LuFo-Direktorin Franzen fordert mehr Selbstbewusstsein

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Sie fordert mehr Selbstbewusstsein für, so formuliert sie es in unserem Interview, eine „sensationelle Sammlung“: Brigitte Franzen, seit fünf Jahren Direktorin des Ludwig Forums für Internationale Kunst in Aachen. Foto: Harald Krömer
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lufomja5 08.01.2014 Ludwig Forum, lufo

Aachen. Es geht nicht nur um die sechsstellige Summe für einen neuen Eingangsbereich. Das Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen steht insgesamt – wieder einmal – in der Diskussion. Welche Perspektiven hat das bekannte Haus an der Jülicher Straße?

Wie wertvoll ist es mit seiner Sammlung für die Stadt und der Region – und das trotz seiner relativ geringen Besucherzahlen? Welche Pläne und Projekte gibt es für die kommenden Jahre? Dazu äußert sich die Direktorin des Forums, Brigitte Franzen, im Gespräch mit Bernd Mathieu.

Was hat Sie in den fünf Jahren positiv überrascht? Was hat Sie enttäuscht?

Franzen: Ich bin nach Aachen gekommen, weil ich überzeugt war, hier etwas gestalten zu können, und das hat sich bewahrheitet. Ich bin mit sehr offenen Armen aufgenommen worden, von den Mitarbeitern, dem Freundeskreis des Hauses und den Akteuren in der Stadt. Zum positiven Gesamteindruck gehörte auch, dass Irene Ludwig bedingungslos hinter dem Haus stand. Wir haben oft telefoniert und über die Ausstellungen und die Entwicklung der Sammlung diskutiert. Die Unterstützung, die ich bis heute erhalte, beispielsweise durch die Ludwig-Stiftung, stimmt mich immer wieder positiv. Das möchte ich nicht missen, eine tolle Erfahrung.

Und was enttäuscht Sie?

Franzen: Diese immer wiederkehrende Krittelei und dass diese sensationelle Sammlung von manchen noch nicht als etwas gesehen wird, auf das man stolz sein kann. Die Grundkritik am Ludwig Forum hat viel mit überzogenen Erwartungen zu tun. Als das Haus eröffnet wurde, hatte es im ersten Jahr etwa 100.000 Besucher. Daran hat es nie wieder anknüpfen können, was völlig normal ist. Oft höre ich: „In Aachen ist uns alles weggenommen worden, und jetzt ist alles in Köln.“ Wer durch die Dauerausstellung geht, sieht: Das stimmt nicht. Manchmal frage ich mich, wem es dient, dieses Haus schlechtzumachen.

Wie steuern Sie dagegen?

Franzen: Wir haben durch viele Projekte und Ausstellungen der letzten fünf Jahre gezeigt, dass wir in der Top-Liga spielen. Das zeigen die wiederkehrenden Förderungen durch nationale und internationale Stiftungen und Sponsoren, die ich ans Haus holen konnte. Ich denke oft: Mensch, schaut doch mal hin, schaut, was wir hier haben, da müssen wir nicht den Picassos nachtrauern. Städte mit unbedeutenderen Sammlungen geben sich viel selbstbewusster. Wir stehen mit unserer Kunstsammlung so gut da, da ist Selbstzerfleischung fehl am Platze.

Also wird das Haus in der eigenen Stadt unter Wert verkauft?

Franzen: Es könnte besser laufen. Daher habe ich von Anfang an den Plan verfolgt, die Institution nach innen und nach außen zu stärken. Das Haus inhaltlich stark zu positionieren und seinen Wert und seine Möglichkeiten in den Mittelpunkt zu rücken, steht im Zentrum der Großausstellungen der letzten Jahre. 2011, anlässlich 20 Jahre Ludwig Forum, haben wir zum Beispiel die Sammlung Ludwig und ihr Verhältnis zu Aachen besonders in den Blickpunkt gerückt. Parallel dazu ist die Idee entstanden, regelmäßig Projekte gemeinsam mit lebenden Künstlern zu konzipieren, auch um zu zeigen, wie schön dieses Haus ist. Dazu gehören zum Beispiel Susan Philpsz‘ Soundprojekt 2011 oder Phyllida Barlows Kunstpreis-Ausstellung 2012. Immer geht es darum Künstler einzuladen, mit dem Haus aktiv zu arbeiten und eine Einzigartigkeit herzustellen, etwas zu kreieren, was nur zu einem bestimmten Zeitpunkt in Aachen zu sehen ist und eine Verbindung zwischen Architektur und Kunst eingeht. Die meisten Künstler, mit denen ich hier gearbeitet habe, waren immer sehr begeistert von der besonderen Atmosphäre.

Haben Sie Ihre Vorstellungen, die Sie vor Ihrem Start in Aachen hatten, realisieren können?

Franzen: Die meisten ja. Das war ein langfristiger Plan. Die erste Ausstellung „Pop Up“ habe ich schon im April 2009 gemacht, obwohl das zeitlich sehr knapp war, vier Monate nach meinem Antritt. Ich habe das Haus erst mal frei geräumt. Den Raum zum Atmen zu bringen, war ebenso ein Akt des Ordnens als auch des Platzmachens.

Was sehr umstritten war.

