Mächtige Bilder machen Töne verdaulich

Von: Armin Kaumanns
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Beeindruckend: „Moses und Aaron” von Arnold Schönberg ist keine leichte Kost. Regisseur Christof Nel und Bühnenbildner Roland Aechlimann setzen auf die Macht der Bilder. Foto: Eduard Straub.

Düsseldorf. Mit dem Lufthauch vieltausendjähriger Vergangenheit weht die Geschichte von Moses und Aaron auf die düstere, graublauschwarze Treppenbühne der Düsseldorfer Rheinoper. Windmaschinen spülen das Volk Israel auf Stufen und gegen massive Wände, die auf eine Treppenspindel ins Nichts hin ansteigen.

Ein großes, dynamisches und zugleich klaustrophobisches Bühnenbild hat Roland Aeschlimann Regisseur Christof Nel gebaut, auf dass Arnold Schönbergs Opernfragment „Moses und Aron” eine Intensität entwickle, die dem großen Werk und der riesigen Anstrengung des gesamten Ensembles angemessen sei.

Ausgiebig Applaus gespendet

Man darf nach der ausgiebig mit Applaus bedachten Premiere durchaus unentschieden sein in der Beurteilung, ob das Projekt gelungen ist. Nel verfolgt jedenfalls unerbittlich das Ziel, den bildmächtigen alttestamentlichen Stoff, den Schönberg mit einem Wust von philosophischen Bedeutungen befrachtet hat, in eine Sphäre der Innerlichkeit zu transponieren. „Gedankendrama”, nennt er das und verweigert nachdrücklich die Absicht, Schönbergs nach wie vor reichlich sperrige Zwölftonmusik durch mächtige Bilder verdaulicher zu machen. Der Abend ist harte Kost, die Komplexität der Thematik kaum nachzuvollziehen.

Nel und sein Produktionsteam folgen stringent Schönbergs (von früheren Oratorien-Skizzen herrührenden) Ansatz, die Handlung auf die beiden Titelfiguren und die dritte handelnde Person, das Volk, zu reduzieren. Moses wandelt im langen Mantel am goldenen Stab und findet in Michael Ebbecke einen wahrhaft in sich und seinem unsicheren Glauben ruhenden Sängerdarsteller, dem Schönberg eine Art Sprechgesang auf den Leib schrieb. In weiten Kantilenen, die reichlich unbequem zu singen sind, äußert sich Aron, der den Gedanken des skrupulösen Mose seine Stimme verleiht.

Altmeister Wolfgang Schmidt im weißen offenen Business-Hemd über schwarzem Rolli singt wunderbar wie eh und je, das verzweifelt Menschliche des Aron findet bei ihm reichlich Widerhall. Nel hat es auf die Ambivalenz der Titelfiguren abgesehen und arbeitet sie akribisch heraus.

Hier gibt es kein Gut und Böse, alles ist im Fluss und kreist um sich selbst. Das gilt auch für die riesige Menschenmenge, die als Volk, Älteste, Jungfrauen über die Bühne wabert. Dieser an die 100-köpfige Chor paukt seit anderthalb Jahren an den für Normalsterbliche unsingbaren Tönen, meistert seine Sache grandios.

An Wendepunkten der Handlung formt Nel die Massen zu beeindruckenden Tableaus, Gewalt-Orgien rund um den berüchtigten Tanz ums Goldene Kalb sind eher in den Hintergrund verbannt. Ein paar Dutzend Schlachtermesser finden sich in Tische gespießt wieder, Blut fließt in Maßen aus Jungfrauenhälsen und über den Altar.

So bleibt reichlich Raum für die Inhalte: die Unsicherheit der Hauptpersonen, die Dialektik der Gewalt, Bedrohung, Hoffnung und ihr Gegenteil. Schönberg und mit ihm die Düsseldorfer Symphoniker unter Wen-Pin Chien liefern den vor verstörender Expressivität berstenden Klangteppich dazu. Bis in die kleinsten Rollen vorzüglich besetzt besticht das Ensemble durch extraordinäre Qualität.

Am Ende dräut noch einmal rotes Licht und Rauch durch die schmalen Schlitz, die die Bühnenmauern gen Himmel öffnen. In der Bibel führt eine Feuersäule Israel ins gelobte Land, bei Schönberg klingt das schon reichlich morbide. Bei Nel denkt man an die Feueröfen der Vernichtungslager.

„Moses und Aaron” an der Rheinoper, Düsseldorf, Heinrich-Heine-Allee. 100 Minuten, keine Pause. Nächste Vorstellungen: 28. März, 2., 5., 9., 11. April, 19.30 Uhr.

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