Aachen - „Made in Utrecht“: Hollands vergessene Blüte kommt nach Aachen

„Made in Utrecht“: Hollands vergessene Blüte kommt nach Aachen

Von: Eckhard Hoog
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Sie bereiten die Ausstellung „Made in Utrecht“ im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum vor: die Kuratoren Dagmar Preising und Michael Rief. Die Heilige Barbara, eine Pfeifenkopfarbeit aus Utrecht, gehört zur Sammlung des Museums. Foto: Andreas Schmitter
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Meisterhafte Schnitzarbeiten aus Utrecht, 15. Jahrhundert: (links) „Anbetung der Könige“ und „Geburt Christi“, ab März zu sehen im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum. Foto: Museum Catharijneconvent Utrecht, Ruben de Heer

Aachen. Ende August 1566: Der Mob tobt in den Niederlanden. Angestachelt von Calvinisten, dringen radikalisierte Bürger – häufig nach martialischen nächtlichen Predigten vor bis zu 14.000 Menschen – in katholische Kirchen und Klöster ein, saufen den Messwein weg, plündern die Kapellen und zerstören die Einrichtungen.

Gemälde, Skulpturen, Kirchenfenster mit Darstellungen Christi und der Heiligen, zum Teil sogar Orgeln werden verschleppt, vernichtet oder eingemauert. Der Bildersturm, angezettelt von – heute würde man sagen: fundamentalistischen – Protestanten, die die Zehn Gebote wörtlich und wichtiger nehmen als die kirchliche Tradition mit ihrer überkommenen Bilderwelt, er wütet im 16. Jahrhundert in ganz Europa. „Du sollst dir von Gott kein Bildnis machen“ ist eines ihrer obersten Gebote.

Drei Mal heimgesucht

Utrecht wird von 1566 bis 1580 gleich drei Mal davon heimgesucht. Die Folgen wirken bis heute nach: Im Bewusstsein der Niederländer selbst kommt diese kulturelle Ära vor dem „Goldenen Zeitalter“ – dem 17. Jahrhundert, als ein Rembrandt seine „Nachtwache“ malte – kaum vor. Ausgerechnet ein deutsches Museum, das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum, das allerdings von einem Niederländer geleitet wird – Peter van den Brink –, erinnert 2013 an eine vergessene Blütezeit niederländischer Kunst.

„Made in Utrecht – Meisterwerke mittelalterlicher Bildhauerkunst 1430-1530“ heißt die Sonderausstellung, die zeitgleich zur Kunstmesse Tefaf Maastricht beginnt und die in der Fachwelt wie beim breiten Publikum so erfolgreiche Reihe der Frühjahrsausstellungen seit 2009 fortsetzt: Nach den Gemälde-Retrospektiven von Jacob Backer, Hans von Aachen, Joos van Cleve und Cornelis Bega folgt nun eine Skulpturenausstellung: mittelalterliche Bildwerke aus Stein, Holz und Pfeifenton, die in 100 Jahren zwischen 1430 und 1530 in Utrecht entstanden sind.

„Made in Utrecht – damit ist ein Qualitätsmerkmal gemeint“, erklären die beiden Kuratoren Dagmar Preising und Michael Rief. „Wie der Stempel ‚Made in Germany‘“. Selbst im Ursprungsland der 90 kostbaren Exponate ist die „Utrechter Schule“ des 16. Jahrhunderts heute kein Begriff mehr. Das Goldene Zeitalter des darauffolgenden 17. Jahrhunderts, jene Epoche, in der das protestantische Bürgertum kirchliche Bildthemen mehr und mehr ablehnte und lieber sich selbst in seiner Lebensführung abgebildet sehen wollte, überstrahlt bis heute alles. Stillleben, Porträts, Gruppenbildnisse, Historienbilder – damit verbindet man die alten Meister der Niederlande. Aber Heilige?

Dabei war die Bischofsstadt Utrecht im Mittelalter in jeder Hinsicht ein bedeutendes Zentrum in den nördlichen Niederlanden und mit 25000 Einwohnern eine der größten Städte. Mit dem Bau des Doms entwickelte sich Utrecht zu einer der wichtigsten Stätten spätmittelalterlicher Bildhauerkunst. So entstanden zahlreiche Bildhauerwerkstätten, die in Stein, Holz und Ton arbeiteten. Die Werke gelangten bis nach Trier, an den Niederrhein, nach Westfalen und bis Frankreich, Spanien und Norwegen. Genau hier überdauerten die einzigen aus Utrecht erhaltenen fünf hölzernen Altarretabel.

