Manfred Schieber: Raffiniertes Spiel mit Schein und Sein

Von: Eckhard Hoog
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Als Restaurator hat er alte Maltechniken kennengelernt und verfeinert: Der in Broichweiden lebende Künstler Manfred Schieber malt außergewöhnliche Stillleben mit dem „Prunk“ unserer Tage. Foto: Andreas Herrmann
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Das Bildnis der Ginevra de’ Benci von Leonardo da Vinci: Manfred Schieber hat es nachgemalt als ein Gemälde, das verpackt ist in durchsichtiger Plastikfolie. Foto: Manfred Schieber
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René Magritte einmal ganz anders: wie verpackt in Noppenfolie. Illusion wird illusionistisch zerstört.

Würselen-Broichweiden. Das Bildnis der Ginevra de’ Benci von Leonardo da Vinci, eines der berühmtesten Gemälde der Welt – hängt das nicht in der National Gallery of Art in Washington?! Wie kommt es nach Broichweiden? Dazu noch eingepackt in Klarsichtfolie? Die schöne Florentinerin – das liebliche Antlitz umrahmt von den Blättern eines Wacholderstrauchs.

So wunderbar gemalt – Farbabstufungen und Schatten gehen im Gesicht fein ineinander über, Leonardo läutet ein ganz neues Kapitel in der Renaissancemalerei damit ein . . . Illusion und Wirklichkeit, Schein und Sein: Damit spielt der Broichweidener Maler Manfred Schieber auf eine Art wie sonst kaum ein anderer – und das völlig abseits und unentdeckt von der Szene mit einer unglaublichen Kunstfertigkeit.

Eigentlich versteht er sich als Stillleben-Maler – allerdings im weitesten Sinne. Ein Da-Vinci-Porträt der Ginevra de’ Benci – das Original entstand irgendwann zwischen 1474 bis 1478 – zählt er zu seinem ureigenen Genre dazu, allerdings um eine nicht ganz kleine Kleinigkeit verändert: Die Verpackung in Klarsichtfolie – die hat Manfred Schieber gleich dazu gemalt.

Er hat sie alle drauf

Er hat sie alle drauf: Maler der Renaissance genauso wie Vincent van Gogh, den alten Holländer Jan Vermeer oder den belgischen Surrealisten René Magritte, selbst Nagelkünstler Günther Uecker oder den italienischen Avantgardisten Lucio Fontana. Er kann sie alle malen – obgleich er Malerei niemals studiert hat. „Ich habe es mir theoretisch, aus der Literatur angeeignet“, erklärt er da mal eben, so als ob man auch das Geigespielen allein übers Bücherlesen lernen könnte.

Ein Laib Brot, wie frisch vom Bäcker, über einem weißen Tischtuch auf einer Frischhaltefolie, daneben eine bläulich-durchsichtige Mineralwasserflasche aus dem üblichen Material PET, und ein halb gefülltes Glas Wasser – so sieht eines der typischen Schieber-Stillleben aus, hier das „Prunkstillleben Wasser und Brot I“ aus dem Jahr 2013. Das Prunkstillleben steht am Ende in der Entwicklung des barocken Stilllebens, meist mit üppigem Obst, silbernen Schalen, aufgeschnittenen Melonen, täuschend „echt“ dargestellt.

Manfred Schieber überführt es in unsere Zeit mit dem ganz banalen „Prunk“ unseres Alltags, allerdings gemalt wie von den Altvorderen – in Schichten aufgebaut aus Tempera-, Öl- und modernen Acrylfarben. Die chinesische Blechdose aus dem Teeladen, die Konservendose vom Discounter, die Plastiktüte aus dem Supermarkt – oder mal eben herumliegender Müll, das sind die Gegenstände, die der 63-Jährige in seinen Stillleben versammelt.

Das Spiel mit Schein und Sein, Künstlichkeit und Wirklichkeit treibt er bisweilen mit viel Humor auf die Spitze: wenn er zum Beispiel im Blumenstillleben Plastikblumen malt – auf die sich die eine oder andere Fliege verirrt hat. Echt oder unecht? Die Antwort ergibt sich beim Blick auf die Seitenwand eines Laborschranks in seinem extrem aufgeräumten Broichweidener Atelier.