Franzen: Es ging darum, den Blick auf dieses Gebäude und seine Sammlung zu schärfen. Schlüsselwerke aus der Sammlung wurden mit jungen Positionen konfrontiert. Da waren Künstler dabei, die mittlerweile einen großen Ruf haben. Mein Ansatz ist bis heute, Sammlung, Sonderausstellungen und Institution in ein einzigartiges Wechselspiel zu bringen. So erreicht man eine Spezifik für Aachen, die uns von anderen Häusern deutlich unterscheidet und uns interessant macht. Die Frage, wie man Kunst und ihre Schwesterdisziplinen in diesem Haus inszenieren kann, ist eine weitere zentrale Überlegung für Ausstellungsprojekte. Das West-Arch-Projekt 2010 ist ein Beispiel dafür, das erste Architekturprojekt im Ludwig Forum, wo die junge Architektur-Szene aus dem Westen Deutschlands mit den Niederländern und Belgiern gezeigt wurde. So große Ausstellungen können wir uns allerdings nicht jedes Jahr leisten. Wir haben nicht genügend Budget, und das Team ist zu klein dafür.

Sie müssen viele Sponsoring-Gelder einwerben. Haben Sie den Anteil so hoch eingeschätzt?

Franzen: Ich wusste schon, was auf mich zukommt und dass dies keine große Schwarzwälder-Kirsch-Torte sein würde. Unser Ausstellungsetat hat sich seit 1991 nicht verändert, was eine effektive Kürzung von 30 bis 50 Prozent bedeutet. Andererseits habe ich eine relativ große Denkfreiheit. Das bedeutet, dass es bei uns keine Fertiggerichte gibt, die Projekte werden in enger Zusammenarbeit mit den Künstlern und mit Bezug zum Ort und zur Sammlung entwickelt. Ein Museum für moderne Kunst – so wie ich es definiere – ist ein Ort der besonderen Erfahrung. Hier sind Auseinandersetzungen zu führen über aktuelle Fragen und darüber, was Kunst heute ist, was sie sein will und wie sie im Verhältnis zur lokalen und internationalen Gesellschaft positioniert ist. Mich freut es auch, dass Kollegen und Künstler positiv darauf reagieren und sagen: Schaut mal nach Aachen, da passiert etwas unheimlich Spannendes!

Das ist zwar schön, aber diese Kollegen sind nicht Ihre Zielgruppe. Wen müssen, wen wollen Sie für das Forum erreichen?

Franzen: Publikum kann man natürlich nie genug haben. Wir alle hier möchten möglichst viele Leute so spezifisch wie möglich erreichen. Zugleich ist das Betrachten von Kunst eine sehr individuelle Geschichte. Wir haben einen öffentlichen Auftrag: Kunst zu sammeln, zu bewahren, zu erforschen, zu präsentieren und zu vermitteln. Wir machen qualitätvolle Angebote in diesem Bereich. Es gibt kaum eine andere vergleichbare Einrichtung in Aachen, die es hier mit uns aufnehmen könnte. Unsere Zielgruppe reicht von der künstlerischen Früherziehung über die Schulen bis hin zu den Senioren.

Wie wichtig sind Ihnen überhaupt die Aachener, die Region?

Franzen: Sie sind natürlich unsere Hauptansprechpartner. Sie möchten wir langfristig an uns binden. Wir wollen zu einem Ort werden, wo man auch mal „einfach so“ hingeht ohne Konsumzwang und Spaß daran hat zu flanieren, um vielleicht später in die Therme zu gehen oder in den Kunstverein. Das gesamte Areal sollte stärker vermarktet werden – als Freizeitort.

Und mit einer besseren Anbindung an die Innenstadt.

Franzen: Daran arbeiten wir intensiv. Wir müssen Wege aufzeigen, wie man zu uns kommt. Da sind wir an Projekten dran, etwa mit dem Presseamt und dem Marketing der Stadt Aachen und mit dem Tourist Service. Mir schwebt zum Beispiel vor, eine Museums-Linie einzurichten, um Suermondt-Ludwig-Museum und Ludwig Forum auf einer Linie zu erreichen. Der Weg von der Stadt zu uns muss attraktiver gestaltet werden, da kann man sehr viel mit Kunst machen. Unser Parkplatz braucht endlich eine Schranke – eigentlich sollte das keine Kunst sein.

Sie haben hervorragende internationale Verbindungen und Kooperationen. Welche Pläne und Perspektiven gibt es?

Franzen: 2014 dreht sich alles um das „Kinderkönigreich“ von Pawel Althamer, das wir parallel zu den drei großen Karlsausstellungen inszenieren. Unsere Planungen gehen derzeit bis 2016. In Kooperation mit dem Museum of Modern Art in New York und dem Bauhaus-Archiv in Berlin werden wir 2015 eine Ausstellung über Ludwig Mies van der Rohe machen. Es wird um seine Foto-Collagen und Foto-Montagen gehen. Das sind wirkliche Kunstwerke, große Objekte. Sie ziehen sich durch sein gesamtes Lebenswerk. Wir werden mit der Ausstellung seine Lebensstationen nachzeichnen, die in Aachen anfangen und dann nach Berlin und in die USA wandern. Die Amerikaner stellen uns alle Leihgaben zur Verfügung, die wir haben wollen. Ich bin im Moment dabei, für das Projekt Geld zu sammeln. Wir brauchen einiges an Mitteln, etwa für Transporte. Gott sei Dank haben wir jetzt einen klimatisierten Bereich. Ohne den könnten wir diese Ausstellung nicht machen.

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