Kulturministerium der Ukraine: „Deutsche Position ist unfair”

Von: Eckhard Hoog
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Er hat das Sagen in Kiew, was die Rückgabe oder den Austausch von „Beutekunst” angeht: Yurii Savchuk vom Kulturministerium (links), hier mit dem Kiewer Beutekunst-Experten Sergej Kot und einer Moderatorin bei einer Sendung des ukrainischen Fernsehens zum Thema.

Aachen/Kiew. Der Vorschlag von Larina Kudryashova, Museumsdirektorin von Simferopol, ihre Aachener „Beutekunst”-Bilder zeitlich begrenzt gegen Kunstwerke aus dem Aachener Suermondt-Ludwig-Museum auszutauschen, hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt.

Daraus wurde nichts, nachdem in Aachen Museums-Chef Peter van den Brink erklärt hatte, das Kulturministerium in Kiew habe eine entsprechende Anfrage Kudrya-shovas abschlägig beschieden. Wir stellten jetzt dem zuständigen Mann im Kulturministerium der Ukraine, Yurii Savchuk, eine Reihe von Fragen zu den Aachener Bildern auf der Krim, die er jetzt ausführlich auf Englisch beantwortet hat.

Dabei stellt er auch die grundsätzliche Position der Ukraine zur Rückgabe von „Beutekunst” an Deutschland klar. Hier folgt die deutsche Übersetzung. Savchuk ist Vorsitzender der staatlichen Stelle zur Kontrolle des Transfers von Kulturgütern über die ukrainische Grenze beim Kulturministerium der Ukraine in Kiew.

Hat die Museumsdirektorin in Simferopol angefragt, ob sie Bilder zu einem Austausch nach Deutschland schicken kann?

Savchuk: Die staatliche Stelle zur Kontrolle des Transfers von Kulturgütern über die ukrainische Grenze hat zu keinem Zeitpunkt eine offizielle Anfrage zum Austausch der sogenannten Aachen-Bilder erhalten.

Wenn nicht, welche Antwort würde die Direktorin bekommen?

Savchuk: Zweifelsohne ist den Museumsdirektoren bekannt, dass nach ukrainischem Recht alle Ausstellungsstücke in den staatlichen Museen im Besitz des staatlichen Teils des ukrainischen Museums-Fonds sind. Die Kontrolle über Anforderung, Aufbewahrung, Gebrauch und Transfer dieser Kulturgüter unterliegt dem ukrainischen Kultur- und Tourismusministerium. Aus diesem Grund sind Aachener Bilder, die im Kunstmuseum in Simferopol ausgestellt sind, Eigentum der Ukraine. Die entsprechende Abteilung des ukrainischen Kultur- und Tourismusbüros ist autorisiert, jegliche Verhandlungen über deren eventuellen Austausch abzuwickeln.

Zudem gibt es gemäß der Übereinkunft zwischen den Regierungen der Ukraine und der Bundesrepublik Deutschland über die Zusammenarbeit im kulturellen Bereich seit 1993 die ukrainisch-deutsche Kommission zu Fragen der Rückkehr und Rückgabe verlorengegangener und illegal entwendeter Kulturgüter im Zweiten Weltkrieg. Im Rahmen dieser Kommission wird der ukrainisch-deutsche Dialog zur genannten Kategorie der Ausstellungsstücke geführt.

Ist es denkbar, mit Deutschland eine Ausnahmeregelung zu vereinbaren, so dass ein Austausch zustande kommt?

Savchuk: Zum besseren Verständnis der offiziellen Position der ukrainischen Seite muss herausgestellt werden, dass die ukrainische Kultur als Folge des Zweiten Weltkriegs außerordentlich große Verluste erlitten hat. Die Faschisten haben die systematisch geplante Beraubung von Museen, Bibliotheken und nationalen Kunstsammlungen in die Tat umgesetzt. Dabei handelt es sich um 151 zerstörte oder ausgeraubte Museen, mehr als 300.000 Ausstellungsstücke, rund 51 Millionen Bücher und 46 Millionen Archivbände.

