Ludwig Forum: Retrospektive für Peter Lacroix

Von: Eckhard Hoog
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Die farbliche Abstimmung ist reiner Zufall: Annette Lagler, stellvertretende Leiterin des Aachener Ludwig Forums, kuratiert die Ausstellung mit rund 100 Werken des Aachener Künstlers Peter Lacroix. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. „Das muss weit über Aachen hinaus wahrgenommen werden!“ Für die Kunsthistorikerin Annette Lagler, stellvertretende Leiterin des Ludwig Forums, ist sonnenklar: Mit dem Namen des Aachener Künstlers Peter Lacroix (1924-2010) verbindet sich ein „absolut ungewöhnliches, völlig eigenständiges Werk, das sehr abstrakt wirkt, aber total konkret gemeint ist“.

´Rund 100 seiner Arbeiten aus sechs Jahrzehnten zeigt das Ludwig Forum in einer großen Ausstellung vom 1. Februar bis zum 19. April in den Wechselausstellungsräumen im zweiten Obergeschoss.

Er war ein Schalk, ein Schelm, mit trockenem Humor, kein wirklicher Provokateur, wenngleich er das Herz auf der Zunge trug – vor allem ein leidenschaftlicher Impresario der regionalen Kunstszene, ein kerniger „Typ“, gerne unbequem, aber liebenswert mindestens für all jene, die seine Sympathie einmal erobert hatten.

Die Schau verfolgt nun seinen eigenen künstlerischen Werdegang – und der beginnt mit der womöglich typischen Orientierung seiner Generation nach dem Zweiten Weltkrieg an internationalen Strömungen der informellen Malerei und zeichnet den Befreiungsschlag nach, als die Moderne mit aller Macht Ende der sechziger Jahre auch über Aachen und seine Künstlerschaft hereinbrach.

Immer in Serien gearbeitet

Den Nachlass verwaltet der Aachener Galerist Andreas Petzold, der Künstler hat es ihm dabei schon zu seinen Lebzeiten leicht gemacht – Annette Lagler, amüsiert über so viel Ordnungssinn: „Er hat immer in Serien gearbeitet, und wenn eine beendet war, dann hat er sie verschnürt und in den Keller gesteckt.“ So hat sich die farbliche Leuchtkraft mancher Bilder auf einzigartige Weise erhalten.

Ausstellungen, zumal große – das war nicht unbedingt sein Ding. 1971 hatte er eine Einzelpräsentation in der Neuen Galerie – Sammlung Ludwig. Etliche folgten zwar noch bis 2010 in der Aachener Region, aber eigentlich ging der gereifte Peter Lacroix einen ganz eigenen Weg abseits vom üblichen Kunstrummel – unbeirrt und mit einem humoristischen Ernst, wenn es denn so etwas gibt.

Anfang der Sechziger fließt er noch mit im großen Strom der Informellen, spürt inneren Gefühlen nach, wendet sie in farblichen Ab- straktionen nach außen – quasi als Spiegel einer verletzten Seele. Ende des Jahrzehnts ist allerdings Schluss damit, denn in Aachen ist die Hölle los. Peter Ludwig bringt seine Pop-Art aus Amerika mit, der „Gegenverkehr“ des Aachener Journalisten Klaus Honnef bestimmt mit Gleichgesinnten die frische Szene, Peter Lacroix mischt kräftig mit – und schwenkt künstlerisch komplett um.

„Das entspricht so in etwa dem Gefühl: Jetzt sind wir in der Gegenwart angekommen“, erklärt Annette Lagler den Bruch von 1968. Lacroix, von Hause aus gelernter Theatermaler am Aachener Stadttheater, 1945 aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, der ab 1947 bereits die Freuden und Leiden eines freischaffenden Künstlers genießt, experimentiert auf der Suche nach dem eigenen Weg mit der Malerei von Farbflächen. Er teilt sie auf nach dem goldenen Schnitt, setzt harte Kanten gegen geschwungene Formen.

Und nutzt dabei ganz neues Material, das es ihm ermöglicht, so satte, knallbunte Farbflächen und gestochen scharfe Ränder wie nie zuvor zu fabrizieren: Kunstharz. 1969 beginnt er mit dieser Art von „Konkreter Kunst“, die auf geometrisch-mathematischen Grundlagen beruht. Zahlen spielen hier schon eine große Rolle, wenn er farbige Streifen nach systematischen Prinzipien vergrößert und vervielfältigt.

Auf der Suche nach neuen bildnerischen Möglichkeiten gerät Lacroix der Würfel in den Blick. Jeder Zahl ordnet er eine bestimmte Farbe oder Form zu – und tilgt damit alle Momente des Subjektiven, um die reinste aller reinsten Formen gegenstandsloser Kunst zu gewinnen. Als er aber von „okkulten Kräften“ erfährt, die der Mensch womöglich beim Würfeln überträgt und das Ergebnis beeinflussen, verfällt er auf eine noch „objektivere“ Methode der Zahlengewinnung: Er überredet einen kettenrauchenden Freund, von dem er weiß, dass der stets vier Zigarettenspitzen zum Zwecke der alternierenden Benutzung mit sich führt, noch zwei weitere anzuschaffen.

