Ludwig Forum: Strichmännchen zeigt Gefühle

Von: Eckhard Hoog
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Präsentieren bis 25. April deutsch-deutsche Grafik aus der Sammlung im Ludwig Forum: Kuratorin Annette Lagler (links) und Direktorin Brigitte Franzen. Im Hintergrund ein Werk von Felix Droese. Foto: Ralf Roeger

Aachen. 1977 nehmen erstmals an einer documenta in Kassel - heiß diskutiert und sehr umstritten - Künstler aus der DDR teil, allesamt ausgesucht und „freigegeben” vom DDR-Kulturministerium: Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte, Werner Tübke, Fritz Cremer und Jo Jastram.

Das zu einer Zeit, als der Aachener Sammler Peter Ludwig in nicht geringem Umfang Kunst aus der DDR erwirbt und der staatliche Kunsthandel „drüben” seine Künstler als beachtliche Devisenquelle entdeckt. Die Folge: eine gewisse Toleranz der SED-Kulturpolitik gegenüber „Nonkonformisten”, die anderes im Sinn haben, als den sozialistischen Helden abzubilden.

Auch an diese Wechselwirkung erinnert die Ausstellung „West/Ost. Ludwigs Grafik 2” im Aachener Ludwig Forum. Nach den Amerikanern im ersten Teil sind nun Künstler aus der Bundesrepublik und der DDR an der Reihe, deren Grafiken ein Stück deutsch-deutscher Kunstgeschichte dokumentieren sollen.

130 Blätter, ausgewählt aus einem Gesamtbestand von rund 2000, repräsentieren unterschiedliche Kunsthaltungen, Menschenbilder und Stile. Dabei wirkt die im Schritt weit ausholende Figur mit hochgereckten Armen des DDR-Künstlers Herbert Sandberg, die einem schwarzen Loch entkommt, wie ein Emblem für den sich nach Befreiung, Erlösung oder auch nur Flucht sehnenden Menschen. Diese Mutter aller neueren Chiffren fand offenbar immer wieder Nachahmer, die sie modifizierten, etwa deutsche Künstler wie Baselitz, Mattheuer und A.R. Penck zum Beispiel mit seinen Strichmännchen.

Bei Sandberg 1946 noch unter dem Eindruck der schrecklichen Kriegs- und KZ-Erlebnisse in expressionistischer Holzschnittart entstanden, wird die Strichfigur bei Penck ab 1962 zum „fühlenden Ich” (Kuratorin Annette Lagler) schlechthin. Typisch für jene Zeit, dass Penck seinen Lebensunterhalt in Dresden als Nachtwächter und Kleinstdarsteller verdient, während seine Werke in der westdeutschen Kunstszene die höchste Anerkennung genießen.

Wer die west-östliche Kunstentwicklung eingehend studieren will, der wandert am besten mit dem profund informierenden Katalogbuch (20 Euro) durch die Ausstellung. In der finden sich auch drei Künstler aus der Region vertreten: Herbert Falken, der in den 70er Jahren Krankheit, Alkoholismus und Rauschgiftsucht in seinen Bildern thematisierte; Günther Knipp, der wuchernd-verfilzten Strukturen in Schwarzweiß eine ungeahnte Ästhetik abgewann; und Joachim Bandau, der schwarze Meditationsbilder in einem hochdisziplinierten Malprozess fabrizierte, den man nur als masochistisch bezeichnen kann.

„West/Ost. Ludwigs Grafik 2” im Aachener Ludwig Forum, Jülicher Straße 97-109. Eröffnung: heute um 20 Uhr. Dauer: bis 25. April. Geöffnet: Di., Mi., Fr., 12-18, Do. 12-20 Uhr, Sa./So., 11-18 Uhr.
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