Mario Corradi inszeniert am Aachener Theater die Oper „Luisa Miller“

Von: Jenny Schmetz
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Bei der Probe zu Scherzen aufgelegt: Regisseur Mario Corradi (r.) spielt auf der noch unfertigen Bühne für die Verdi-Oper „Luisa Miller“ mit der Knarre und seinem Assistenten Christian Raschke. Die „Warhols“ im Hintergrund sind natürlich auch nicht echt. Foto: Harald Krömer

Aachen. Da könnte man glatt meinen, das Theater ist ganz nah dran am Puls der Zeit, vielleicht sogar schneller als die Wirklichkeit: Erst seit einigen Tagen tobt der Streit um die Versteigerung von zwei Bildern Andy Warhols aus dem Aachener Spielcasino – und schwupps: Was sehen wir jetzt auf der Bühne im großen Haus?

Den Überwachungsraum eines Spielcasinos mit Safe und Monitoren – und drei knallig bunten Schinken wie aus der Fabrik des amerikanischen Pop-Artisten. Wird da etwa eine eilends geschriebene Politparabel über den Ausverkauf der Kunst geprobt?

Mario Corradi versteht die Frage gar nicht. Von der aktuellen Diskussion hat der Regisseur überhaupt nichts mitbekommen. Und er studiert auch kein neues Stück ein, sondern eine ziemlich alte Oper: Verdis „Luisa Miller“, uraufgeführt 1849. Die Casino-Pläne habe er mit seinem Bühnenbildner Italo Grassi schon vor fast einem halben Jahr entwickelt. „Totaler Zufall!“, sagt er auf Englisch mit Blick auf den Aachener Streitfall – und fügt lächelnd hinzu: „Kunst ahnt die Wirklichkeit voraus.“

Zufall hin oder her – ganz nah dran sein am Puls der Zeit will Corradi auf jeden Fall. Der Italiener verlegt den tödlichen Reißer um ein junges Liebespaar ins Mafia-Milieu. Schon Verdis Librettist hatte an der Vorlage, Schillers bürgerlichem Trauerspiel „Kabale und Liebe“, heftig herumgeschnitzt. Eine andere Zeit, ein anderer Ort, andere Namen. Doch die Aussage, betont der Regisseur, die sei dieselbe: die Anklage von Gewalt und absoluter Macht. Heute verkörpere diese Macht aber nicht mehr der Adel, sondern die organisierte Kriminalität. Graf Walter wird in Corradis Inszenierung also zum Mafia-Boss im Casino – zwischen Glücksspiel, Prostitution und eben Kunsthandel.

Wer jetzt denkt: „Auweia, ,Regietheater‘!“ – und damit abgehobene Konzepte meint, die nichts mit dem Stück zu tun haben, der könnte ziemlich daneben liegen. „Ein Regisseur darf nicht in seine Ideen verliebt sein!“, betont Mario Corradi, und fährt sich mit dem Zeigefinger über seinen akkurat geschnittenen grauen Bart. Der Herr im dunkelblauen Sakko trägt seine Brille am Band vor dem flachen Bauch und formuliert sehr gewählt. Seit 45 Jahren führt er Regie und hat es geschafft, nebenher noch als Philosophie-Professor in Mailand zu unterrichten.

Opern hat er vor allem in seinem Heimatland, den USA und Asien einstudiert, in Deutschland ist er bis auf einen Abstecher bei den Bad Hersfelder Festspielen mit „Orpheus und Eurydike“ 1986 noch nicht in Erscheinung getreten. Aber wenn er von den beiden gegensätzlichen Regie-Meistern erzählt, bei denen er in den 70er und 80er Jahren assistierte, dann lässt sich sein Regiestil vielleicht erahnen: Das waren Jean-Pierre Ponnelle, ein Verfechter des geschmackvollen Ausstattungstheaters, und Ken Russell, der mit Sex und Trash auf der Bühne und im Film provozierte. Gelernt habe er von beiden, sagt Corradi. Von Ponnelle: sich ganz genau an Musik und Text zu halten, von Russell dagegen: die Freiheit der Fantasie. Und er versuche, beides in Einklang zu bringen. Dass Corradi das jetzt in Aachen versucht, liegt an Generalmusikdirektor Kazem Abdullah. Gemeinsam mit dem Amerikaner hatte der Italiener vor drei Jahren in Detroit Mozarts „Le nozze di Figaro“ erarbeitet. Abdullah schlug ihm später „Luisa Miller“ für Aachen vor, früher komponiert und deutlich unbekannter als die Verdi-Opern „Rigoletto“, „La Traviata“ oder „Aida“, die Corradi alle schon inszenierte.

Mit „Luisa Miller“ konnte er anfangs nicht so viel anfangen, gibt er zu. Aber nach dem Studium von Musik, Partitur, Schiller-Drama und sonstiger Literatur habe sie ihn gepackt. Nun ist es bereits die elfte von 26 Verdi-Opern, die er auf die Bühne bringt. Er sei ja in einer „sehr privilegierten Lage“, sagt Corradi: Er inszeniere nicht, um Geld zu verdienen, er bekomme im Ruhestand ja regelmäßig einen Scheck von der Uni.

Vielleicht ist er deshalb auch bei der Probe so gelassen und zu Scherzen aufgelegt. „Ascolta, amore!“ (Höre, mein Herzblatt), flötet er zur Sopranistin und äußert sanft Kritik oder stimmt – wenn der Tenor den Faden verliert – selbst eine Arie an, allerdings aus „Traviata“. Er parliert Italienisch, Französisch, Englisch und am seltensten Deutsch – obwohl er die Sprache „vor 200 oder 300 Jahren“ in Wien studiert hat, wie er sagt.

Dass der Mann, der in Montepulciano in der Toskana geboren wurde („Vino Nobile!“, schnarrt er und reckt den Finger), am Anfang seiner Karriere in Mailand und Yale als Schauspieler auf der Bühne stand, ist offensichtlich. Auch bei der abschließenden Frage nach seinem Alter. „Welches Alter meinen Sie – im Herzen, im Kopf oder im Pass?“, fragt er kokett und beginnt ein langes Rate-Spiel, bevor er dann eine Plastikkarte zückt – seinen Ausweis. Geboren ist Mario Corradi demnach am 10. April 1943. Und der 71-Jährige hat noch viele Pläne. Da warten ja zum Beispiel noch 15 Verdi-Opern.

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