Kunstpreisträger lässt Kinder „von der Kanzel rutschen”

Von: Verena Müller
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Pawel Althamer arbeitet an einer Skulptur in der Aachener Kirche St. Elisabeth. Am Sonntag wird ihm der mit 10.000 Euro dotierte Kunstpreis Aachen verliehen. Foto: Harald Krömer

Aachen. Einmal in der Kirche Proberutschen war schon drin, dann wurde die goldene Röhre aber wieder von der freistehenden Kanzel in St. Elisabeth in Aachen abgeschraubt. Theoretisch könnten die Kinder von der Kita nebenan über die Rutsche in den Mittelgang purzeln, Richtung Altar.

Aber noch ist die Installation von Pawel Althamer nicht fertig. Auch an der großen Holzskulptur, die die Kinder dazu einladen soll, auf die Kanzel zu klettern, sind Althamer und seine Mitarbeiter noch mit grobem Werkzeug zugange.

Althamer wird an diesem Sonntag der Kunstpreis Aachen 2010 verliehen. Zum ersten Mal überhaupt gibt es nicht nur eine Ausstellung im Ludwig Forum, sondern eben auch eine Installation in der Kirche schräg gegenüber. Dass der in Warschau lebende Künstler die Grenzen des Museums überschreitet, ist nicht überraschend.

Gerade wegen der Konsequenz, mit der er seine Umwelt in sein Schaffen einbezieht, wegen der Art zu intervenieren und seines sozialen Engagements erhält er den mit 10.000 Euro dotierten Preis. Und die Verbindung zwischen Museum und Kirche über das Thema Mittelalter liegt eigentlich auch auf der Hand. Im Mittelalter war die Kirche maßgeblicher Auftraggeber für Kunst, heute ist sie vor allem im Museum zu sehen.

Althamer sagt, dass er St. Elisabeth mit dem Lachen und der Energie der Kinder füllen wolle - und das mit Hilfe der aus Holz gebauten Kanzelrutsche. „Durch den Druck, den die Eltern erzeugen, und die Strukturen, in die die Kinder schon früh gepresst werden, verlieren die Kinder ihren Enthusiasmus”, sagt Althamer. So viel Kreativität ginge dadurch verloren. Die wolle er hier wieder aktivieren.

Dass er in St. Elisabeth mit offenen Armen empfangen wurde und ihm keine Vorschriften gemacht wurden, habe ihn sehr überrascht, sagt er. Vielleicht sei das sogar ein Impuls für den konservativeren Katholizismus in Polen, hofft er. Dort durfte er bislang nicht in Kirchen arbeiten.

Im Moment ist die neogotisch anmutende Kanzel nur mit goldenen Flächen und Schriftzügen verziert, an den Treppenstufen steht in zwanzig Sprachen „Danke”. Die Idee stammt nicht von Althamer - der sagt, ihm seien die Worte ziemlich egal - , sondern von seinem Künstlerfreund Jacek Adamas, mit dem er auch vor Jahren seine erste Ausstellung außerhalb Polens, im Aachener Ludwig Forum, aufgebaut hatte.

„Ich wollte mich bei der Kirche und den Religionen im Allgemeinen für den Versuch bedanken, mit Spiritualität zu arbeiten - die Betonung liegt auf Versuch”, sagt Adamas. Kurz guckt er noch ganz ernst, dann legen sich die Falten auf seiner Stirn und er lacht. Die sternförmige Kuppel hat er außerdem mit 20 Apostelnamen versehen. 20 - nicht zwölf. „Ich habe die Apostelschüler hinzugerechnet. Die Idee ist die Kontinuität”, sagt Adamas. Was Althamer noch mit der Kanzel vorhat, ist, sie gemeinsam mit den Kindern bunt anzumalen. Zum Beispiel Heiligendarstellungen auf Goldgrund. Ganz klassisch mittelalterlich. Etwa eine Woche will Althamer noch in Aachen bleiben.

Im Ludwig Forum werden ab Sonntag drei Arbeiten zu sehen sein. Überschrift: Der goldene Reiter. Zwei Skulpturen, ein Film. Beides hat - zumindest entfernt - mit Mittelalter, Sagen und Legenden zu tun. In dem Acht-Millimeter-Film läuft Althamer in einer Ritterüstung durch Wien, tanzt mit Passanten in einer Unterführung, versucht, durch den Harnisch Kaffee zu trinken.

Schon in früheren Arbeiten hat er sich als Außenstehender den Menschen genähert, zum Beispiel als Astronaut, hat sie eingebunden, mit ihnen einen Mikrokosmos geschaffen und festgefahrene Strukturen durchbrochen. Er arbeitet mit Obdachlosen, Inhaftierten, Migranten und Jugendlichen ohne Perspektive zusammen, schafft spielerisch Aufmerksamkeit. Einmal, während der 4. Berlin Biennale, ist es ihm gelungen, die Abschiebung eines türkischen Jungen zu verhindern.

Für die Kinder sei es toll, die Kirche mal nicht als Ort der Ruhe und der Konzentration zu erfahren, sagt eine Erzieherin der Kindertagesstätte St. Elisabeth. Ob die Kinder denn dann jeden Tag kommen dürften? „Wenn Herr Althamer die Aufsicht führt, klar.”

Der Kunstpreis Aachen wird Pawel Althamer an diesem Sonntag um 12 Uhr im Ludwig Forum Aachen, Jülicher Straße 97-109, verliehen. Zuvor findet um 11.15 Uhr in St. Elisabeth eine Messe mit Bruder Lukas Jünemann statt. Öffentliche Führungen werden jeden Sonntag um 12 Uhr angeboten, eine Kuratorenführung mit Holger Otten am Donnerstag, 16. Dezember, um 18.30 Uhr. Die Finnisage ist am Sonntag, 20. Februar. Das Ludwig Forum ist dienstags bis bis sonntags zwischen 12 und 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet fünf Euro, ermäßigt 2,50 Euro.
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