„Lichter ziehen vorüber“: Die Kinoträume des Aki Kaurismäki

Von: Guido Rademachers
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Kaurismäki-Style im Theater Aachen: Karsten Meyer (von links) spielt mit Einhornfrisur den Blues, Sanja Radišić singt finnischen Tango, Robert Seiler und Felix Strüven stehen und rauchen. Foto: Ludwig Koerfer
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Kaurismäki-Style im Theater Aachen: Karsten Meyer (von links) spielt mit Einhornfrisur den Blues, Sanja Radišić singt finnischen Tango, Robert Seiler und Felix Strüven stehen und rauchen. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Eine Wand rauscht aus dem Schnürboden herab. Rauscht mitten auf die Bühne und trennt das Publikum. Die einen im Zuschauerraum des Aachener Theaters, die anderen auf einer Tribüne an der hinteren Brandmauer. Gegen Ende der zäh dahinfließenden 90 Minuten, während der das Publikum, wenn es auf der Bühne allzu langatmig wurde, sich auch einmal selbst betrachten konnte, sieht jeder nur noch die Hälfte des Geschehens. Nicht so schlimm.

Was nämlich Regisseurin Christina Rast und ihre Schwester Franziska (Bühnenbild) an frei flottierenden Teilchen aus der Kaurismäki-Filmkiste auf die fast leere Bühne kippen, ist so subjektiv wie inhaltsleicht. „Lichter ziehen vorüber“, ihre Theater-Hommage an den finnischen Kultfilmer, ist ein persönliches Fanprojekt. Welche Teile davon das Publikum zu sehen bekommt, interessiert da weniger.

Highlight-Dialoge wie „Bleibst du über Nacht?“ – „Nein, für immer!“ (aus „Ariel“) tauchen ebenso auf wie der Teebeutel aus „Der Mann ohne Vergangenheit“. Die „Leningrad Cowboys“ Malcolm Kemp und Karsten Meyer bringen die Inszenierung in Stimmung, spielen mit Einhornfrisuren ausgiebig den Blues. Sanja Radiši singt als „The Voice – Tatjana“ über böse, böse Jungs oder finnischen Tango. Die Jukebox aus „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ ist da und misslungene Selbstmordversuch aus „I hired a contract killer“ sind es natürlich auch.

Liebe, aus dem Hut gezaubert

Rast montiert die Filmzitate mal zu einer virtuosen Kunstfuge des Absurden, mal verklebt sie sie zu einem schweren Klumpen des unterlaufenen Humors, dem es genügt, auf Gags warten zu lassen, ohne Lust zu haben, sie auch noch zu bringen. Inhaltlich lässt sich ein grobes Organisationsraster ausmachen, das die Filmmotive nach den Themenkomplexen Arbeit, Kündigung, Suche und Resignation sortiert und mit dem Summen der „Internationale“ endet. Zwei Liebespaare kristallisieren sich heraus. Aber wo bei Kaurismäki das Berühren zweier Hände einer Erschütterung gleichkommt, für die es auch mal den Vorlauf eines ganzen Films braucht, erfolgt es in Aachen wie auf ein Fingerschnipsen. Die Liebe wird aus dem Hut gezaubert. Und die Situationen ändern sich so schnell, wie das Heilsarmee-Schild mit der Aufschrift „Rezeption“ auf die andere Seite zur „Bank of Finland“ gedreht ist.

Das große Schweigen der schnauzbärtigen Säufer und Raucher Kaurismäkis ist so eindringlich, weil dahinter immer eine noch größere Geschichte steht. Daran fehlt es den Patchwork-Darstellern und Film-Hoppern in Rasts Inszenierung. Der federnde Gang von Karsten Meyer, das provozierend langsame Schlendern von Thomas Hamm, die zu breiten Mackerschritte Felix Strüvens folgen den Gesetzen der Komik, dem Satz, dass jeder Komiker als erstes einen spezifischen Gang braucht. Es sind leere Zitate. Mit den Figuren und ihren Geschichten haben sie nichts weiter zu tun.

Die Lichter, die vorüberziehen sollen, gehen so oft gar nicht erst an. Kaurismäkis Kinoträume von den melancholischen Außenseitern, die ins Elend ausziehen, um ihr Glück zu machen, seine Märchen von der Armut, die nicht niederträchtig, sondern gut macht, vom Rauchen und Trinken, an dem man nicht erkrankt, sondern psychisch gesundet, seine Gegenwelt des Kinos und dessen Mythen, an denen die richtige Welt heilen soll, verlaufen sich bei Rast zur schmalen Bühnenlangsamkeitsposse des unbekümmerten Zitierens. Oft komisch, oft beliebig. Cineasten und Freunde skurrilen Humors werden auf ihre Kosten kommen. Andere dürften sich eher im falschen Film wähnen.

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