In dem befinden sich aufgereiht hinter Glastüren allerlei alte Apo-thekerfläschchen mit Lösungsmitteln für die Restaurierarbeit. Und eben auch ein kleines aufgespießtes Insekt an der Seite des Schranks. „Das ist mein Studienobjekt“, sagt Schieber und lächelt amüsiert.

Immer und immer wieder malt er Fliegen nach dem „Modell“, wie übrigens auch Tomaten, Äpfel oder andere Früchte, die er für seine Bilder „ganz in Echt“ arrangiert. Von nichts kommt eben nichts an malerischer Kunstfertigkeit.

Wie mag ein Mensch zu dieser Profession kommen? 1952 in Chemnitz geboren, übersiedelte er mit der Familie 1960 zunächst nach Berlin, später ins Rheinland. „Aufgewachsen bin ich in Köln“, sagt er. Von 1972 bis 1979 folgte ein Studium der Fächer Germanistik, Philosophie und Kunstwissenschaft an der Universität Düsseldorf. „Gemalt habe ich immer schon“, erklärt er. Allein: Handwerklich war in dieser Hinsicht an der Uni nichts zu lernen. „Das war zu der Zeit gar nicht gefragt.“

Die Künstlerschaft pflegte für sich ganz nach dem romantischen Vorbild die Vorstellung von einem im Inneren waltenden Genie – wozu brauchte man da noch Handwerk? „Intuition war alles.“

Anders allerdings bei Manfred Schieber. „Ich habe von Anfang an immer ein klares Ziel vor mir, eine feste Vorstellung: So soll das Bild aussehen.“ Da wird eben nichts dem Zufall überlassen – ein Kunstverständnis, das den Tendenzen der Zeit wohl ziemlich zuwiderläuft. Indessen: Daran hielt sich Schieber nie auf, lernte als solide Grundlage fachmännisch das Re-staurieren, darüber eben auch alte Maltechniken kennen und verfeinerte die eigene Malerei technisch mehr und mehr.

Beruflich fand er den Einstieg im Kunsthandel, er betrieb zeitweise sogar ein eigenes Geschäft in Aachen.

„Die Machart ist mir wichtig“, sagt er, „gar nicht so sehr das Motiv.“ Perfekt muss es sein: „Sonst entfaltet sich nicht die Wirkung.“ Während die alten Meister womöglich die höchste Kunst darin sahen, einen ganzen Salon in einem kugeligen Glas sich spiegeln zu lassen, gibt Manfred Schieber malerisch alles, um eine knittrige Plastiktüte so täuschend echt wie möglich aussehen zu lassen.

Oder eine Noppenfolie, in die scheinbar ein Mädchenbild von Magritte eingepackt ist. Damit hat er auf Ausstellungen im Übrigen für verblüffende Wirkungen gesorgt, wenn ein solches Bild wie vergessen abgestellt an einer Wand lehnte – die Besucher die Folie für echt hielten und dann anfassten. Da war aber nichts . . .

Was ist echt, was falsch?

Was ist echt, was falsch? Wie funktioniert Wahrnehmung? Wie schafft man Illusion, und wie zerstört man sie mit illusionistischen Mitteln? Das sind die Fragen, die diesen Maler mit viel Sinn für spitzbübischen Humor umtreiben, wenn er scheinbar Wassertropfen über ein Gemälde laufen lässt, Klebestreifen befestigt oder einer vermeintlichen Glasscheibe einen Sprung versetzt.

Das Spiel mit der desillusionierten Illusion geht so weit, dass er Nagelbilder von Günther Uecker malt, die absolut dreidimensional wirken. Oder er malt mal eben eine von Lucio Fontanas berühmten geschlitzten Leinwänden. Oder er „verpackt“ Vincent van Goghs Sonnenblumen in luftgefüllte Noppenfolie.

Mit Ausstellungen hat Manfred Schieber eher wenig am Hut, obgleich er seit 20 Jahren nur noch malt. In Berlin unterrichtet er an einer privaten Akademie Malerei, die Verbindung führte ihn in die dortige Szene, wo er seit 2008 regelmäßig ausstellt.

Seine Frau lernte er während des Studiums in Düsseldorf kennen, sie unterrichtet Deutsch am Heilig-Geist-Gymnasium in Würselen – das war es denn auch, was beide ins liebliche Broichweiden verschlug . . .

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