Marcus Bosch dirigiert zum ersten Mal Wagners kompletten „Ring“

Von: Eckhard Hoog und Kathrin Zeilmann
Letzte Aktualisierung:
6673856.jpg
Mit 44 Jahren geht für ihn ein Traum in Erfüllung: Marcus Bosch, der ehemalige Aachener GMD, dirigiert an der Staatsoper Nürnberg zum ersten Mal den kompletten „Ring“ von Richard Wagner. Foto: Ulf Krentz

Aachen/Nürnberg. Keine abgehobene Götterwelt will er zeigen, keinen Mythenzauber. Regisseur Georg Schmiedleitner inszeniert an der Nürnberger Staatsoper Richard Wagners Mammutwerk „Ring des Nibelungen“. Die musikalische Leitung hat Generalmusikdirektor Marcus Bosch, der ehemalige Aachener GMD.

Motivisch liegt er ganz auf der Linie des Regisseurs: Alles Schwere, all das, was man fälschlicherweise mit Wagner verbinde, will er der Musik austreiben. Das verspricht, ein Werk aus einem Guss zu werden. Los geht es am Samstag mit „Das Rheingold“. Am 5. April 2014 folgt „Die Walküre“. „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ vollenden die Tetralogie dann bis 2016.

Es ist ein Kraftakt für das Haus, doch in Sachen Wagner ist man inzwischen selbstbewusst in Nürnberg: Generalmusikdirektor Marcus Bosch feierte 2011 einen umjubelten Einstand mit „Die Meistersinger von Nürnberg“, ein Jahr später folgte eine gelungene Deutung von „Tristan und Isolde“. Und nun also der „Ring“ kurz vor Ende des Wagnerjahres, in dem die Klassikwelt den 200. Geburtstag des Bayreuther Meisters gefeiert hat. Staatsintendant Peter Theiler: „Projekte wie der ‚Ring‘ haben eine ungeheure Sprengkraft. Das ist doch letztlich das Streben der Kunst: Utopisches, Außergewöhnliches zu zeigen, mit menschlichen Mitteln. Genial!“

„Große Brachialstücke reizen mich natürlich als Regisseur“, sagt Schmiedleitner, der eigentlich vom Schauspiel kommt und vom Volkstheater Wien und Nürnberger Schauspiel her bekannt ist. Immerhin: In Nürnberg hat er bereits mit großem Erfolg drei Opern inszeniert.

Er will Bilder der heutigen Zeit zeigen, sein „Ring“ soll die Probleme vor Augen führen, „die wir heute empfinden. Wir leben an einer Kante, an der es jeden Tag Katastrophen geben kann – ob das Umweltkatastrophen oder Finanzkatastrophen sind“.

Trotzdem – und das sei das Spannende – gehe das Leben scheinbar normal weiter: „Dieses Gefühl, dass wir trotz abgründiger Weltsituation die Probleme ignorieren, das kommt im ‚Ring‘ vor. Und das möchte ich erzählen.“ Im „Rheingold“-Bühnenbild hat der Rhein zahllose leere Plastikflaschen angeschwemmt – ein deutlicher Hinweis auf die Zerstörung der Umwelt. Den Göttern verpasst der Regisseur sehr menschliche Züge. „Ich erzähle die Hybris der Menschen heutzutage. Wir fühlen uns ja als Götter. Der Mensch ist heute ein selbsterwählter Gott. Jeder kann digital weltweit wirken.“

Für Marcus Bosch ist der „Ring“ eine ganz besondere Herausforderung: Er dirigiert das Riesenwerk zum ersten Mal komplett. Und er hat ganz eigene Vorstellungen davon, wie er seine Interpretation angehen wird.

