Leinen los: Publikum feiert Uraufführung des Projekts „Nicht mit uns!“

Von: Hermann-Josef Delonge
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Uraufführung wird zum großen Bühnenspektakel: die musikalische Produktion „Nicht mit uns“ im Aachener Theater. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Vor dem Theater gibt es die Einladung zu nächsten Anti-Tihange-Demo, im Theater wenig später die Erkenntnis, dass Peter Alexander eben doch ein wahrhafter Revoluzzer ist. „Hier ist ein Mensch“ hat der in den 70er Jahren gebarmt und dabei wohl nicht unbedingt an Flüchtlinge gedacht.

Wenn man nun allerdings die Songzeile „Öffne die Tür, er will zu dir“ in eine Endlosschleife packt und stakkato ins Publikum schleudert, vergeht dem schnell das Lachen über Rainer Krause, der die Schnulze angemessen windschief interpretiert, und aus dem Vergnügen wird Ansprache wird Aufforderung wird Einsicht.

Abenteuerliche Entdeckungsreise

In etwa so funktioniert das Projekt „Nicht mit uns!“, das am Samstag seine Uraufführung im Theater Aachen erlebte und vom Publikum frenetisch gefeiert wurde. Das Konzept von Regisseur Florian Hertweck, Chefdramaturgin Inge Zeppenfeld und dem musikalischen Leiter Malcolm Kemp geht grandios auf: Das Publikum begibt sich auf eine abenteuerliche Entdeckungsreise durch „ 152½ abendländische Protestsonggeschichten“, amüsiert sich dabei köstlich und kann bei Bedarf auch noch eine Botschaft mit nach Hause nehmen: Es ist wieder mal an der Zeit, die Komfortzone zu verlassen und sich zu engagieren, zu protestieren, sich zu wehren, aufzulehnen. Anlässe und Gründe dafür gibt es genug. Und die passende Begleitmusik auch.

Der Rahmen, den die Theatermacher dafür gesetzt haben, mag nicht sonderlich originell sein. Doch entscheidend ist mal wieder, was drinsteckt, und das ist eine Menge: Musik, Bewegung, Energie, Fantasie, Slapstick, Unsinn und Erkenntnis. Also: Leinen los für die gute alte MS Hoffnung! Dirk Thiele hat dafür eine äußerst vielseitig einsetzbare Stahlkonstruktion auf die eifrig rotierende Drehbühne gesetzt. Die öffnet immer wieder neue Perspektiven und dem kletterfreudigen Ensemble neue Spielwiesen für exzessives Bewegungstheater.

Die Crew ist ebenso klischeehaft wie obskur: Auf der Brücke dieses Traumschiffs steht der schmierige Kapitän Lismus (Philipp Manuel Rothkopf), dessen Schlagseite nicht allein vom Wellengang herrühren dürfte. Ihm zur Seite kichert Töchterchen Ivanka (Nele Swanton), ein ebenso liederliches wie theoriegestähltes Luxus-Luder. Den Kochlöffel schwingt die resolute Frau Withaspoon (mit Irokesenschnitt: Monika Wiedemer), im Maschinenraum schuften der Leichtmatrose Friedemann Krieger (Benedikt Voellmy), der Heizer Fred Kragenbär (Tim Knapper) und der Schiffbrüchige Dante Alik Ieri (Karl Walter Sprungala).

Grandios-witzige Not-OP

Außerdem mit an Bord: das freche Gör Billy das KIZ (Lara Beckmann), der „Transzendentalbeauftragte“ und Schiffsarzt Anonymus Bosch (Rainer Krause) und die mondäne Escortlady Rosa aus Luxemburg (Regisseur Hertweck selbst).

Selbstverständlich wird es zur Meuterei kommen, und der Kapitalismus-Kapitän wird über die Wupper gehen (die grandios witzige Notoperation mit den üblichen Mitten der Politik und der Finanzindustrie gehört übrigens zu den Höhepunkten dieses Theaterabends, dem es wahrlich nicht an Einfällen mangelt). Nach der Pause wird der Ton härter; die Dystopie hat die MS Hoffnung geentert. Die Menschen sind zu Tieren geworden (Kostüme: Kathrin Krumbein): Orwell lässt grüßen. Wer irgendwann vielleicht den Faden verliert angesichts der Fülle an Anspielungen und politischen Verweisen, dem bleibt ja immer noch die Musik, dem bleiben die Songs, genauer: die Protestsongs.

Denn „Nicht mit uns!“ ist Musiktheater, also Theater mit und über Musik. Jeder im Ensemble kann auf seine Art grandios singen. Auch wenn es ungerecht ist, da jemanden herauszuheben: Monika Wiedemers rotzig-erdige Funkstimme ist elektrisierend, und Tim Knappers Polit-Raps sind großartig! Wir hören keine banalen Coverversionen von mehr oder weniger bekannten Stücken, sondern ganz eigenständige Interpretationen, die durch den Kontext mit neuer, frischer Bedeutung aufgeladen werden. Ob Rammstein, Reinhard Mey, The Clash, Queen, Bowie, Ton Steine Scherben oder Funny van Dannen: Das also ist der Soundtrack des Widerstands!

Der Fakt, dass die Musik live auf der Bühne gespielt wird und dass Malcolm Kemp (Gitarre und Leitung), Uwe Böttcher (Bass/Geige), Moritz Schippers (Keyboards) und Samuel Reissen (Drums) dies fantastisch tun, verstärkt den Konzertcharakter des Abends und führt dazu, dass alle ohne drei Zugaben nicht von der Bühne kommen. Standing Ovations, die nicht aufhören wollen. Also: ab zur nächsten Anti-Tihange-Demo. Oder wenigstens ins Theater, in dieses Stück.

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