Der Bildersturm hat das meiste weggefegt und die Reste in alle Winde zerstreut. Der Pariser Louvre, das Victoria & Albert Museum in London und das Rijksmuseum Amsterdam, Museen aus München, Köln sowie eine Kirche aus Norwegen unter anderem mussten bemüht werden, um mit 90 wunderschönen Werken die ganze Pracht und Vielfalt der Utrechter Bildhauerkunst jener Zeit vor Augen zu führen. „In erster Linie handelt es sich dabei um Heiligenfiguren und biblische Szenen“, sagt Michael Rief, „aber auch um profane Objekte.“

Beliebt war zum Beispiel auch skulpturaler Schmuck in Kaminaufsätzen, Medaillons mit Heiligen als Vorbildern. Dagmar Preising: „Die Heilige Anna etwa galt als Symbol für eine gesegnete Mutterschaft.“

Ein Glücksfall: Vier der außerordentlich raren Utrechter Skulpturen befinden sich seit dem frühen 20. Jahrhundert im Besitz des Suermondt-Ludwig-Museums. Eine fünfte Figur, die Stiftung eines Aachener Bürgers von 1954, stellt eine absolute Seltenheit dar – vergleichbare Objekte fielen naheliegenderweise häufig genug einer Umschmelzung zum Opfer: die knapp 25 Zentimeter große Silberfigur eines Heiligen Bischofs. Eines der größten Exponate der Ausstellung stammt aus dem Louvre: eine 1,60 Meter große Madonna.

Das Utrechter Museum Catharijneconvent ist der Kooperationspartner des Suermondt-Ludwig-Museums bei „Made in Utrecht“, dort wurde die Ausstellung am 15. November eröffnet und dauert noch bis zum 24. Februar. „Die Idee des Projekts stammt aber aus Aachen“, betont Dagmar Preising. Und hebt gleichzeitig hervor, wie selten dergleichen Skulpturenausstellungen sind – obgleich diese Art von Exponaten noch immer eine ganz besondere Faszination auf den Betrachter ausübt. „Es ist eben die ganz spezifische Magie, die von den Figuren ausgeht, weil es dreidimensionale Darstellungen sind. Deshalb wurden sie ja auch so vehement von den Bilderstürmern zerstört“, meint die Kuratorin. Und Rief ergänzt: „Den Hardcore-Protestanten war es ein Dorn im Auge, dass die Heiligenfiguren mitunter selbst angebetet wurden.“

Die magische Wirkung entfaltet sich umso mehr, je besser die farbliche Fassung der Figuren erhalten ist – was leider selten genug der Fall ist. War die Bemalung beschädigt, wurde sie zumeist irgendwann von wohlmeinenden Menschen komplett entfernt. Und dennoch verzaubert auch das geschnitzte reine Holz mit seiner Maserung bis heute hin. Und selbst die Figuren aus Pfeifenton, häufig in kleiner Version für den Massengebrauch, quasi „für die Handtasche“ produziert aus weiß brennendem Pfeifenton – damals aus Frechen oder Lüttich –, der sich im Übrigen nicht unterscheidet von den Pfeifen der heutigen Weckemänner, faszinieren in ihrer Detailvielfalt. Eine tönerne Heilige Barbara des Suermondt-Ludwig-Museums stammt aus Utrecht.

Keine Frage, dass auch im 16. Jahrhundert bereits weihnachtliche Motive zu den Highlights des bildhauerischen Könnens der Utrechter Herrgottschnitzer gehören. Da gibt es zum Beispiel das Eichenrelief „Anbetung der Könige, 75,5 x 73,5 x 28 Zentimeter groß, um 1460 in einer der insgesamt 60 bekannten Utrechter Bildhauerwerkstätten entstanden. Links im Vordergrund sitzt Maria mit dem Christuskind auf einem hohen Stuhl, auf dem eine geflochtene Matte liegt – Symbol für Einfachheit und Armut. Das Christuskind greift in den Pokal mit Goldstücken, den ihm der kniende König hinhält. Josef beugt sich über die Lehne von Marias Sitz. Er wirkt irgendwie mürrisch – ob er sich zu wenig gewürdigt fühlt?

Einer der Könige hat seinen Diener mitgebracht, der zwei Falken auf dem linken Handgelenk trägt. Der Morgenland-König von Welt, so offenbar die Vorstellung im 16. Jahrhundert, pflegt nicht ohne seine standesgemäßen Haustiere zu reisen. Während Matthäus in der Bibel noch von „Weisen“ aus dem Morgenland spricht, wurden sie bereits im 3. Jahrhundert zu Königen geadelt und erhielten im 6. Jahrhundert ihre Anzahl drei und ihre Namen: Caspar, Melchior und Balthasar. Auf jeden Fall bezeugt dieses Relief die außerordentliche Kunstfertigkeit der Utrechter Bildschnitzer, von denen fast nur noch ein gewisser Adriaen van Wesel bekannt geblieben ist.

Ein sehr vertrautes Motiv liefert das Relief „Geburt Christi“, entstanden zwischen 1480 und 1500, rund 39 Zentimeter hoch: In einem Stall mit Schilfdach kniet auf der linken Seite Maria mit gefalteten Händen neben dem nackten Jesuskind. Rechts: Josef, der sich auf sein linkes Knie stützt. Im Hintergrund stehen Ochse und Esel hinter einer kleinen Steinmauer.

Nur zwei der faszinierenden 90 Exponate, mit denen das Suermondt-Ludwig-Museum, in der Forschung mittelalterlicher Skulpturen eines der international führenden Institute, wieder einmal eine Pionierarbeit leistet.

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