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Lars von Trier steigt mit Videokamera auf die Bühne

Von: Jenny Schmetz
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Zeigt in Aachen seine dritte Inszenierung: Regisseur und Bühnenbildner Jan Langenheim. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Manchmal, da würde Jan Langenheim schon gerne zuschlagen. Groß und massig kommt der Mann mit den schulterlangen Haaren daher. Aber ein Schläger-Typ? Während des Gesprächs saugt der Regisseur unauffällig an einer E-Zigarette, und bei den Proben sagt er doch eher Sätze wie: „Ihr müsst euch mehr zuhören.“

Aber dennoch: „Es gibt immer wieder Momente, in denen ich sofort ins nächste Flugzeug nach Kopenhagen springen will, um Lars von Trier zu verprügeln.“

Ja, Lars von Trier, der weltbekannte dänische Filmemacher, provoziert, polemisiert, polarisiert. Er ist ein Regisseur, dem Journalisten wahlweise ein „Kult-“ oder „Skandal-“ voranstellen. Kalt lassen seine Filme wohl niemanden, und sie erobern auch immer öfter die Bühnen – ob „Breaking the Waves“, „Dogville“ oder „Antichrist“. Am Theater Aachen inszeniert Jan Langenheim derzeit „Manderlay“, den zweiten Teil der bisher unvollendeten Amerika-Trilogie Lars von Triers.

Eine schwierige Aufgabe. Nicht nur, weil der 46-Jährige kurzfristig für den erkrankten Mario Portmann eingesprungen ist. „Das Stück bietet einige Klippen“, sagt Chefdramaturgin Inge Zeppenfeld. Und der Regisseur bestätigt: „Ich habe auf Proben noch nie so viel geredet – über Inhalte und moralische Fragen.“ Dabei ist er schon lange im Geschäft, seit fast 15 Jahren arbeitet der Göttinger als freier Theaterregisseur und Bühnenbildner, in Aachen hat er „Deportation Cast“ und „Homo Faber“ gezeigt.

Aber die Geschichte jetzt ist schon ziemlich perfide, sie regt an zu heftigen Diskussionen über Rassismus, Freiheit, Ausbeutung: Gangstertochter Grace entdeckt 1933 in Alabama die Baumwollfarm Manderlay, auf der Schwarze noch wie Leibeigene behandelt werden. Mit missionarischem Eifer versucht die junge Frau, Demokratie durchzusetzen – was gründlich schiefläuft. Am Ende schwingt sie selbst die Peitsche, aber vielleicht unterdrücken sich die Unterdrückten sogar selbst am besten? Langenheim sieht das Ganze als Experiment, eine Art Versuchsanordnung: Was passiert, wenn man mit seinen Idealen auf die Realität stößt? Sind Gut und Böse da noch so leicht zu unterscheiden?

Sklaven im Abendkleid

Lars von Trier hatte seinen Film von 2005 als Kritik am Imperialismus der USA verstanden; er wählte eine karge Form, mit Kreidestrichen auf dem Boden und angedeuteten Kulissen schuf er einen anti-illusionistischen Touch, scheinbar „wie im Theater“. Von dieser Filmvorlage will sich Langenheim befreien. Als sein eigener Bühnenbildner schickt er Schauspielerin Lara Beckmann als Grace auf die Drehbühne.

Für Langenheim spannt sich die Szenerie zwischen zwei Polen: Cannes und Usbekistan. Cannes und Usbekistan? Ja, die Filmfestspiele von Cannes, wo Lars von Trier seinen internationalen Durchbruch und 2011 mit Nazi-Äußerungen einen Eklat erlebte. Am Anfang tritt in Aachen eine Abendgesellschaft wie auf dem roten Teppich auf. Und in Usbekistan fand Langenheim die „Baumwoll-Sklaven“ von heute.

Da rotiert also ein Assoziationsraum irgendwo zwischen Showtreppe und Plantage. Darin umschifft der Regisseur eine gefährliche Klippe: die Blackfacing-Debatte. Die weißen Schauspieler werden sich als Sklaven nämlich keine schwarze Schminke ins Gesicht schmieren. „Sie sind einfach nur weiß – und wir reden nicht darüber.“ Da stöckelt mancher Sklave auch im Abendkleid herum. Mal schau‘n, wie weit die Zuschauer da mitassoziieren . . .

Als „Brecht ohne Humor“ oder „laubgesägtes Lehrstück“ wurde der Stoff schon kritisiert. Aber für Langenheim birgt der „gemeine Blick aufs Scheitern der Ideale“ auch viel Komik. Außerdem will er dem etwas spröden didaktischen Werk mit Musik und Songs etwas Sinnliches entgegensetzen. „Ich hätte es gerne scharf und klar, aber die Zuschauer sollen schon etwas erleben.“

Und dann holt er auch noch den Autor auf die Bühne: Benedikt Voellmy darf als Erzähler alias Lars von Trier zur Videokamera greifen. „Er treibt Grace voller Liebe gegen die Wand“, sagt Langenheim. Wie genau der Theaterregisseur sich im Spiel den geliebten wie gehassten Filmregisseur vorknöpft, konnte nicht geklärt werden. Aber so ganz privat hat Langenheim grinsend noch eins klargestellt: „Ich habe noch nie jemanden verprügelt.“

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