New York - Leben am Abgrund: Gruselautor Edgar Allan Poe wäre 200 geworden

Leben am Abgrund: Gruselautor Edgar Allan Poe wäre 200 geworden

Von: Nada Weigelt, dpa
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New York. Edgar Allan Poe hat zu Lebzeiten nur mit einem einzigen Werk kommerziell Erfolg gehabt.

Es hieß „Erste Anleitung für den Muschelforscher”, war ein Schulbuch, und lediglich das Vorwort stammte wirklich von Poe. Doch auch wenn dem US-Autor während seines kurzen, bitteren Lebens die ersehnte Anerkennung versagt blieb, zählt er bis heute zu den wichtigsten Schriftstellern Amerikas.

Mit seinem Pariser Meisterdetektiv Dupin wurde er zum Erfinder des Detektivromans, und seine romantischen Schauer-Erzählungen machten ihn zum Wegbereiter der Moderne. Daneben setzte er mit meisterhaften Gedichten Maßstäbe. Am Montag (19. Januar) wäre der „Virtuose des Grauens” 200 Jahre alt geworden.

Die Fülle von Büchern, die aus diesem Anlass in Deutschland erscheinen oder neu aufgelegt werden, zeugen von dem Ansehen, das der tief unglückliche und alkoholkranke Autor bei uns nach wie vor genießt. Seine messerscharf sezierenden Detektivgeschichten von „Der Doppelmord in der Rue Morgue” bis zu „Der entwendete Brief” gehören zu den meistgelesenen Krimis der Welt.

Geniale Spukgeschichten wie „Der Untergang des Hauses Usher”, „Die Grube und das Pendel”, „Die Maske des roten Todes” oder „Der Goldkäfer” haben Generationen von jungen und alten Lesern das Gruseln gelehrt.

In seiner Heimat USA zählt Poe inzwischen zwar auch zu den angesehenen Klassikern, eine echte Herzensliebe jedoch ist es nicht. Zu seinen Lebzeiten hatte sich der als Literaturkritiker für seine scharfen Urteile gefürchtete Poe mit vielen Größen des Kulturbetriebs überworfen, er galt - nicht zu Unrecht - als Trunkenbold, Macho und Rassist.

„Edgar Allan Poe ist tot. (...) Die Nachricht wird viele überraschen, aber nur bei wenigen Trauer hervorrufen”, schrieb ausgerechnet sein eigener Nachlassverwalter Rufus W. Griswold am 9. Oktober 1849, dem Tag der Beerdigung, in der „New York Tribune”. Erst die euphorische Aufnahme des Schriftstellers in Frankreich (vor allem durch Charles Baudelaire) und sein späterer Siegeszug in Deutschland ließen die Amerikaner merken, wen sie eigentlich verloren hatten.

Bis heute üben Poes Geschichten eine unwiderstehliche Faszination aus. Obwohl oft grotesk überdreht und gelegentlich noch nicht einmal in sich stimmig, ziehen sie den Leser unweigerlich in Bann. Es geht um sprechende Raben und mordende Affen, um lebendig Begrabene und die Geister von Toten, um Okkultes und Satanisches, Tod und Verfall - immer mit nüchterner schriftstellerischer Präzision erzählt.

Poe lotet Abgründe des menschlichen Unterbewusstseins aus, wie es so kein Autor vor ihm gewagt hat. Als ihm einmal vorgeworfen wird, zu sehr in der Tradition des deutschen Schauerromans zu stehen, meint er: „Wenn in vielen meiner Arbeiten der Schrecken das Thema ist, so behaupte ich, dass dieser Schrecken nicht aus Deutschland, sondern aus der Seele kommt.”

Seine eigene Seele, darin sind sich die Biografen trotz unterschiedlicher Ansätze einig, hat im Laufe seines kurzen Lebens mehr Schaden genommen, als ein Mensch verkraften kann. Am 19. Januar 1809 als Kind von Wanderschauspielern in Boston geboren, macht sich der Vater kein Jahr später aus dem Staub. Die Mutter stirbt nach quälender Krankheit an Schwindsucht, als Edgar zwei ist. Der kleine Junge kommt in eine Pflegefamilie.

