Aachen - „Kulturorchester“: Eine Tradition mit braunen Flecken?

„Kulturorchester“: Eine Tradition mit braunen Flecken?

Von: Eckhard hoog
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Aachens ehemaliger GMD Peter Raabe. Die Büste stammt von Franz Linden. Foto: Bernhard Lauter
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Provokante Thesen: der Aachener Musikwissenschaftler Lutz Felbick. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die deutsche Orchesterlandschaft ist in ihrer Dichte bis heute einzigartig auf der Welt: mit weit über 100 staatlichen, städtischen, öffentlich finanzierten Sinfonieorchestern, zahlreichen Kammerorchestern und zwölf Rundfunkorchestern.

Maßgeblicher Motor dieses Orchesterwesens war der Dirigent und Musikwissenschaftler Peter Raabe (1872-1945), von 1920 bis 1935 Generalmusikdirektor beim Städtischen Orchester Aachen, von 1924 bis 1934 Honorarprofessor an der RWTH Aachen, von 1935 bis 1945 Präsident der Reichsmusikkammer, ab 1937 NSDAP-Mitglied und glühender Hitlerverehrer. Das ist, kurz gefasst, das Ergebnis einer Studie des Aachener Musikers und Hochschuldozenten Lutz Felbick, die in der „Zeitschrift für Kulturmanagement“ erschienen ist.

Der promovierte Musikwissenschaftler hat für die größte Musikenzyklopädie der Welt, das Lexikon „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“, das ab 2017 online zugänglich sein wird, den Aachen-Artikel bearbeitet und um ein Kapitel ergänzt: den braunen Flecken in der Aachener Musikgeschichte, namentlich Peter Raabe.

„Er hat den Begriff ‚Kulturorchester‘ geprägt“, erklärt Felbick, „einen Begriff, den es so kein zweites Mal auf der Welt gibt“ und der für ihn „abgeschafft gehört“. Damit findet er indirekt selbst den Zuspruch der Versorgungsanstalt der deutschen Kulturorchester, die auf seine Anfrage hin befindet, es sei in der Tat ein Makel, dass die Rechtsgrundlage für das Versorgungswerk für Musikerinnen und Musiker an deutschen Kulturorchestern im Dritten Reich gründe.

Felbicks Fazit: Der Nazifunktionär Raabe habe dafür gesorgt, „dass zum Beispiel jeder Oboist in einem deutschen Orchester heute eine Lebensstellung hat“. Und dass Musiker anderer Stilrichtungen als der klassischen mangels fehlender öffentlicher Förderung in die Röhre gucken.

Mit solchen Schlussfolgerungen stößt Felbick auf erheblichen Widerstand: Aachens Theater-Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck, der Orchestervorstand des Sinfonieorchesters Aachen, Arnd Sartor, und der Geschäftsführende Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin, widersprechen.

In der Tat klingt es frappierend, was Lutz Felbick an Raabe-Zitaten zusammengetragen hat. Raabe, der als GMD dafür gesorgt hatte, die Zahl der Orchestermitglieder in Aachen von 48 im Jahr 1920 auf 60 im Jahr 1928 anzuheben, schmeißt das Handtuch, nachdem der Aachener Rat beschlossen hat, aus Spargründen die Zahl wieder auf 52 zu reduzieren.

Er bittet den Oberbürgermeister um Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand. Das Motiv hat es in sich – Raabe 1933: „Wie liegt die Sache nun hier in Aachen? Die Stadt unterhält mit großen Opfern Konzerte, die, so wie es Hitler immer wiederpreist, der Stärkung deutschen Wesens und deutscher Art dienen (…) Dann darf eben die Stadt nicht so nobel sein; wir können uns so gute Konzerte nicht leisten! Diesen Ton läßt aber der Führer Adolf Hitler nicht mehr gelten.“

Von missionarischem Eifer ergriffen, sieht Raabe das „hohe Kulturgut deutscher Musik“ im Verfall begriffen. Die Bedrohung sieht er im Jazz, explizit als „Niggermusik“ bezeichnet. Als Präsident der Reichsmusikkammer leitet er ab 1935 den Kampf gegen die „entartete“ Musik ein, indem er Schritt für Schritt die existenzielle Absicherung für Musiker in sinfonischen „Kulturorchestern“ durch Steuermittel organisiert. Felbick: „Seinen Einsatz für die vermeintlich heiligen Werke der deutschen Meister empfand er als eine quasi-religiöse Mission.“

Raabe entwickelt eine Idee vom „Neubau deutscher musikalischer Kultur“ durch ein jazzfreies kommunales Musikleben. „Kulturorchester“ wird unter ihm zum Kampfbegriff und zum Programm gegen das „quäckende Saxophon“, das „stereotype Gewinsel des Banjo“ als ein „unserem Volke wesensfremder Importartikel“.

