Zülpich/Würselen - Madonnen aus krepierten Rohren: „Faszinierend. Weiblich.”

Madonnen aus krepierten Rohren: „Faszinierend. Weiblich.”

Von: Eckhard Hoog
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Der Künstler neben „Adam und
Der Künstler neben „Adam und Eva”: Der Würselener Albert Sous zeigt Skulpturen und Schmuckobjekte bis zum 17. Juni in den Römerthermen, Museum für Badekultur in Zülpich. Foto: eho

Zülpich/Würselen. Er ist Brunnenbauer, Goldschmied, Schrott- und Müllrecycler, Silberschmied, Edelmetaller, Bildhauer, NRW-Staatspreisträger und bezeichnet sich selbst als „Bewahrer” und „Archäologe” in einem eigenen Sinne: der Würselener Künstler Albert Sous.

Dass er außerdem noch eine gewisse Affinität zum schönen Phänomen des Weiblichen hat, dürfte sich von selbst verstehen: Immerhin formt er neben seinen Skulpturen seit 50 Jahren erlesene Schuckstücke aus purem Gold in einem ureigenen, individuellen Stil - eine einzige Hommage an die Weiblichkeit. Unter diesem also längst überfälligen Thema versammelt nun ein Museum seine Goldstücke ebenso wie eine Reihe von Skulpturen: die Römerthermen Zülpich, Museum für Badekultur. „Faszinierend. Weiblich.” heißt die Ausstellung in dem erst 2008 eröffneten Haus, das die eigene Existenz Brunnen und warmem Wasser zu verdanken hat.

„Ich baue nur zusammen”, pflegt Sous sein künstlerisches Prinzip zu erklären, aus der unscheinbaren stählernen Hinterlassenschaft der Industriegesellschaft eine neue Welt der Fantasie zu formen - Fabelwesen, Figuren, Türme, Architekturen. Über all die Jahre ist er dabei immer radikaler vorgegangen, aus Schrott Skulpturen zu machen.

Wo er früher noch den Schneidbrenner zündete, um seine Objekte aus Edelstahl zusammenzuschweißen, später vielleicht noch die Säge anlegte, um Teile zu trennen und neu zu verbinden, verzichtet er jetzt vollständig auf Werkzeug. Und bohnert allenfalls seine Fundstücke noch mit Bienenwachs - und lässt die Formen so sprechen, wie sie aus dem Ofen gekommen sind. Und die sind unverkennbar - weiblich.

Drei „Rheinische Madonnen” und das Paar „Adam und Eva” beherrschen den Ausstellungsraum - erhaben wirkende Torsi mit deutlich zierlichem Hüftansatz und zarter Taille. Die Figuren: nichts als Rohre, die ein Fehler, ein Unfall während der Produktion in glühendem Zustand ungebändigten Kräften aussetzte. Übrig blieb zerknüllter Stahl. Der Kennerblick des Bildhauers erkannte sogleich den skulpturalen Restwert. Sous richtete den Schrott einfach auf, so wie er war, polierte hier die Oberfläche, überzog sie dort mit Patina - und fertig waren die Skulpturen. Sie illustrieren nicht Madonnen, sondern wirken als abstrahierte Form für Assoziationen des Betrachters.

Weiblichkeit in vielen anderen Facetten, mit Andeutungen von Kleidung, verkörpert eine ganze Gruppe von Kleinskulpturen aus zerschnittenen und wieder neu zusammengesetzten Rohr-Relikten - skulpturaleBefragungen des Weiblichen. So wird aus Müll das freie Spiel der Formen, die sich gelegentlich auch zu Umschreibungen antiker Geisteswelten zusammenfügen. Auch das eine Abteilung dieser Ausstellung: Tempel-Architekturen einer Akropolis, zusammengesetzt aus bronzenen Zahnrädern - Reminiszenzen an eine Griechenlandreise.

„Als Konstrukteur setzt er liebevoll Komplexe der Gegenwart und Vergangenheit wie in einem Baukasten aneinander: die Edelstahlbleche und -röhren von heute und die Weinflaschen von gestern, die zeitgenössische Hülle und den archaischen Kern,” so beschreibt sein Weggefährte Wolfgang Becker, ehemaliger Direktor des Ludwig Forums, sein Schaffen. Dieses Credo trifft auch auf Sous Goldstücke zu: In filigranen Stücken finden sich Muster und Formen antiker Vorbilder mit kompliziertester Technik, höchster Präzision und bisweilen schlichtesten Alltagsobjekten vereint. Verblüffend dabei, wie man aus einer einzigen Unze Gold (31,1 Gramm) eine acht Meter lange Kette flechten oder in einen Hauch von Goldblech einen weiblichen Torso prägen kann.

Am 24. April wird der gebürtige Stolberger Albert Sous übrigens 77 Jahre alt.

„Faszinierend. Weiblich.”: Miniaturen und Schmuck in Gold, Objekte und Monumente in Stahl zeigen die Römerthermen, Bademuseum für Badekultur in Zülpich, Mühlenberg 7, Tel. 02252/838060. Dauer: bis 17. Juni. Geöffnet: Di.-Fr. 10-17, Sa./So. 11-18 Uhr. Eintritt: vier Euro, ermäßigt drei Euro
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