„Literatur zur Nacht“: Ulla Hahn berührt das Publikum

Von: Sabine Rother
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Auf Einladung der Europäischen Stiftung Aachener Dom las sie am Ort des Namensgebers: die Lyrikerin Ulla Hahn. Foto: Ralf Roeger

Aachen. In ihrer stillen Art lässt sie andere still werden, was sie liest, hat Substanz und Kraft, ist authentisch, feinsinnig und manchmal überraschend rebellisch: Ulla Hahn im mit über 650 begeisterten Literaturfreunden voll besetzten Aachener Dom.

 Mit der Schriftstellerin, die zu den Besten der deutschen Gegenwartsliteratur zählt, wird die anspruchsvolle Reihe „Literatur zur Nacht: Sub Corona“ fortgesetzt, eine Veranstaltung der Europäischen Stiftung Aachener Dom.

Hahn, eine zierliche, dezent gekleidete Frau mit silbergrauem Haar, lächelt hinauf zum Gnadenbild, ist aber für einen kurzen Moment enttäuscht, denn auf dem Ständer für die Opferlichter gibt es keine Kerze mehr zum Anzünden. Hinter ihr Ehemann Klaus von Dohnanyi und Werner Thissen, bis 2014 Erzbischof von Hamburg, ein guter Freund und ein kundiger „Lotse“ bei der Lesung.

Hahn wird von Bischof Heinrich Mussinghoff, Dompropst Manfred von Holtum und Michael Wirtz, Vorsitzender des Beirats der Europäischen Stiftung, begrüßt. Dann eröffnet das Dreiländer-Streichquartett mit dem Menuett aus Joseph Haydns Kaiserquartett zwei besondere Stunden, in denen „das Sprechen in Bildern und Gleichnissen, die Muttersprache der Seele“ im Mittelpunkt stehen, wie Wirtz in seinen Begrüßungsworten betont.

Doch bevor die Autorin auf dem schlichten Stuhl am Lesetischchen Platz nimmt, erläutert Werner Thissen die Struktur des dreigeteilten Abends. „Selbstvergewisserung“, „Sehnsucht“, „Ich und du im Horizont von Welt und Zeit“ – das sind die „Überschriften“ seiner einfühlsamen, klugen und unaufdringlich theologisch geprägten Beiträge, die auf entsprechend ausgewählte Gedichte von Ulla Hahn hinlenken.

„Ich bin ein einfacher Leser, der zufällig Bischof ist“, sagt er schmunzelnd und umschreibt das Schaffen der Dichterin als „ein Werk, dem nichts Menschliches fremd ist, das nicht abschließt, sondern aufschließt.“

Ulla Hahn liest – konzentriert, mit einem leisen Schwingen in der Stimme, einem Rhythmus, der die Worte im Kirchenraum verdichtet und die Menschen mitnimmt in Herzensnot und Zorn, Protest und Kummer, Gründe und Abgründe. Was sagte Thissen doch gleich? „Sie ist schonungslos, ja brutal ehrlich.“ Gelebtes Leben, eine zerbrechliche Heiterkeit, zugleich tiefe Spiritualität – das ist Ulla Hahn.

Schön zum Abschluss die tiefsinnige Geschichte vom „Negerpüppchen“, das die kleine Hilla aus dem Roman „Das verborgene Wort“ unbedingt haben möchte und damit ungeahnte Turbulenzen auslöst. Es folgt noch ein letztes Gedicht – und dann die Überraschung. „Ich denke, es ist Zeit für ein Gebet“, sagt Ulla Hahn schlicht, steht auf und mit ihr die Zuhörer. Das Vaterunser beten alle mit. „Wir gehen bereichert in den Alltag zurück“, beschließt der Dompropst diesen besonderen Abend.

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