Nach anfänglicher Zuwendung lässt der Vater ihn fallen und enterbt ihn später - Poe verwindet das nie. 1924 stirbt seine erste große Liebe nach einem Hirntumor in geistiger Umnachtung. Auch seine geliebte Stiefmutter und sein Bruder sterben.

„Der Tod einer schönen Frau ist wahrlich das poetischste Thema der Welt”, schrieb Poe später einmal. Sein anrührendes Gedicht „Annabel Lee” (1849) ist ein wunderbarer Beleg dafür. Doch für ihn selbst wird die Suche nach Liebe und Anerkennung die größte Herausforderung. 1836 heiratet er seine erst 13-jährige Cousine Virginia. Mit ihr und der ihm nah verbundenen Schwiegermutter „Muddy” hat er erstmals eine richtige Familie.

Doch meist leben sie in bitterer Armut. Immer wieder bekommt er in unterschiedlichen Städten vielversprechende Anstellungen bei Zeitschriften, wirft aber bald wieder hin. Er trinkt, stürzt ab, versinkt in tiefe Depressionen. „Sein ganzes Leben mutet wie ein permanenter Wechsel zwischen zwei Rollen an: der des gottgleichen Literaturdiktators und der des gefallenen Engels”, schreibt der Anglist Hans-Dieter Gelfert in seiner neuen, sorgsam edierten Biografie „Edgar Allan Poe” (2008).

Mit dem heute wie Kult gehandelten Gedicht „Der Rabe” verbucht Poe 1845 seinen vielleicht größten literarischen Erfolg. Doch inzwischen ist seine Frau krank. Zwei Jahre später stirbt sie, ebenfalls an Schwindsucht. Es folgen Abstürze, Krankheit, ein Selbstmordversuch und neue Hoffnungen auf Frauen. Aber Poe hat seine Kraft verbraucht. Am 7. Oktober 1849 stirbt er in einem Krankenhaus in Baltimore, nachdem man ihn zuvor in völlig hilflosem Zustand auf der Straße gefunden hat. Nach einem dreitägigen Delirium wacht er noch einmal kurz auf und flüstert: „Gott helfe meiner armen Seele.”

Edgar Allan Poe - ein Leben am Abgrund

Der amerikanische Dichter, Erzähler und Literaturtheoretiker Edgar Allan Poe gilt als Wegbereiter von moderner Kurzgeschichte, Krimi und fantastischer Erzählung. Sein Leben in Kürze:

- Geburt: Am 19. Januar 1809 in Boston (Massachusetts)

- Eltern: Die Schauspieler David und Elizabeth Poe

- Verwaist: 1811 nach Tuberkulose Tod der Mutter, Vater verließ Familie 1810 und blieb verschwunden

- Pflegeeltern: John und Frances Allan nehmen ihn in die Familie auf; er wird nicht adoptiert, führt aber später Allan als zweiten Namen

- Europa: Schulbesuch von 1815 bis 1820 in Schottland und London

- Studium: Universität Charlottesville (Virginia); Abbruch 1827 mit hohen Spielschulden

- Erstes Buch: „Tamerlane und andere Gedichte” erscheint 1827 anonym

- Militär: Armeeeintritt 1827 aus Angst vor Gläubigern als Edgar Perry; 1831 Entlassung aus Militärakademie West Point wegen „unbotmäßigem Verhalten”

- Drogen: Langjähriger Alkoholmissbrauch, Konsum des Opium-Produkts Laudanum

- Erzählungen: Viele fantastische Geschichten erscheinen 1840 als „Tales of the Grotesque and Arabesque”

- Hochzeit: 1836 mit 13-jähriger Cousine Virginia; sie stirbt 1847

- Tod: Poe stirbt verarmt am 7. Oktober 1849 in Baltimore (Maryland) unter ungeklärten Umständen.
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