Aachen - „Literatur zur Nacht” mit Johannes Kühn

„Literatur zur Nacht” mit Johannes Kühn

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
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Einer der bedeutendsten deutschen Lyriker der Gegenwart: Johannes Kühn. Auf Einladung der Europäischen Stiftung Aachener Dom wird er im Aachener Dom Auszüge aus seinem Werk vorstellen. Foto: ddp

Aachen. Lange wurde er überhaupt nicht beachtet - oder schlichtweg verachtet, wenn er wieder einmal durch den heimatlichen Wald spazierte, laut Gedichte deklamierend. Doch das ist eine ganze Weile her.

Die literarische Welt hat seine wahre Größe erkannt, sie verehrt ihn und krönt ihn mit Preisen - zuletzt mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Homburg (2004). Johannes Kühn, am 3. Februar 1934 in Bergweiler im Saarland geboren, ist einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller unserer Zeit. Und einer der produktivsten: Kaum ein Tag vergeht, an dem er nicht mindestens drei Gedichte schreibt. Dabei wäre er fast vollständig verstummt, wenn er nicht Menschen an seiner Seite gefunden hätte, die ihn durch Zuneigung und Zuwendung wieder zum Sprechen brachten.

Ein seltsames Leben, das eines Poeten, der wie kaum ein anderer weiß, worüber er schreibt, wenn er zu Themen wie Krankheit, Tod und Altern Verse verfasst, aber auch über die Wunder der Natur. Die Begegnung mit ihm verspricht, spannend zu werden. Die Europäische Stiftung Aachener Dom gewährt sie im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe „Literatur zur Nacht” im Aachener Dom am Dienstag, 20. Oktober, um 19 Uhr.

Einer der besten Kenner des Kühn´schen Werks ist Prof. Dr. Dominik Groß, Direktor des RWTH-Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin am Klinikum Aachen und Kurator der Europäischen Stiftung Aachener Dom. Er stammt wie Kühn aus Bergweiler und hat diesen seltsamen, deklamierenden Wanderer in seiner Heimat selbst erlebt.

„Er hat mir immer leid getan”, erinnert er sich an den vielen Spott, den Kühn zu ertragen hatte. „Heute ist er Ehrenprofessor, in der Gegend eine Galionsfigur und als begnadeter Dichter anerkannt.” Dominik Groß wird an dem Abend im Dom in das lyrische Werk des Dichters einführen.

„Poetisch, aber nicht abgehoben”

Gefragt, was er vor allem an dessen Gedichten schätzt, antwortet Groß ganz spontan: „Seine verständliche Sprache, die poetisch ist, aber nicht abgehoben. Sie erreicht den Menschen, sie ist emotionalisierend und nicht nüchtern. Sein Stil ist zeitlos.”

Alter, Krankheit und Tod, aber auch Auferstehung - medizinische wie christliche Themenkreise werden den Lyrikabend mit Johannes Kühn bestimmen. Welcher Ort könnte da geeigneter sein als der Aachener Dom? Literatur und Medizin, das ist auch der Zusammenhang, dem Professor Dominik Groß seine Berufung widmet.

Johannes Kühn weiß, worüber er schreibt: Aufgewachsen als eines von neun Kindern in einer Bergarbeiterfamilie, verließ er die Klosterschule ohne Abitur, begann eine Schauspielausbildung, um dann als Hilfsarbeiter auf dem Bau zu arbeiten. Nebenher, denn mit 20 Jahren beschloss er, „nur noch Poet zu sein”. Dann wurde er krank, sehr krank und lange. Doch aus der Krankheit „schöpfte er kreative Kraft”, erklärt Groß. Nach einem ganzen Jahrzehnt, in dem er nicht nur das Schreiben, sondern teilweise auch noch das Sprechen einstellte, fand er wieder zu seinen Worten und Versen zurück. Der Freund Peter Rühmkorf, dieser andere große Lyriker, sprach von einem „Auferstehungswunder”, dem mittlerweile 21 Gedichtbände gefolgt sind.

Der Kosmos, aus dem Johannes Kühn literarisch schöpft, liegt dabei buchstäblich vor seiner Haustür, im Dorf Hasborn - mitten in der Provinz. Im dortigen Gasthaus hat er einen festen Eckplatz. Bei Kaffee, Mineralwasser oder Tee fließen ihm die Worte aus dem Stift. Jeden Tag, außer sonntags, schreibt er hier drei Gedichte, um sie mit den Freunden Irmgard und Benno Rech, die ihn im tiefen Tal wieder aufrichteten, zu besprechen. Hier, im Gasthaus, wurde er früher als Wirtshausdichter verlacht und verspottet - heute begrüßt ihn regelmäßig am gleichen Eckplatz ein sichtlich stolzer Ortsvorsteher. Eine „Auferstehung” in ganz anderem Sinne...

Das Ehepaar Rech und der saarländische Schriftsteller Ludwig Harig waren es, die mit Engelsgeduld unermüdlich bei Verlagen anklopften. Nach unendlichen Touren erschien 1989 der Band „Ich Winkelgast” - der Durchbruch. Die Welt, die Kühn beschreibt, ist so eng wie das Schaumburger Land und zugleich doch so weit wie das Universum. Ludwig Harig vergleicht den Freund mit Immanuel Kant, der aus Königsberg fast nie herauskam und der Menschheit dennoch Ideen von begnadetem Wert hinterlassen hat.

Das Jahrzehnt des Schweigens beendete Johannes Kühn im Jahr 1992. Ludwig Harigs Kommentar: „Ein Hölderlin-Schicksal mit gutem Ausgang”.

Die Europäische Stiftung Aachener Dom lädt am Dienstag, 20. Oktober, um 19 Uhr ein zur „Literatur zur Nacht” im Aachener Dom mit Johannes Kühn. Musikalisch begleitet wird die Lesung von der Jungen Philharmonie Köln. Eintritt (Karten an der Abendkasse oder vorher in der Domschatzkammer): fünf Euro. Der Erlös kommt dem Erhalt des Doms zugute.

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