Leopold-Hoesch-Museum: Raubkunst-Detektiv findet Zweifelsfälle

Von: Eckhard Hoog
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Bei diesem Bild sieht sich das Dürener Leopold-Hoesch-Museum mit einer Anfrage der Erben des jüdischen Fabrikanten Alfred Hess aus Erfurt bezüglich der Herkunft konfrontiert: „Tiere“ von Heinrich Campendonk. Der Berliner Provenienzforscher Kai Artinger hat seit Mai 2015 versucht, die Geschichte auch dieses Werks zu rekonstruieren. Ergebnis: Es gibt keinen Beleg dafür, wann und wo das Bild verkauft oder gestohlen wurde. Die Lücken in der Provenienz, der Herkunft, können auch die Hess-Erben nicht schließen. Demnach gibt es keine Rückgabe. Museumsdirektorin Renate Goldmann ist froh über die Unterstützung durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg. Foto: Stephan Johnen
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Blick ins Dürener Leopold-Hoesch-Museums: Unter seinem Dach könnte sich noch NS-Raubkunst befinden. Foto: Harald Krömer

Düren. Ganze fünf von rund 1500 bei dem Kunstsammler Cornelius Gurlitt in München und Salzburg aufgefundenen Werken konnten zweifelsfrei als NS-Raubkunst identifiziert werden. Das war kürzlich nach zwei Jahren Arbeit die nicht nur für den Laien höchst erstaunliche Abschlussbilanz einer ganzen Armada von Experten.

Für diesen besonderen Fall zusammengefasst in einer speziellen „Taskforce“ von Provenienzforschern. Doch wie prinzipiell schwierig sich die Herkunftsverfolgung von Kunstwerken tatsächlich gestaltet, wie kompliziert diese detektivische Arbeit selbst bei solchen Bildern ist, die sich seit Jahrzehnten mit teilweise belegbarem Hintergrund in einer öffentlichen Sammlung befinden, das beweist jetzt nachhaltig das Provenienzforschungs-Projekt am Dürener Leopold-Hoesch-Museum.

Seit Mai 2015 hat der promovierte Berliner Kunst- und Kulturhistoriker Kai Artinger, ein ausgewiesener Spezialist für Provenienzforschung, hier im Auftrag der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg die ersten 109 Objekte des Hauses begutachtet und deren Herkunft nachverfolgt: 86 Gemälde, elf Skulpturen und zwölf Arbeiten auf Papier – vier Pastelle, drei Handzeichnungen, vier Druckgrafiken, ein Aquarell.

40 Objekte sind unbedenklich

Das Ergebnis fällt ähnlich frappierend ernüchternd aus wie bei der Gurlitt-Taskforce: Es gibt zwar eine ganze Reihe von Zweifelsfällen, bei denen es sich möglicherweise um „NS-verfolgungsbedingt entzogene“ Werke handelt.

Das ist seit einer 1999 verabschiedeten politischen Grundsatzerklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände die offizielle Definition für NS-Raubkunst. Im Dürener Leopold-Hoesch-Museum konnte aber bei den infrage stehenden Objekten bei keinem einzigen ein solcher Fall eindeutig nachgewiesen werden.

Immerhin positiv: „Bei 40 Objekten ist die Provenienz rekon-struierbar und unbedenklich“, erklärt Artinger. Das bedeutet: Bei ihnen ist eine NS-verfolgungsbedingter Hintergrund ausgeschlossen und eine weitere Überprüfung nicht notwendig. Für diese Werke gilt das „Grün“ einer vom Magdeburger Zentrum Kulturgutverluste entworfenen Bewertungs-„Ampel“.

Nicht eindeutig klärbar oder nicht zweifelsfrei unbedenklich – „Ampel gelb“ – sind dagegen 68 Hoesch-Objekte, darunter sechs besonders schwierige Fälle: Ölgemälde von Carl Friedrich Lessing, Oswald Achenbach, Karl Hofer, Paula Modersohn-Becker, Karl Schmidt-Rottluff und Heinrich Campendonk. Beim Letztgenannten sieht sich das Museum mit einer anwaltlichen Anfrage von Erben der ursprünglichen Eigentümer bezüglich der Herkunft konfrontiert. Es geht um das Bild „Tiere“.

Campendonks Gemälde gehörte einst zu der Sammlung des jüdischen Schuhfabrikanten Alfred Hess in Erfurt. Auch Schmidt-Rottluffs „Ostsee/Schiffe am Strand“ von 1921 war nachweislich Teil einer jüdischen Sammlung. Artinger spricht von „Indizien“, dass es sich dabei um Raubkunst handeln könnte, aber es gebe keine belastbaren Nachweise. Wie und warum sich die Eigentümer nach 1933 davon getrennt haben, weiß kein Mensch.

Das Schicksal des Campendonk-Bildes zum Beispiel verflüchtigt sich in einer unüberschaubaren Folge von Stationen, die die Hess-Sammlung auf dem Weg von Alfred Hess‘ Witwe Thekla genommen hat. Sie brachte die Kunstkollektion zunächst in der Schweiz in Sicherheit, dann zum Kölnischen Kunstverein, wo sie eingelagert wurde. Eine Anzahl von Bildern ging von dort zurück nach Bayern, wo sie mittlerweile lebte. 1939 emigrierte Thekla Hess nach London und nahm Kunstwerke mit.

Ob der Campendonk darunter war, ist unklar. Irgendwo auf diesem Weg muss das Bild veräußert worden sein – sollte das nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfolgt sein, handelte es sich dabei um ein ganz normales Geschäft. Genausogut könnte das Bild in Köln verblieben und gestohlen worden sein. „Dann wäre es restitutionsfähig“, erklärt Kai Artinger. Allerdings: Selbst die Erben und ihre Anwälte können keinen Nachweis über die tatsächliche Geschichte des Kunstwerks bringen. Die Nachfahrin kann sich nicht daran erinnern, ob ihre Großmutter oder ihr Vater das Bild nach London brachte.

Vier grenzwertige Fälle

Bei den anderen vier der sechs besonders problematischen „Gelb“-Fälle hat sich zumindest eines eindeutig ergeben: Sie wurden nachweislich von Händlern verkauft, von denen bekannt ist, dass sie mit NS-verfolgungsbedingt entzogener Kunst handelten. „Die Fälle kann man als grenzwertig ansehen“, sagt Artinger, „also gelb-orange“. Die Farbe fehlt aber bislang auf der Magdeburger „Ampel“. Mangels tatsächlicher Nachweise – Resultat: keine Restitution.

Für das „Rot“ auf dieser „Ampel“ – definiert als „Provenienz eindeutig belastet. Eine Meldung in die LostArt-Datenbank ist einzustellen“ – fand sich im Leopold-Hoesch-Museum bis jetzt kein einziger Fall. Das macht verständlicherweise Museumsdirektorin Renate Goldmann glücklich. „Schließlich wusste man ja nicht, wie dieses Provenienzforschungs-Projekt ausgehen würde“, sagt sie. Aber wie es aussieht, kann und darf das Museum zumindest die bislang 109 begutachteten Werke behalten.

Renate Goldmann hat zwei weitere Jahre für das Projekt beantragt und auch bewilligt bekommen. Untersucht werden soll nun die 2120 Objekte umfassende hauseigene Sammlung von Arbeiten auf Papier.

Für Kai Artinger bedeutet das die Fortsetzung einer wahren Herkulesaufgabe: mit dem Wälzen von Folianten in den Bundesarchiven Berlin und Koblenz, dem Berliner und nordrhein-westfälischen Landesarchiv, und und und.

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