Kulturstiftung der Länder: Mit der geballten Kraft von 16 Partnern

Von: Eckhard Hoog
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Seit 2004 Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder: Isabel Pfeiffer-Poensgen, davor Kulturdezernentin in Aachen. Foto: Oliver Helbig

Berlin. Ob „Hyper Real - Kunst und Amerika um 1970“ im Ludwig Forum oder „Leonardo des Nordens - Joos van Cleve“ im Suermondt-Ludwig-Museum - wenn bedeutende Ausstellungen in Aachen stattfinden, dann werden sie häufig finanziell großzügig unterstützt durch eine Einrichtung, die heute in Berlin ihr 25-jähriges Bestehen feiert: die Kulturstiftung der Länder.

Stiftungsratsvorsitzender ist der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Entscheidend operativ im Geschäft als Generalsekretärin ist allerdings seit 2004 Isabel Pfeiffer-Poensgen, gebürtige Aachenerin, ehemalige Kanzlerin der Hochschule für Musik Köln (1989-1999) und Ex-Kulturdezernentin der Stadt Aachen (1999-2004). Wir sprachen mit ihr über die Aufgaben und Leistungen der Kulturstiftung der Länder.

Wie sähe die deutsche Kulturlandschaft heute aus, wenn man die Kulturstiftung der Länder vor 25 Jahren nicht gegründet hätte?

Pfeiffer-Poensgen: Die wäre sicherlich immer noch genauso vielfältig, wie sie aufgrund der historischen Entwicklung immer war, aber wahrscheinlich wären doch manche bedeutende Kulturschätze, die die Möglichkeiten eines Hauses oder einer Stadt gesprengt hätten, nicht in einer öffentlichen deutschen Sammlung zu halten gewesen. Das war ja von Anfang an die Idee der Kulturstiftung: die besonders exzeptionellen und wichtigen Stücke für die Kultur- und Kunstgeschichte in Deutschland zu halten – sozusagen mit der Kraft der 16 Länder.

Nun gibt es auf der anderen Seite auch die Kulturstiftung des Bundes. Worin liegt der Unterschied?

Pfeiffer-Poensgen: Die Kulturstiftung der Länder bestand schon eine Weile, als der Bund seine Stiftung gründete. Die Strukturen ähneln sich durchaus, die Kulturstiftung des Bundes ist allerdings mit sehr viel mehr Mitteln ausgestattet. Und man hat ihr bestimmte Stichworte mitgegeben, nach denen sie fördern soll. Die heißen „zeitgenössisch“, „innovativ“, „international“ und geben eigentlich so etwas wie ein Abbild von den Zuständigkeiten des Bundes, was internationale Kulturbeziehungen angeht. Darüber hinaus fördert sie auch sehr stark projektorientiert, auch zum Beispiel im Bereich darstellende Kunst. Sie fördert dezidiert keine Ankäufe, so wie wir es tun. Wir haben klare Schnittmengen, wo wir gelegentlich zusammenwirken, zum Beispiel im Bereich Kinder- und Jugendkultur. Und wir fördern einmal im Jahr gemeinsam eine große Ausstellung, das haben wir in Aachen ja auch schon gemacht. Wir fördern zwar auch Ankäufe bis in den Bereich zeitgenössische Kunst, aber unser Feld liegt in der vollen Breite des Kulturschaffens, von der Vor- und Frühgeschichte angefangen.

Was ist der Vorteil, wenn eine Stiftung diese Förderaufgaben übernimmt und nicht zum Beispiel ein Ministerium?

Pfeiffer-Poensgen: Die Gründungsgeschichte zeigt eine ganz schlichte Ursache. Damals wollte man diese Einrichtung in Berlin gründen, das war noch vor dem Fall der Mauer, Berlin stand unter dem Vier-Mächte-Status. Das hieß: Man durfte keine öffentlichen, über Berlin hinausgehenden Behörden gründen. Aus diesem einfachen Grund hat man diese privatrechtliche Form gewählt. Das hat sich später als sehr segensreich erwiesen und ist glücklicherweise auch nie geändert worden. Diese kleine Einrichtung kann sehr schnell Entscheidungen treffen –wobei wir geprüft werden sowohl vom Rechnungshof als auch jährlich von einem Wirtschaftsprüfer. Der Vorteil ist, dass wir nicht an das Prinzip der Jährlichkeit gebunden sind. So können wir auch große Ankäufe organisieren, große Vorhaben, für die man mehrere Jahre braucht, wie zum Beispiel bei der großen Beethoven-Handschrift der Diabelli-Variationen für Bonn. Es hat viereinhalb Jahre gedauert, bis wir die Gesamtfinanzierung zusammenhatten. Da muss man auch große Summen über längere Zeit bereithalten können – es verfällt nichts, um es mal ganz schlicht zu sagen.

Die Stiftung ist eine privatrechtliche Organisation, die ausschließlich öffentliche Gelder ausgibt?

Pfeiffer-Poensgen: Wir haben ein minimales Stiftungskapital, das man damals für angemessen hielt, um eine Stiftung zu gründen. Und wir leben von einem Umlagesystem, von dem, was uns die 16 Länder jedes Jahr zur Verfügung stellen. Das richtet sich nach dem Königsteiner Schlüssel, das ist ein Verteilungsschlüssel, den die Länder für alle Gemeinschaftsfinanzierungen heranziehen. Das richtet sich nach Einwohnerzahl und einigen anderen Daten. Wenn wir dann fördern, zum Beispiel den Ankauf eines Gemäldes, geben wir nie mehr als ein Drittel dazu, manchmal aber auch weniger, wenn es sich um eine sehr große Summe handelt. Wir wollen ja möglichst vieles anschieben. Und dann liegt es an uns und natürlich auch an den örtlichen Häusern und Städten, die restlichen Gelder einzusammeln – durch zusätzliche kommunale Gelder, durch andere Stiftungen, Unternehmen, Mäzene. Das Prinzip ist, das vom Staat eingesetzte Geld zu vermehren. Wenn man das über die 25 Jahre zusammenrechnet, ist es im Schnitt vervierfacht worden. Für das Geld, das wir eingesetzt haben – 160 Millionen Euro –, ist für gut 600 Millionen Kunst gekauft worden.