Der kunstsinnige Tabakjünger entspricht der Bitte, nummeriert seine Mundstücke und notiert fortan nach jedem Griff in die Jackentasche die gezogene Zahl auf einem Zettel. Lacroix malt mit Hilfe der Zahlenkolonnen seine „Rauchzeichen“. Spätestens von da an ziehen Momente des kleinbürgerlichen Lebens hautnah in seine Kunst ein.

Lacroix sammelt beim Einkaufen Aldi-Kassenbons und gewinnt daraus Zahlenserien, die er wiederum in schwarze Balken umsetzt. Die Ernsthaftigkeit, mit der er das ganz banale Alltagsleben künstlerisch hochpräzise umsetzt – es grenzt schon fast an dadaistischem Humor.

Bundesweit belachte Provinzposse

Honnefs Kunstschau „Umwelt-Akzente“ in Monschau unter freiem Himmel 1970, weltweit die Mutter aller Open-Air-Ausstellungen, muss Peter Lacroix über alle Maßen inspiriert haben. Seitdem entwirft er architekturbezogene Objekte – zum Beispiel die grün-rote „Farbleiter“ für das Aachener Standesamt im Rahmen einer Schau „Skulptur im öffentlichen Raum“ 1973. Derartige Skizzen für Entwürfe nehmen denn auch breiten Raum ein in der Ausstellung im Ludwig Forum.

Die „Farbleiter“ wurde wieder entfernt – womit eine bundesweit belachte Provinzposse ihr Ende fand. Die Aachener Galeristin Helene von der Milwe wollte nämlich zur gleichen Zeit für ihre „Kunsttruhe“ an der Kleinkölnstraße ebenfalls eine Fassadenverschönerung nach Lacroixs Entwurf anbringen – und scheiterte damit bei den Aachener Bürokraten. Die Bauverwaltung befürchtete, dass es „durch die auffällig betonte farbliche Aufmachung des Bauwerkes zu einer Störung im Gesamteindruck des Straßenbildes käme“. Außerdem könnten Autofahrer „optisch abgelenkt werden“. Damit war auch die „Farbleiter“ gestorben.

Diese muntere Korrespondenz findet sich jetzt wiedergegeben in der Parallelausstellung der sogenannten „Plattform Aachen“ im ersten Obergeschoss des Ludwig Forums. Die Initiative hat sich auf die Fahnen geschrieben, solch denkwürdige Kapitel in der Geschichte der Aachener Kunst-Avantgarde für die Nachwelt zu dokumentieren. Namentlich Benjamin Dodenhoff kümmert sich darum. Und er stellt im Falle Lacroix fest: „In den siebziger Jahren herrschte in der Aachener Verwaltung noch der Muff der Fünfziger.“

Zum Glück änderten sich die Zeiten: Fünf Monate nach Lacroixs Tod wurde im August 2010 die rekonstruierte „Farbleiter“ am Standesamt in Aachen wieder angebracht – vier Jahre, nachdem Helene von der Milwe zuvor einen entsprechenden Bürgerantrag gestellt hatte. 13 Meter hoch, 1,40 Meter breit, Rot und Grün im Wechsel – so sieht das Werk aus.

„Die Verschönerung Aachens lag ihm sehr am Herzen“, erklärt Kuratorin Lagler und nennt die Beziehung zu seiner Heimatstadt eine „skeptische Liebe“. Den Richtern, die den Stadtoberen 1974 Recht gaben mit dem Argument, man müsse sich bei der Fassadengestaltung „nach dem Durchschnittsempfinden des Durchschnittsbürgers richten“, schickte Lacroix einen mit Erde gefüllten „Sack graues Aachen“. Der fand sich kurze Zeit später in Bulgarien wieder als nummeriertes Multiple – bei der „2. Internationalen Ausstellung des Humors und der Satire“. Herrlich – oder?

Und während er auf der einen Seite „für mehr Sinnlichkeit im öffentlichen Raum“ plädierte, fabrizierte er auf der anderen Seite pure Kunst für den Kopf – schwarze Balken und Quadrate auf weißem Grund, und das auch noch auf Rechenpapier. Das sollten errechnete „Porträts“ von Menschen sein, erstellt nach ihrem Namen und ihrem Geburtsdatum nach den Regeln der alten theosophischen Mystik, niedergeschrieben in der „Kabbala“. Wie die Musik auf der Digital-CD findet sich in seinen Bildern der Mensch wieder als reduzierte Zeichenmenge – getreu nach der „Mode“ und Technik unseres Zeitalters, Dinge und Individuen in Daten aufzulösen.

An seinem Ende bestimmt nicht mehr nur das kleinbürgerliche Leben die für den Kopf gedachte, konzeptuelle Kunst, sondern buchstäblich sein eigener Körper. In der letzten Phase bilden die Blutzuckerwerte die so hochgeschätzten Zahlenkolonnen als Grundlage seiner „Malerei“. „Blutbild 4“, eine Tabelle mit hinterlassenen Bluttropfen, heißt so ein Werk vom Dezember 2001, versehen mit dem Schriftzug „Angst“. Annette Lagler gesteht, bei diesem Anblick eine Gänsehaut gespürt zu haben . . .

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