„Land des Lächelns” stimmt auf Silvester ein

Von: Guido Rademachers
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Jeder psychologische Deutungsballast wird weggelassen: in Lehárs Operette „Das Land des Lächelns” an der Oper Lüttich. Stefano Mazzonis di Pralaferas Inszenierung setzt auf duchaus unterhaltsame Revue, statt hinter die Masken zu blicken. Foto: Operá Liège

Lüttich. „Immer nur lächeln und immer vergnügt”, singt Prinz Sou-Chong auf Französisch und schreitet die Bühnenrampe ab: „Wen kümmert mein Schmerz? Nur mich ganz allein.” Lüttichs Opernintendant Stefano Mazzonis di Pralafera sieht es genauso.

Nicht der geringste psychologische Deutungsballast beschwert seine Inszenierung. Nicht der verstohlenste Blick dringt hinter die Masken. „F. Lehár” steht auf dem Etikett einer riesigen in der Bühnenmitte platzierten Champagnerflasche. Der Korken knallt gleich zu Beginn. „Das Land des Lächelns”, die „tragische” Operette, mit der Lehár 1929 das Tor zur Oper öffnen wollte, wird in Lüttich gezeigt als Revue aus den Goldenen Zwanzigern. Prösterchen!

Ballett auf der Showtreppe

Auf großer Showtreppe im Art-déco-Ambiente tanzt ein Ballett je nach Musiknummer mit Apfelbaumzweigen oder Lotosblüten, gigantischen Kusslippen oder einem chinesischen Drachen. Zum „Tee à deux” werden metergroße Teetassen balanciert, aus denen passend zum Text („Aus dem silberweißen Rauch steigt ein duftig zarter Hauch”) der Trockeneisnebel wabern.

Die Sänger lösen indes die beschworene „selig süße Näh´” darstellerisch kaum ein. Aber eine Annäherung fällt auch nicht leicht in extralangem Fasanenfeder-Prunkkostüm und chinesischer Kuriositäten-Kollektion mit bodenlangen Seidenärmeln (Ausstattung Valérie Urbain). Bei solch pittoresker Fantasie-Exotik muss selbst (der ebenfalls 1929 erschaffene) Tim ohne Struppi einmal kurz vorbeischauen.

Das Abenteuer im Land des Lächelns geht in Lüttichs Opernzelt anders als im Original gut aus. Lisa von Lichtenfels und der chinesische Prinz Sou-Chong kommen, nachdem sie erst in Riesensesseln, dann auf chinesischen Holzbrückchen durch die Kulturen geschoben wurden, wieder zusammen.

Musikalisch bietet die Aufführung all das Operetten-Raffinement, das der Revue-Trivialisierung fehlt. Dirigent Marko Letonja ist ein Filigranarbeiter. Er sorgt für eine beispielhafte Klangbalance, hebt kleinste Finessen und Zwischentöne hervor und kostet das süße Gift der Sehnsuchts-Akkorde und schwebenden Geigen in vollen Zügen aus.

Marc Laho als Prinz Sou-Chong verfügt zwar nicht über die Süffisanz eines genuinen Operettentenors, wohl aber über den nötigen Schmelz. Nach kleiner Aufwärmphase läuft er in „Dein ist mein ganzes Herz” zu Topform auf. Sophie Marin-Degor riss vor einem Jahr in der „Fledermaus” das Lütticher Publikum von den Sitzen. Jetzt, als Lisa, erfüllt sie die komplexen lyrischen Anforderungen der Partie eher solide als beseelt. Philippe Ermelier ist ein kerniger Graf Gustav; Priscille Laplace eine zarte, klangschöne Mi.

Am Ende gab es wohlwollenden Beifall. An der musikalischen Leistung wird es nicht gelegen haben. Vielleicht ging manchem der Revue-Dreh für eine Operette zu weit. So gut gemacht aber wird man kaum eine bessere Theater-Einstimmung auf Silvester finden können.

„Das Land des Lächelns” von Franz Lehár ist in der französischsprachigen Fassung noch am 22. (20 Uhr), 27. (15 Uhr), 29., 30. (jeweils 20 Uhr) sowie am 31. Dezember (20.30 Uhr) im Theaterzelt, dem Palais Opéra de Liège, am Espace Bavière (Eingang Boulevard de la Constitution) zu sehen, das wegen Renovierungsarbeiten als Ersatzspielstätte für das Lütticher Opernhaus dient. Karten und Infos unter 0032/4/2214722 oder im Internet (deutschsprachig) unter orw.be.
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