Aachen - Ludwig Forum: Frischzellenkur für alte Magnetbänder

Ludwig Forum: Frischzellenkur für alte Magnetbänder

Von: Stefan Herrmann
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Erforscht in den kommenden vie
Erforscht in den kommenden vier Jahren die Videobestände des Ludwig Forums Aachen: die Kunstwissenschaftlerin Miriam Lowack - hier vor der Videoinstallation „Earth, Moon and Sun” von Nam June Paik.

Aachen. Die Zeit drängt. Das weiß auch Miriam Lowack. 200 besondere Kunstarbeiten warten im Archiv des Aachener Ludwig Forums darauf, ins 21. Jahrhundert transportiert zu werden. Gespeichert sind sie noch auf einer fast ausgestorbenen Technik aus vergangenen Tagen: auf U-Matic-Bändern, einem alten Videokassettenformat.

Ein frisch installiertes Forschungsprojekt soll nun in den kommenden vier Jahren die fast in Vergessenheit geratenen Videobestände des Museums wissenschaftlich aufarbeiten - und der Öffentlichkeit wieder zugänglich machen. Das Gesicht des Projekts ist Kunstwissenschaftlerin Lowack. Im Juni hat sie ihre neue Stelle angetreten. Schon jetzt sagt sie: „Hier verbergen sich wahre Schätze!”

Es war die Zeit, als das Fernsehen die Gesellschaft mehr und mehr in ihren Bann zog und veränderte, als Philosophen wie Marshall McLuhan die epochalen Veränderungen, die das neue Medium mit sich brachte, erkannten.

Ende der 1960er Jahre faszinierten sich auch immer mehr Künstler für die neuen medialen Welten und Möglichkeiten, kurzum: für Videokunst. Wolfgang Becker, Leiter der damaligen Aachener Neuen Galerie, Vorläufer des Ludwig Forums, baute daher gemeinsam mit Peter und Irene Ludwig schon früh eine Videokunstsammlung auf.

Doch in den 80er Jahren schlief das Interesse an der zeitgenössischen Kunstform ein. Heute sind die alten Magnetbänder, die in Aachen lagern, in keinem guten Zustand mehr. Das Alter nagt an den Arbeiten. Daher soll die Sammlung in den kommenden Monaten komplett restauriert und digitalisiert werden.

Hierfür arbeitet das Ludwig Forum mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnik (ZKM) in Karlsruhe zusammen. Dort ist das Labor für antiquierte Videosysteme unter der Leitung von Christoph Blase angesiedelt. Finanziert wird das Aachener Projekt von der Volkswagen-Stiftung. Kostenpunkt: 540 000 Euro.

Ein Schwerpunkt der hiesigen Sammlung liegt auf Videoarbeiten von belgischen Künstlern. „Das ist für uns besonders spannend, da dieser Bereich bisher noch nicht gut erforscht wurde”, sagt Lowack. Die 30-Jährige, aufgewachsen auf der Insel Föhr, hat bei Professor Ursula Frohne an der Uni Köln studiert.

Über sie und LuFo-Direktorin Brigitte Franzen ist Lowack schließlich nach Aachen gekommen. „Wir hoffen, hier in den kommenden vier Jahren ein Kompetenzzentrum für Videokunst kreieren zu können”, nennt Lowack ehrgeizige Ziele.

Bis dahin steht noch viel Arbeit an: zunächst die Sichtung und Digitalisierung des Materials, dann aufwendige Recherchen zu den Künstlern und ihrem Wirken. „Die Namen einiger Künstler waren uns gar nicht so bekannt”, erzählt die Kunstwissenschaftlerin. Daher sei man auch auf der Suche nach Zeitzeugen, nach Angehörigen und Nachfahren der Künstler, da diese zum Teil nicht mehr leben.

Und auch die Frage, was auf allen Videobändern zu sehen ist, kann momentan noch nicht endgültig beantwortet werden. Zwar besitzt das LuFo ein altes Abspielgerät, aber da man bei den teils porösen Bändern nichts riskieren möchte, wartet man die Reinigung, Restaurierung und schließlich Digitalisierung durch die Karlsruher Experten ab. „Wir sind selbst gespannt”, sagt Lowack.

Unter den 200 Videoarbeiten, die zur Sammlung gehören, sind Werke von Douglas Davis, Joseph Beuys, Klaus vom Bruch oder Ulrike Rosenbach. Aber eben auch unbekannte Schätze schlummern in den Beständen. Thematisch haben sich die Künstler oftmals auf das Wechselverhältnis von Performance- und Videokunst bezogen, aber auch das Medium Fernsehen spielt eine große Rolle.

„Mich reizt an der Videokunst vor allem ihr stark interdisziplinärer Ansatz”, betont Lowack. Die technische Umsetzung, die Zusammenarbeit von Kunst- und Medienwissenschaft, die breit gestreuten Themenfelder. Schon während ihrer Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Köln hat Lowack im vergangenen Jahr für das Ludwig Forum im Rahmen von „Nie wieder störungsfrei!” die Frühzeit der Videokunst kuratiert. Nun taucht sie für vier weitere Jahre in die Bewegtbild-Bestände des Forums ein.

2013 erhält Lowack für das Aachener Videokunst-Projekt Unterstützung von zwei Doktoranden. Bis dahin soll die komplette Sammlung digital vorliegen: auf DVDs, aber auch auf Servern und speziellen Langzeitspeichermedien. In wenigen Wochen gehen die ersten 20 Bänder auf die Reise zum ZKM nach Karlsruhe.

Doch nicht nur die wissenschaftliche Erschließung der Aachener Videobestände gehört zum Projektziel. „Wir wollen die Videokunst, die hier so lange schlummerte, den Menschen präsentieren”, hofft Lowack, vielleicht schon Ende des Jahres erste Ergebnisse im Forum ausstellen zu können - dann aber trotz modernster digitaler Auffrischung eher auf altbewährten Bildschirmen, die der Videokunst und ihrer Entstehungszeit entsprechen.
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