Finden Sie nicht, dass Sie einen Traumjob haben – einfach viel Geld ausgeben zu können?

Pfeiffer-Poensgen: Das denkt man vielleicht – da sitzt man auf dem Sofa und überlegt: Was kaufen wir denn heute? Aber so ist es natürlich nicht. Es geht auch darum, Geld einzusammeln – und das ist richtig harte Arbeit. Außerdem haben wir eine große Verantwortung, wenn wir Dinge zum Ankauf vorschlagen. Die müssen wir auf Herz und Nieren prüfen, auf Qualität, Provenienz, darauf, ob der Preis wirklich angemessen ist. Und: Gehört es an diesen Ort, in diese Sammlung? Wenn wir das dann für gut befinden, holen wir für jede Entscheidung zwei externe Gutachten ein. So ist es viel Arbeit, bis ins Letzte durchdachte, geprüfte Projekte zu erarbeiten. Trotzdem macht es mir sehr viel Spaß.

Sie haben sich im aktuellen Geschehen um den Schwabinger Kunstfund zu Wort gemeldet. Hat die Stiftung über die Förderleistung hinaus in der Kulturpolitik nicht auch den Status einer wichtigen Instanz, deren Stimme gehört wird?

Pfeiffer-Poensgen: Zu Beginn meinte man, die Stiftung sei eine Einkaufsgemeinschaft, das hat sich sehr verändert über die Jahre. Wir sind immer stärker ein beratender Faktor geworden für die einzelnen Häuser, zum Beispiel in schwierigen Verhandlungen oder beim Ankauf, wenn man manchmal einen neutralen Moderator braucht. Das haben wir in den letzten Jahren sehr verstärkt. Und natürlich sind wir auch in die Vorgänge um den Schwabinger Kunstfund eingebunden. Wir hatten lange vorher zusammen mit dem Bund die „Arbeitsstelle für Provenienzrecherche“ gegründet – der scheidende Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat hier große Verdienste –, damit die Museen ihre Bestände überprüfen können.

Finden Sie es nicht seltsam, dass diese Arbeitsstelle nicht schon früher eingebunden wurde in die Überprüfung der Gurlitt-Sammlung?

Pfeiffer-Poensgen: Ich bin da genauso schlau wie alle, die die Zeitung gelesen haben. Natürlich fragt man sich jetzt, wie es zu diesen Komplikationen kommen konnte. Aber solange man nicht weiß, was genau gelaufen ist, möchte ich auch nicht den Stab über jemandem brechen. Aber natürlich hätte ich mir gewünscht, dass es anders gelaufen wäre.

Wie sollte ein solcher Fall in der Zukunft denn behandelt werden?

Pfeiffer-Poensgen: Das Problem war hier, dass es den Überraschungsfund nicht im Umfeld eines Museums gab, sondern bei der Justiz, die sich natürlich nicht unentwegt mit solchen Fällen beschäftigt. Und immer stand dabei das Thema „entartete Kunst“ im Vordergrund. Es ist übrigens sehr positiv, dass jetzt in der Öffentlichkeit deutlich geworden ist, dass es sich hier um zwei ganz unterschiedliche Themen handelt: „entartete Kunst“ und Raubkunst. Wir müssen uns aufgrund unserer internationalen Verpflichtungen und unserer Geschichte in erster Linie um die sogenannte Raubkunst kümmern, deshalb wurde auch 2008 die Arbeitsstelle gegründet.

Raubkunst – das ist der Fall, bei dem man jüdische Sammler gezwungen hat, Kunstwerke für geringes Geld zu verkaufen?

Pfeiffer-Poensgen: Man hat jüdische Kunstsammler entweder unter Druck gesetzt, oder es gab die sogenannte Reichsfluchtsteuer, die dann viele zum Verkauf unter Wert zwang, oder sie sind schlicht enteignet worden. Oder sie haben die Werke auf der Flucht zurückgelassen, und die Kunstwerke sind dann verschwunden.

Die deutschen Museen müssen in der Aufarbeitung ihrer Bestände unterstützt werden?

Pfeiffer-Poensgen: Absolut.

Was wird konkret getan?

Pfeiffer-Poensgen: Dafür sind die Mittel zur Verfügung gestellt worden. Zwei Millionen Euro gibt der Bund pro Jahr für dezentrale Forschungsprojekte. Die Länder finanzieren diese Expertengruppe der Arbeitsstelle für Provenienzrecherche. Das sind rund 350 000 Euro. Jedes Museum, jede Bibliothek, jedes Archiv kann sich hierhin wenden und sich beraten lassen. Trotzdem muss das Bewusstsein überall im Land noch verstärkt werden. Die Städte müssen, als die häufigsten Träger solcher Einrichtungen, bereit sein, ihrerseits auch über längere Zeit einen Forscher mitzufinanzieren, damit ihre Bestände professionell untersucht werden können .

Ganz andere Frage: Wie oft sind Sie in Aachen?

Pfeiffer-Poensgen: Ab und zu mal, nicht mehr so oft wie früher, aber ich habe dort ja immer noch Familie. Und ich bin seit 2011 mit viel zeitlichem Engagement Vorsitzende des Kuratoriums der Peter und Irene Ludwig Stiftung.

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