Leopold-Hoesch-Museum: Die Fahndung nach NS-Raubkunst läuft

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
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Auch die ursprüngliche Herkunft dieses Bildes liegt im Dunkeln: „Der Perser“ von Oskar Kokoschka von 1923 im Dürener Leopold-Hoesch-Museum. Museumsdirektorin Renate Goldmann bekommt auf ihren Antrag hin Hilfe zur Provenienzforschung von der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste Magdeburg, namentlich Klaus Hartmann und Kai Artinger (rechts), der zunächst ein Jahr lang in Düren forscht. Foto: Sarah Maria Berners

Düren. Eigentlich ein wunderbares Bild, dass das Dürener Leopold-Hoesch-Museum sein Eigen nennen kann: Max Beckmanns „Kirche in Marseille“ von 1931. Eigentlich – gäbe es da nicht einen ganz erheblichen Makel: Es gehörte bis 1937 einem Mann, der als Hitlers wichtigster Kunsthändler und -einkäufer gilt: Hildebrandt Gurlitt.

Der verkaufte das Gemälde an einen sächsischen Textilfabrikanten, der es wiederum an einen Sammler im Rheinland veräußerte, nach dem Krieg gelangte es an das Museum in Düren. Große Frage: Wie gelangte Gurlitt ursprünglich an das Bild? Legal? Vielleicht von Beckmann selbst erworben? Oder wurde es etwa jemandem „NS-verfolgungsbedingt entzogen“?

Hilfe von professioneller Seite

Das ist seit einer 1999 verabschiedeten politischen Grundsatzerklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände quasi die offizielle Definition für NS-Raubkunst. Das Leopold-Hoesch-Museum mag diese „mutmaßliche Leiche“ im eigenen Keller nicht einfach weiter dort liegen lassen – wie auch andere Werke, deren Herkunft nicht eindeutig geklärt ist.

Und lässt sich bereits seit Mai von professioneller Seite helfen, eine systematische Provenienzforschung (von lat. provenire, „herkommen“) zu betreiben – sprich: die Herkunft von 600 Kunstwerken aufklären, die seit 1946 erworben wurden. Die Herkulesaufgabe leistet ein ausgewiesener Spezialist für Provenienzforschung, Kai Artinger, im Auftrag der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg. Museumsdirektorin Renate Goldmann, Kai Artinger und Klaus Hartmann vom Fachbereich Provenienzforschung der Stiftung stellten das Projekt am Mittwoch in Düren vor.

Seit Cornelius Gurlitt, Sohn von Hildebrandt Gurlitt, 2012 mit seiner Kunstsammlung dubioser Herkunft in Schwabing auftauchte, ist in der Museumswelt nichts mehr, wie es war: Die Suche nach NS-Raubkunst in den eigenen Sammlungsbeständen, überhaupt die Klärung der tatsächlichen Herkunft all der Schätzchen unter deutschen Museumsdächern, hat einen ganz neuen Drive bekommen.

Die Notwendigkeit einer systematischen Provenienzforschung war dabei längst erkannt: spätestens seit der Washingtoner Erklärung von 1998, als sich unter den 44 Unterzeichnerstaaten auch Deutschland dazu verpflichtete, Kunstwerke, die während der Zeit des Nationalsozialismus beschlagnahmt wurden, in den eigenen Beständen ausfindig zu machen und deren rechtmäßige Eigentümer zu suchen. Nur: Wie umsetzen ohne Spezialisten und zusätzliches Personal? Ein besonderes Problem bei kommunalen Museen mit naturgemäß beschränktem Budget.

Zwar gab es seit 2008 die Arbeitsstelle für Provenienzforschung (AfP) mit einer Koordinierungsstelle Magdeburg – doch nach Gurlitt erkannten die Kulturspitzen in Bund und Ländern: Eine schlagkräftigere Variante musste her – zumal nach heftiger Kritik aus dem Ausland über einen vernachlässigten Umgang mit Herkunftsfragen von Kulturgütern.

17 Museen in NRW dabei

2015 gründeten die Bundesregierung, namentlich Kulturstaatsministerin Monika Grütters, und die Bundesländer als Nachfolgeeinrichtung die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, finanziell und personell besser ausgestattet als die AfP. Die Aufgabe: die praktische Raubkunstsuche in Museen, Bibliotheken und Archiven nachhaltig zu unterstützen, erstmals auch in privat geführten Museen und Sammlungen.

17 Museen und Bibliotheken werden in NRW zurzeit bei ihrer Recherche vom Zentrum Kulturgutverluste unterstützt, darunter das Museum Ludwig und das Wallraf-Richartz-Museum in Köln, das Landesmuseum Bonn, das Lehmbruck Museum in Duisburg und eben auch das Leopold-Hoesch-Museum in Düren. Die Häuser müssen entsprechende Anträge stellen. Kai Artinger erforscht zunächst für ein Jahr die Bestände in Düren. Das bedeutet zunächst einmal: verstaubte Folianten wälzen in allen möglichen und nur erdenklich relevanten Archiven.

Und da gibt es womöglich in Düren noch weitere „Leichen im Keller“: ein Selbstbildnis von Otto Dix zum Beispiel, nach dem Zweiten Weltkrieg ersteigert in Hamburg. Artinger: „Keiner weiß, wer es damals eingeliefert hat.“ Geschäftsbücher des Auktionshauses sind nicht mehr vorhanden. Übrigens auch ein zusätzliches Dürener Problem: Die Stadt wurde im Krieg nahezu völlig zerstört, so etwas wie ein Archivwesen wurde erst ab den siebziger Jahren wieder etabliert. Bis dahin liegt vieles im Dunkeln.

Zu den zu erforschenden Herkunftskapiteln gehören vor allem auch Bilder der Klassischen Moderne, die aus der Sammlung eines niedersächsischen Arztehepaars nach dem Tod des Mediziners 1951 nach Düren gelangten, wie Artinger festgestellt hat.

Die Witwe von Dr. Paul Troche verkaufte sie dem Hoesch-Museum, nachdem sie die Dienstvilla ihres Mannes, Domizil der Sammlung, verlassen musste. Dazu gehört das Gemälde „Der Perser“ von Oskar Kokoschka von 1923 – tatsächliche Herkunft wie auch bei den anderen Bildern der Kollektion: unbekannt.

Bleibt viel zu tun für den Experten des Zentrums Kulturgutverluste, das mittlerweile mit einem Kreis von 80 Provenienz-Spezialisten zusammenarbeitet. Die Vorgängereinrichtung AfP startete 2008 mit gerade mal vier.

Das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum steht übrigens in Sachen Herkunftsaufklärung gut da: Mit Heinrich Becker verfügt das Haus selbst über einen Mitarbeiter, zu dessen zentralen Aufgaben die Provenienzforschung gehört. Direktor Peter van den Brink: „Zu dem Thema haben wir bereits sehr viel Aufklärung geleistet.“

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