Ludwig Forum: In seine Bilder kann man „hineingehen“

Von: Eckhard Hoog
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Seine Biografie ist mindestens so komplex wie sein größtes Bild: der gebürtige Heinsberger Künstler Tim Berresheim. Seine am Computer entstandenen Werke sind inzwischen bei Sammlern weltweit gefragt. Das Aachener Ludwig Forum zeigt ab Sonntag seine bislang größte Übersichtsausstellung. Foto: Harald Krömer
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Ein Werk von Tim Berresheim ist im IT-Center der RWTH Aachen für insgesamt 45 Museumsbesucher als begehbares virtuelles 3D-Objekt zu erleben: Nina Schüchter, Mitarbeiterin des Ludwig Forums, probiert es aus. Foto: Harald Krömer

Aachen. Einmal die Mona Lisa umkreisen, um ihr Profil zu betrachten, oder sich selbst zwischen die Mannen von Rembrandts Nachtwache stellen, Michelangelos Adam entgegenfliegen – das wär‘ was! Unmöglich? Vielleicht nur jetzt noch nicht.

Ein Pionier der zeitgenössischen Kunst jedenfalls ist schon so weit, dass man sich in seine Bildwelten hineinbegeben, sogar mit ihnen spielen kann. Das zeigt auf spektakuläre Weise die in jeder Hinsicht innovative neue Ausstellung im Aachener Ludwig Forum – Kunst und Wissenschaft gehen dabei eine wohl so noch nie gekannte Symbiose ein: Gezeigt wird die bislang größte Übersichtsschau von Tim Berresheim. „Zeitgenössisch“ muss dabei wirklich großgeschrieben werden: Seine Bilder entstehen am Computer. Und bieten damit bislang ungeahnte Möglichkeiten. Das IT-Center der RWTH Aachen spielt mit.

Die App zur Schau

Entweder leiht man sich eines von zehn wahrscheinlich schnell vergriffenen Tablets des Ludwig Forums aus oder bringt sein Smartphone, am besten aber sein eigenes Tablet mit und lädt zuvor für Apple oder Android die App „Tim Berresheim“ runter. Dann wird der Traum wahr: in Bilder hineinzusteigen, Figuren von allen Seiten zu betrachten – man braucht das Gerät einfach nur auf die Werke zu halten.

„Augmented Reality“, die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung im Museum – ein faszinierendes Erlebnis, das Berresheim mit der von ihm selbst entwickelten App möglich macht. Und wer den QR-Code an der Wand einscannt, kann auch noch Informationen zu einzelnen Werken empfangen. Künstler heute!

Seine Bildwelt ist nicht minder faszinierend – und das war dem gebürtigen Heinsberger keineswegs in die Wiege gelegt. Die Biografie ist mindestens so komplex wie sein 250 mal 400 Zentimeter großes Computerbild, „The Muse“ von 2003, das im Nachhinein als programmatisch zu werten ist: Zwei hyperreal wirkende Figuren agieren mit Palette und strömender Farbe in einem unendlichen Raum – dargestellt mit einer Präzision, die keine andere künstlerische Technik erreichen könnte. Ein hintergründiger Abgesang auf die altmodische Malerei.

Der Herr rechts darauf ist der Künstler Jonathan Meese, der in Berresheims Vita eine große Rolle spielt: Mit ihm hat er zahlreiche Platten aufgenommen. Musiker ist der Mann nämlich auch – punkverwurzelt und mit eigenem Label, darüber hinaus Gestalter von T-Shirts und Taschen. „Seine Energien schöpft er auch aus einem subkulturellen Umfeld“, sagt die Kuratorin, Esther Boehle, und blickt dabei gar nicht mal auf die ausgedehnte Tattoo-Landschaft auf der Haut des 40-Jährigen. Der betrachtet Tätowierungen, wie er sagt, als Dokumente handwerklichen Geschicks und sieht dabei gar keinen großen Unterschied zum gekonnten Umgang mit den Möglichkeiten des Computers.

Vom Drehbuchschreiber für Burkhard Driest im belgischen Gemmenich über ein zeitweiliges Informatik-, dann Filmstudium an der Kunsthochschule Braunschweig zum Wechsel an die Düsseldorfer Kunstakademie und inzwischen international gefragten Künstler zwischen New York, Los Angeles und Mailand lagen nicht sehr viele Jahre. Ende 2014 hatte er im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf seine bis dato größte Ausstellung: „Auge und Welt“.

Sehen, nicht deuten – so könnte Berresheims Devise lauten. „Das Deuten hat überhand genommen“, sagt er, „und das Sehen abgenommen.“ Sprache empfindet er als „Herrschaftssystem“. Die Kraft der Bilder soll für sich sprechen, sie soll gesehen werden. Seine Vision: perfekte Bilder zu kreieren, technisch wie gestalterisch.

Und so versammelt er die disparatesten Elemente in bühnenartigen Räumen, legt Beziehungen nahe, die sich beim näheren Hinsehen verflüchtigen. „Fakes“ erkennt Esther Boehle, wenn sich etwa eine Muschel als mögliches Vanitassymbol in einem vermeintlichen Stillleben in verpackter Form neben künstlichen Pflanzen und Wollknäuel auffindet.

Unbekannte Bildwelt

Eine unendliche Zahl von Geldscheinen, Tarotkarten und Etiketten wirbelt durch einen Raum in einem Bild, das so realistisch wirkt, dass man das Gefühl hat, hineintreten zu können.

Figuren sind das zentrale Motiv – in Posen und mit sprechenden Attributen inszeniert in bühnenähnlichen Räumen, bisweilen umrahmt von schmückenden Elementen in einem irritierenden Kontrast von ästhetischer Kühle und lebhaft-fröhlichen Formen – eine unbekannte Bildwelt, die Zitate aus der Kunstgeschichte nicht auslässt. Und teilweise von einem Kollegen gemalt, digitalisiert und den Figuren am Computer als Haut aufgezogen wurde. Transit, „der Übergang, in dem wir alle leben“, das ist eines seiner großen Themen. Die leitende Vision: Bilder herzustellen, die keinem wie auch immer gearteten Genre zuzuordnen sind.

Bilder und künstlerische Formen, in die man hineinsteigen, die man verwirbeln oder selbst explodieren lassen kann: Das ermöglicht in der Tat eine Kooperation des Künstlers mit dem IT-Center der RWTH Aachen. Dort befindet sich seit 2012 die weltweit größte Anlage zur dreidimensionalen Darstellung vitueller Objekte namens aixCave.

Genutzt wird das System, ein begehbarer, fünf mal fünf Quadratmeter, mit 24 Projektoren und Computern noch und noch ausgestatteter Raum zum Beispiel von Architekten, die ihre geplanten Bauten virtuell schon einmal begehen wollen.

Tim Berresheim hat ein Kunstwerk aus Strudeln Hunderttausender Kügelchen entworfen, mit denen man hier im 3D-Format spielen kann. In diesen Genuss kommen allerdings nur drei Gruppen von jeweils 15 Besuchern am 31. Oktober, 7. und 28. November von 14 bis 16.30 Uhr bei einer Spezialführung durch die Ausstellung mit Bustransfer zum IT-Center.

Anmeldung: info@ludwigforum.de. „Ticketvergabe nach Eingang der Mail“ heißt es.

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