Allein das Kunstmuseum in Simferopol hat während des Bombardements durch die Deutsche Luftwaffe mehr als 2000 außerordentlich wertvolle Ausstellungsstücke verloren. Dennoch hat die Ukraine, ungeachtet des erfahrenen Leids, Deutschland immer wieder ihren guten Willen signalisiert: Die Ukraine hat in einseitige Transfers von Kulturgütern eingewilligt, angefangen mit der Rückgabe enormer Mengen von Ausstellungsstücken der Dresdener Galerie zur Zeit der Sowjetunion bis hin zu beträchtlichen Transfers in den Jahren unserer Unabhängigkeit (insgesamt Zehntausende von gelagerten Kunstgegenständen).

Heute haben wir das Recht, gleiches auch von deutscher Seite zu erwarten. In den letzten Jahren hat die ukrainische Seite in Verhandlungen wiederholt ihre Position im Hinblick auf die Bedingungen unterstrichen, die die ukrainisch-deutsche Zusammenarbeit im Bereich entwendeter Kulturgüter während des Zweiten Weltkriegs vorsieht, das Hauptprinzip, wonach Deutschland seine Rückgabepflicht gegenüber der Ukraine anerkennen muss. Die ukrainische Seite ist bereit, mögliche Kompromisse hinsichtlich deutscher Kulturgüter in Erwägung zu ziehen, die der Ukraine als Kompensation für die durch die Nazis erlittenen Verluste zugesprochen wurden - unter der Bedingung, dass die verlorenen ukra-inischen Kunstgegenstände zurückgegeben werden oder eine Entschädigung mit anderen Ausstellungsstücken erfolgt.

Letzteres wird als am verlässlichsten erachtet. Langjährige Erfahrungen der ukrainisch-deutschen Zusammenarbeit haben gezeigt, dass es auf deutscher Seite nur noch ukrainische Ausstellungsstücke gibt, die nicht aus Museen „der ersten Reihe” stammen. Daher kann ein Austausch nur nach dem folgenden Prinzip erfolgen: Wenn ein Ausstellungsstück aus einem ukrainischen Museum zurückgegeben wird, müssen deutsche Ausstellungsstücke exakt an dieses Museum zurückgegeben werden.

Leider muss man betonen, dass die deutsche Seite auf eine andere Formel kommt: Kulturgüter müssen nach ihrem Fund in einem einseitigen Transfer sofort an das Herkunftsland zurückgegeben werden. Berücksichtigt man die riesigen Verluste der Ukraine, ist diese Position unfair und der historischen Logik beraubt. Dieser Standpunkt ist nicht zu rechtfertigen, auch nicht vor den zuständigen Normen internationaler Übereinkünfte, da er manche europäische Länder benachteiligt. Die Ungleichmäßigkeit von Bedingungen ist eine Verletzung des fundamentalen Unesco-Grundsatzes. Dieses komplexe Problem muss von der Ukraine und Deutschland in naher Zukunft gelöst werden.

Könnte das Museum in Simferopol ein Geschenk, etwa ein oder zwei Bilder, annehmen und diese dann nach Aachen vorübergehend ausleihen?

Savchuk: Nach Ende des Zweiten Weltkriegs beschloss die sowjetische Regierung den Export der Kulturgüter aus Deutschland in die UdSSR als Wiedergutmachung für die durch die Nazis erlittenen Verluste. Ein unerheblicher Anteil dieser Kulturgüter gingen an die ukrainischen Museen und Bibliotheken; gemäß nationaler Gesetzgebung gehören diese Ausstellungsstücke zum Eigentum der Ukraine. Bilder aus Aachen gehören zu dieser Kategorie der Kulturgüter.

Wie groß ist das Interesse von ukrainischer Seite an einem kulturellen Dialog mit Deutschland?

Savchuk: Die Ukraine hat ein genauso großes Interesse an der Rückgabe verlorener Kulturgüter wie Deutschland.
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