Magische Bilder von intensiven Gefühlen

Von: Sabine Rother
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Gleich mehrere Stücke tanzte die Compagnie des englischen Phoenix Dance Theatre beim Aachener Schrittmacher-Festival im Stahlbau Strang und beeindruckte das Publikum tief: Eingespielte Videos mit Aufnahmen der Tänzer aus einer ganz anderen Perspektive gaben den Choreographien eine zusätzliche Spannung. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Kraft und Energie, eine Spielfreude, die sich im Laufe dieses vielschichtigen Abends mit sehr unterschiedlichen Choreographien noch steigert, klassischer Tanz, der in spannenden modernen Stücken wie neu geboren wirkt: Das Phoenix Dance Theatre aus dem englischen Leeds, Gast beim Tanzfestival Schrittmacher in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang, hat seine Bodenständigkeit nicht verloren.

Die fünf Tänzerinnen und vier Tänzer sind lebensnah und zugleich in der schwierigen Umsetzung verschiedener Ideenwelten einfallsreich und erfahren. So gewinnt ein Stück wie „Shift” von Christopher Bruce zu der Komposition „Swing Shift” von Kenji Bunch, der als prägend für eine neue amerikanische Musik gilt, sofort die Herzen der Zuschauer.

Wie am Fließband

Geschickt hat Bunch mechanische Fließband-Rhythmen in tanzbare Abläufe integriert, denen die Akteure mit Frische folgen. Das hat den Touch der Industriealisierung in den 40er, 50er Jahren, die feschen Mädels in einfachen und praktischen Kleidern mit eng gewickelten Kopftuch-Turbanen, die selbstbewussten jungen Männer in Jeans und karierten Hemden. Die Paare finden sich, die Arbeitsabläufe mit ihren ruckartigen Bewegungen und dem routinierten „Schrauben” vermischen sich mit dem flotten Flirt zu einem mitreißenden Ensemble. Präzise und gut getanzt.

Philosophisch und expressiv wird es bei „TearFall” von Compa-gnie-Chefin Sharon Watson. Tränen – Wunderwerke des Körpers mit erstaunlichen Inhaltsstoffen, zugleich Indikatoren für das Seelenleben – stehen im Mittelpunkt. Die Compagnie kommt in verletzlich wirkendem weißen Unterwäsche-Outfit auf der Bühne. Es wird geweint – in weichen untröstlichen Biegungen der Körper, die sich kaum auffangen lassen. Schließlich steigern sich die Weinenden in Extase und Raserei, schlagen um sich, werfen sich theatralisch zu Boden.

Der Stoff der Tränen wird zum verwirrenden, anstachelnden Elexier, Modern Dance in bester Ausprägung und mit viel Tempo. Hübsch die durchsichtigen Luftballons auf der Bühne, Tränen zum Umarmen. Die Schluchzer und Klagelaute im Sound sind allerdings nicht nötig und eher störend. Wer hier nicht weiß, dass es ums Weinen geht...

In „The Audacios One“ von Warren Adams wird es spannend. Das ist Tanztheater, das nur eine gut eingespielte Compagnie umsetzen kann. Zu den gewaltigen bewegenden Klängen von Mozarts „Requiem” läuft eine Szenerie ab, die in der Politik oder auch in der Wirtschaft, etwa bei einem Bewerbungsverfahren auf Manager-Ebene, ablaufen könnte. Frauen und Männer auf roten hochlehnigen Stühlen konkurrieren erbittert und ernst miteinander.

Sie lassen einander nicht aus den Augen, umkreisen sich, attackieren, paktieren, tricksen. Hinzu kommt ein diabolischer Chef, tänzerisch souverän und mit atemberaubender Dominanz verkörpert von Prentice Whitlow, der diese „Bande” testet, selbst allerdings Macht und Führerschaft fest im Griff hält. Konzepte wirbeln auf bunten Blättern durch den Raum. Mozarts Musik ist von großer Schönheit und sorgt damit für den scharfen Kontrast zur riesigen Verschlagenheit, die hier thematisiert wird.

Wunderbare Lichtideen

Wunderbare Licht- und Tanzideen hat Dashan Singh Bhuller, vormals künstlerischer Leiter des Phoenix Dance Theatres, in „Mapping”, dem vierten Stück, entwickelt. Die Compagnie zeigt hier intensiven Zusammenhalt, entwickelt magische Bilder und eine dichte Zeichensprache der Körper mit ihren wie Rotoren wirbelnden Armen. Hintergrund ist das Schicksal von Singh Bhullers Vater, der von seiner Heimat Indien nach England emigriert.

So gibt es zunächst indische Anklänge in tempeltänzerischen Gesten mit Händen, die sich zum Gebet erheben, und zarten, gleichfalls ein wenig indisch wirkenden Kostümen mit seitlich gebundenen Oberteilen und schmalen Hosen, aber auch in der Musik. Alles ist höchst ästhetisch und emotional. So langsam verblasst Indien, und die britische Gegenwart ist da. Die Compagnie bleibt dicht beieinander oder umrundet die Lichtinsel des Migranten, der manchmal von einem surrenden, blau leuchtenden Ball mit Fernsteuerung begleitet wird. Ein kleiner Gag.

Aufregend gestaltet sich eher das Spiel mit den Videos und mit einem hellen Klebeband auf dem Bühnenboden. Irgendwann wird der ausgeleuchtete Raum vertikal auf der Leinwand projiziert, quasi als gespiegelte Ebene. Nun beginnt ein verblüffendes Spiel der Tänzerinnen und Tänzer, die die optische Wahrnehmung komplett ausschalten: Was horizontal auf dem Boden gezappelt, gerollt und gestemmt wird, wirkt in der vertikalen Projektion wie Hochseilkunst. Eine pralle Szene mit vielen Überraschungen. Zum Schluss regnet es Tennisbälle.

Wiederum beweist die Compagnie, wie sich bei ihr Freude und Perfektionismus zu akrobatischem Spaß auf höchstem Niveau entwickelten. Donnernder Applaus eines Publikums, das dies zu schätzen weiß.

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