Das sind Verdikte, die Lutz Felbick besonders gewurmt haben – schließlich ist er selbst nicht nur Organist und Chorleiter, sondern auch leidenschaftlicher Jazzmusiker. „Mit der 1938 erfolgten Einführung der ‚Tarifordnung für die deutschen Kulturorchester‘ und der bis heute bestehenden ‚Versorgungsanstalt der deutschen Kulturorchester‘ hatte Raabe sein kulturpolitisches Ziel eines abgesicherten Kulturorchestersystems erreicht“, resümiert Felbick.

Er zieht die Linie zur heutigen Praxis der seiner Ansicht nach einseitigen Förderung sinfonischer Orchestermusik, die nichts übrig lasse für das überaus breite Spektrum eben der „anderen“ Musik. Vor allem geht es Felbick darum, den ideologisch belasteten Begriff „Kulturorchester“ abzuschaffen.

Rolf Bolwin vom Deutschen Bühnenverein kann die Aufregung kaum nachvollziehen. „Ich bin seit 25 Jahren Bühnenvereins-Geschäftsführer und habe diesen Begriff nie bemüht, wenn es um Orchester geht, vor allem um deren oft leidenschaftliches Engagement für die zeitgenössische Musik. Ich spreche von Sinfonieorchestern, Opernorchestern oder Klangkörpern. Dass wir ihn hier und da, etwa im Tarifvertrag oder bei der Versorgungsanstalt, noch benutzen, hat praktische oder namensimmanente Gründe, aber keine inhaltliche Bedeutung.“

Ansonsten sei er völlig unüblich und werde gar nicht gebraucht. Und den Nazi-Zusammenhang mag Bolwin gar nicht gelten lassen: „Die Orchesterlandschaft in der Bundesrepublik Deutschland ist verhaftet in einem demokratisch organisierten Gemeinwesen.“

Ähnlich argumentiert Schmitz-Aufterbeck, dem der Begriff Kulturorchester zwar auf Theaterkonferenzen regelmäßig begegnet – Felbicks Schlussfolgerungen hält er allerdings für einen „Denkfehler“. „Die meisten Orchester sind doch viel älter und stammen noch aus höfischer Tradition“, sagt er. Die Orchesterlandschaft gründe auf Strukturen, die sich lange vor der Nazi-Zeit entwickelt hätten.

„Das ist ein im 17. und 18. Jahrhundert gewachsenes System. Ab dem 19. Jahrhundert gab es dann viele Orchester, die städtisch subventioniert wurden. Und nach dem Krieg wurde die Subventionierung im föderalen System weitergeführt.“ Felbicks Argumentation hält der Intendant für „verkürzt, falsch und auf polemische Weise zugespitzt.

Orchester-Vorstand Arnd Sartor bezieht gleichfalls eindeutig Stellung: „Wir sind das Sinfonieorchester der Stadt, das einen bedeutenden Part des kulturellen Lebens in Aachen einnimmt und stolz darauf ist, Teil einer bunten Kultur-Landschaft zu sein. Mit Sicherheit sehen wir uns nicht in einer Tradition mit Raabe und dessen abscheulichen Äußerungen zu außereuropäischen Musikrichtungen.“

Und: „Mit der ‚sinfonischen Monokultur‘ kann Herr Felbick sicherlich nicht den Spielplan des Theaters und des Sinfonieorchesters Aachen gemeint haben. Wir spielen Musik aus vier Jahrhunderten, Alte Musik auf Originalinstrumenten, zeitgenössische Komponisten, Oper, Operette, Musical, Cross-Over-Projekte, Film-Konzerte, Familien-Konzerte, Klezmer-Musik und selbstverständlich auch Jazz-Kompositionen.“

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