist offen brutal, heftig und eindeutig, ihr tödlicher Ausgang alles andere als witzig. Die Gräfin reißt sich schluchzend die Kleider vom Leibe, als ob sie brennen.

Mit Christian Backhaus (Figaro), Elena Lorenzon (Susanna), Jens Eisenbeiser (Graf Almaviva), Patricia Rabs (Gräfin), Mike Kühne (Bazillus/Fremder), Karen Lauenstein (Marcelline) und Uwe Dreysel (Cherubin) hat Hirtz ein spielfreudiges, professionelles und sprachgewaltiges Ensemble zur Verfügung, das feinste Charakterzeichnung bewältigt.

Insgesamt eine Inszenierung, die sich nie verzettelt, die straff und dynamisch auf den Höhepunkt - die Demaskierung der Lügen - zustrebt. Zum Schluss versinkt der Spielort in blauer Nacht. Unheimliche Ruhe kehrt ein, eine lockende, traurige Melodie klingt auf: Der bedrohliche Fremde erscheint zum letzten Mal und umgreift das Publikum mit wissendem Blick.



„Der tollste Tag”, Stück von Peter Turrini, Das Da Theater Aachen auf Burg Frankenberg, Inszenieruzng Thomas Hirtz, Bismarckstraße 68, bis 26. Juli, Beginn jeweils 21 Uhr. Karten: 0241/161688, Infos im Internet: http://www.dasda.de

Versteigerung: Die Kostüme zu „Der tollste Tag” (Foto: Mike Kühne) kommen am Sonntag, 26. Juli, 15 Uhr, im Innenhof der Burg Frankenberg unter den Hammer, Mindestgebot pro Kostüm 150 Euro.

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