„Literatur zur Nacht“: Hanns-Josef Ortheil liest im Aachener Dom

Von: Andrea Zuleger
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Leicht fröstelnde, aber bewegte Zuhörer: Im Aachener Dom las Hanns-Josef Ortheil aus „Die Erfindung des Lebens“. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Nur eines bedauerte der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil bei der Lesung aus seinem autobiografischen Roman „Die Erfindung des Lebens“ im Aachener Dom am Montagabend: Dass er sich „in diesem ehrfurchtsvollen Raum“ nicht an ein Klavier setzen könne und aus seiner Lieblingskomposition, den C-Dur-Fantasien von Robert Schumann, spielen könne.

Doch auch ohne sein Klavierspiel glich die 6. Ausgabe der Reihe „Literatur zur Nacht“ der Europäischen Stiftung Aachener Dom mit einer Einführung des Jenaer Professors Klaus Manger eher einem Konzert denn einer Lesung.

Und das kam nicht nur durch das berührende Spiel der drei Musiker der Jungen Philharmonie Köln, Alexey Semenenko (Violine), Ana Palacios (Flöte) und Mark Gerstel (Kontrabass), sondern vor allem durch die Musikalität des Textes selbst.

Viele Zuhörer schlossen intuitiv die Augen, um ausschließlich dem Klang der Stimme des Autors und seinen melodiösen Sätzen zu folgen. Sie erzählen in drei Sprachbildern des Romans energisch, drängend, fließend oder harmonisch von der ungewöhnlichen Kindheit des 1951 in Köln geborenen Autors Hanns-Josef Ortheil.

Wer von dieser Kindheit hört, versteht, wie es zu der offensichtlichen Musikalität im Werk Ortheils kam. Der Junge wächst im Kölner Norden als fünftes Kind einer Familie auf, die bereits vier Jungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit verloren hat. Johannes, wie der Ich-Erzähler im Roman genannt wird, wächst in einer symbiotischen Verbindung mit der in der Trauer verstummten Mutter auf.

Die Kommunikation der Eltern erfolgt ausschließlich über die vielen Zettel, die die Mutter im Laufe eines Tages schreibt, und die am Abend, wenn der Vater heimkommt, wie „der Roman des Tages“ mit einem Gummiband zusammengehalten auf dem Küchentisch liegen.

Erst als die Familie ein Klavier geschenkt bekommt und der ebenfalls verstummte Junge erkennt, dass seine Mutter auch eine brillante Pianistin ist, wird die Familiensprache um ein Medium bereichert: die Musik.

Bis heute ist sie für Hanns-Josef Ortheil die Kunst, die ihm „die stärksten Wahrnehmungen“ gibt. Wie sich der stumme Junge aus der stillen Welt seiner Mutter befreit, über die Musik und Tausende von Notizzetteln den Weg in die Sprache und zurück ins Leben bahnt, zeigte Hanns-Josef Ortheil während der Lesung anhand von Schlüsselstellen des Romans auf.

Die mittlerweile leicht fröstelnden, aber bewegten Zuhörer entließ er nicht, ohne ihnen noch zwei Dinge ans Herz zu legen: Neben dem täglichen, „aber immer nur einseitigen“ (!) Beschriften von Notizzetteln empfahl er eindringlich, sich – wenn schon nicht im Dom – dann zu Hause Schumanns Fantasien anzuhören: „Sie werden in der Komposition erhebliche Parallelitäten zur ‚Erfindung des Lebens‘ feststellen.“

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