„Mich hat schon immer dieses falsche Pathos gestört“, sagte er am Freitag im Telefongespräch mit unserer Zeitung. „Natürlich ist die Musik überhöht, diese ganze Mythologie und die Ideologie, die dahintersteckt, all das ist unglaublich überhöht. Dazu kam noch die Benutzung der Musik für Politisches, der Missbrauch von Teilen des ‚Rings‘ als kriegsverherrlichende Musik im Radio.“ Wagner, sagt Marcus Bosch, verbinde man immer mit schwer, schwerfällig und pathetisch. „Damit konnte ich nie etwas anfangen.“

Ein besonderes Erlebnis war für ihn, die „Meistersinger“-Partitur in Händen zu halten: „Ich habe diese gestochen klare Schrift gesehen.“ Und er fühlte sich dabei bestätigt, dass Fluss, Transparenz und Vorwärtsgehen die vorherrschenden Motive in dieser Musik sind und eben nicht ein Auf-der-Stelle-verharren. „Das waren die Leitlinien für mich, und ich hoffe, dass man das hören kann, diese Nähe zu Mendelssohn und Weber. Ich habe den Musikern einfach gesagt: Spielen Sie diese Stelle, als ob Sie Mendelssohn vor sich haben. Und es ist interessant, was dann passierte: Sofort änderte sich der Klang.“

Marcus Bosch nimmt damit Linien wieder auf, mit denen er bereits bei seinem Debüt mit den „Meistersingern“ 2011 in Nürnberg für Furore gesorgt hatte. „Sein von allem deutschtümelnden Pathos befreiter Zugriff bringt jene Facetten in Wagners Partitur zum Funkeln, die an Weber, Mendelssohn, ja sogar an die Spielopern eines Albert Lortzing als Referenzgrößen denken lassen. Und weil die hörbar beflügelte Staatsphilharmonie ihm dabei mit einer Virtuosität und Spielfreude folgt, die man in dieser Konstanz und dynamischen Feinabstimmung kaum je aus dem Nürnberger Orchestergraben gehört hat, gerät diese Spielzeiteröffnung völlig zu Recht zu einem Triumph für den neuen Chef“, urteilte die Mittelbayerische Zeitung am 16. Oktober 2011.

Michaela Maria Mayer, die mit Bosch von Aachen nach Nürnberg gegangen war, bestach dabei als „traumhaft lockere Eva“. In „Rheingold“ ist sie jetzt die Freia. Erdmutter Erda singt Leila Pfister. Sie trat in der Spielzeit 2009/10 in Aachen ihr erstes Theaterengagement an, seit 2011 ist sie Ensemblemitglied in Nürnberg. Ebenfalls kein Unbekannter in Aachen: der Deutschkanadier Randall Jakobsh, seit 2011 ebenfalls fest engagiert am Staatstheater Nürnberg. Er sollte Samstag eigentlich den Wotan geben, doch er ist erkrankt. Für ihn springt der lettische Bassbariton Egils Silins ein.

In Aachen nicht machbar

In Aachen war seinerzeit auch eine „Ring“-Produktion im Gespräch, erinnert sich Marcus Bosch. Allein: „Von den Möglichkeiten her war das nicht machbar.“ Nun erfüllt sich für den 44-jährigen gebürtigen Heidenheimer ein Traum. „Es ist ein 8000er“, sagt er. Und die damit verbundenen Glücksgefühle fasst er in diesen Satz: „Es wird ganz viel wahr von dem, wofür man Dirigent wird.“

Im nahen Bayreuth wird man den Nürnberger „Ring“ naturgemäß mit großem Interesse verfolgen „Hand aufs Herz, Herr Bosch: Wenn alles gut läuft, welche Perspektiven ergeben sich daraus für Sie?“ Bosch: „Keine Ahnung, wirklich, keine Ahnung. Das kann man erstens nicht beurteilen, und zweitens soll man darüber auch nicht nachdenken, weil: Es kommt, was kommen soll, und bis jetzt bin ich mit der Einstellung immer gut gefahren.“ Und – vermisst er Aachen wenigstens ein bisschen? „Warum sollte ich nicht? Für mich waren das einfach zehn gute Jahre – ohne Punkt und Komma.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert